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Mord im Hause der Atriden (v.li.): Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah.

Premiere von „Dionysos Stadt“ an den Münchner Kammerspielen

Zehn Stunden Antike: Bis einer blutet

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Christopher Rüping inszenierte an den Münchner Kammerspielen sein Antiken-Projekt „Dionysos Stadt“. Zehn Stunden dauert das unterhaltsame Spektakel. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:  

Im Anfang war die Ratlosigkeit: „Sagt man da jetzt ,Guten Mittag’?“, fragt Nils Kahnwald, als er um 13 Uhr die Bühne der Münchner Kammerspiele betritt. Im Hintergrund richten derweil seine Schauspielkollegen die Bühne her. Mit der Premiere von „Dionysos Stadt“ startet das städtische Theater am Samstag auch im Schauspielhaus in die neue Saison: Für sein Antiken-Projekt hat sich Regisseur Christopher Rüping an den Dionysien orientiert. Die Festspiele zu Ehren des Gottes Dionysos waren ein dichtes gesellschaftliches Mit- und Nebeneinander von Theater und Theologie, Politik und Party. Fünf Tage nahmen sich die Griechen dafür Zeit; Rüping und seine acht hochengagierten Darsteller schaffen es in knapp zehn Stunden. Eine Herausforderung, dennoch.

Ein bisschen platt: Aigisthos (Majd Feddah) in der „Orestie“.

Deshalb macht Kahnwald, neben Maja Beckmann eine Art Primus inter Pares dieser Inszenierung, in der ersten halben Stunde lockeres Aufwärmen. Ein bisschen Stand-up (50 Euro bietet er einem Zuschauer, wenn er bis 23 Uhr bleibt – bei den Dionysien wurde dem Publikum schließlich auch der Verdienstausfall erstattet), ein paar Verhaltensregeln: Zeigt die Raucherampel auf der Bühne Grün, dürfen Zuseher hoch auf die Raucherbank zum „szenischen Rauchen“.

Nach und nach führt Kahnwalds Prolog jedoch unangestrengt via (küchen-)philosophischem Nachdenken über Zeit, Vergänglichkeit, Zukunft zurück zu Prometheus und der Erfindung des Menschen. Bereits hier zeigt sich, wie durchdacht Rüping sowie seine Dramaturgen Valerie Göhring und Matthias Pees Brücken über die Zeitläufte hinweg schlagen. Gleich der antiken Praxis ist „Dionysos Stadt“ in drei Tragödien und ein Satyrspiel unterteilt, wobei der Regisseur auf keines der bekannten Stücke allein zurückgreift, sondern aus diversen Texten zum jeweiligen Thema das Leitmotiv kompiliert.

„Dionysos Stadt“ besteht aus drei Tragödien und einem Satyrspiel

Besonders eindrucksvoll glückt dies im ersten Teil, als unter anderem Goethes „Prometheus“-Ode auf Heiner Müllers „Prometheus“-Prosa aus „Zement“ trifft: ein herrliches literarisch-sprachliches Funkeln. Jeder Teil hat eine andere inszenatorische Handschrift, verbunden sind die Tragödien durch Prometheus und seine Tat: Dadurch, dass er den Menschen das Feuer brachte, gab er ihnen Macht über ihr Dasein. „Wir kommen nach Prometheus. Wir sind verantwortlich für unser Schicksal und alles, was daraus entsteht“, heißt es einmal. Folgerichtig taucht Benjamin Radjaipour in der Rolle des Titanen, übergossen vom Kot des Adlers, der ihn quälte, in allen drei Teilen auf. Ein Wiedergänger, der nach seinen Geschöpfen schaut.

Im Krieg um Troja: Nils Kahnwald und Maja Beckmann.

Jonathan Mertz hat eine eindrucksvolle, wandelbare Stahlkonstruktion ins Schauspielhaus gebaut. Sie erinnert an die Zuschauerränge antiker Theater, symbolisiert im ersten Teil zudem den Kaukasus, an den Prometheus auf Zeus’ Befehl zur Strafe für sein Tun geschmiedet wurde. Obwohl es zwischendurch spektakelt, ist dieser Auftakt beeindruckend klar und konzentriert inszeniert. Im zweiten Teil wird das Bühnenbild zu Trojas Mauern. Es sind die zweieinhalb heftigsten, lautesten Stunden der Inszenierung, deren Text herausgebrochen wurde aus der „Ilias“. Die Brutalität des Krieges rollt in einer Walze aus Klang, Rhythmus, Sprache, Bewegung über die Zuschauer. Am Schlagzeug gibt Matze Pröllochs den unerbittlichen Takt der Kämpfer, der Vernichtung vor, während Peter Brombacher die Schlachtordnungen referiert.

Apollon erscheint am Ende der „Orestie“.

Ein Gewaltakt. Er scheint Recht gehabt zu haben, der Göttervater Zeus, den Majd Feddah zu Prometheus im ersten Teil sagen ließ: „You give them the Fire. They build Bombs.“ Denn blutig geht es weiter, in der „Orestie“ wird der Verfall einer Familie seziert, die gefangen ist im Kreislauf aus Mord und Rache. Doch Rüping – wissend, dass er nach mehr als sechs Stunden das Publikum jetzt neu anfixen muss – zeigt die Geschichte als Telenovela: mit Vorspann und Cliffhanger. Ganz nach dem Motto, mit dem Pylades die Atriden charakterisiert: „Ihr seid eine echt anstrengende Familie.“ Hier ist alles ein bisschen drüber – die Gesten, die Betonungen, das Pathos, die Kalauerfrequenz. Bis einer blutet. Und dennoch: Die Tragödie funktioniert selbst in schlichtester Daily-Soap-Kulisse zwischen Küche und Bad.

Beim abschließenden Satyrspiel, das die Spannung beim Publikum nach den vorausgegangenen Desastern lösen soll, wird Fußball gespielt: Kicken auf Kothurnen, wie Dionysos’ Stiefel genannt wird, der zum Kostüm im antiken Theater gehörte. Derweil rezitiert Kahnwald den Essay „La Mélancolie de Zidane“, in dem der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint über Schönheit und Verderbtheit von Zidanes Kopfstoß gegen den Italiener Materazzi im WM-Finale 2006 reflektiert: „Zidane war von den feindlichen Gottheiten der Melancholie wieder eingefangen worden.“ Ein unaufgeregtes, gerade deshalb berührendes Finale.

Am Ende: minutenlange Standing Ovations

Obwohl nicht jeder Einfall zündet, hängt „Dionysos Stadt“ selten durch. Es sind zehn unterhaltsame, theatersatte Stunden. Getragen wird dieser gewaltige Genuss von einem Ensemble, das mit enormer Spiellust das Spektakel gelingen lässt. Als Matthias Lilienthal im Mai die Pläne für seine vorletzte Spielzeit als Intendant der Kammerspiele präsentierte, sagte er über Rüpings Vorhaben: „Wir machen ein Projekt, mit dem wir so richtig schön auf die Nase fliegen können.“ Weit sind sie davon entfernt. Minutenlange Standing Ovations, heftiger Applaus, lauter Jubel.

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