Drei Männer auf einer Theaterbühne. Der Mann rechts in Uniform deutet brüllend auf den in der Mitte sitzenden Zivilisten. Der Herr links im Schlafanzug und mit Gamsbart weint jämmerlich.
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„Frieden? Ist ja noch beschissener als Krieg!“ Denn wer die Schlacht überlebt hat, bekommt sie dennoch nicht aus dem Kopf. Szene mit (v. li.) Simon Zagermann, Vincent Glander und Lukas Rüppel.

Alexander Eisenach inszenierte am Münchner Residenztheater

„Einer gegen alle“: Oskar Maria Graf trifft Betty Boop

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Mit „Einer gegen alle“ schrieb Oskar Maria Graf einen Kriegsheimkehrer-Roman. Jetzt hat Regisseur Alexander Eisenach den Stoff fürs Münchner Residenztheater inszeniert. Unsere Premierenkritik:

Betty Boop hat Angst. Wer kann es ihr verdenken? Auf dem dünnen Vorhang im Münchner Residenztheater ziehen Kampfszenen aus der Geschichte der Menschheit vorbei. Zwar mögen die Projektionen mit nur wenigen Strichen gezeichnet sein, doch allein die Anzahl dieser Höhlenmalereien des Horrors lässt schaudern. Da ist ein Hauen und Stechen, ein Schlagen, Schlitzen und Schießen, ein Verbrennen und Vernichten.

Kein Wunder, dass sich die Cartoonfigur, deren Augenaufschlag eigentlich so viel über die Lebenslust der „Roaring Twenties“ verrät, vor all der Grausamkeit fürchtet. Ängstlich drückt sich Betty an ihren Freund Bimbo, mit dem sie abgehauen ist. Doch selbst dem sonst forschen Hund ist die Panik ins Gesicht geschrieben.

„Einer gegen alle“ startet mit Betty Boop

Alexander Eisenach zeigt dieses Motiv aus dem Zeichentrickfilm „Minnie the Moocher“ (1932), das er um jene Schlachtenskizzen ergänzt hat, zu Beginn seiner Inszenierung am Residenztheater: „Einer gegen alle“ frei nach Oskar Maria Graf (1894-1967) hatte am Freitag Premiere. Der Autor brachte seinen Kriegsheimkehrer-Roman im selben Jahr heraus, in dem auch Betty Boops Abenteuer auf die Leinwand kam; beide Werke haben jedoch noch mehr miteinander gemein.

Ausgangspunkt des etwas mehr als 100 Minuten langen, pausenlosen Abends ist die Geschichte des Bauernburschen Georg Löffler. Der kommt aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause – und kann den Kampf dennoch nicht hinter sich lassen. „Man hat uns aufs Umbringen dressiert – und jetzt sollen wir wieder ordentlich sein? Nicht mit mir.“ Der Girgl, wie er gerufen wird, ist schwer traumatisiert und findet sich im fragilen Frieden, zwischen Räte-Revolution und Geburt der Weimarer Republik, nicht zurecht. „Ich bin nur das, was die Anderen aus mir gemacht haben“, lautet seine lapidare Erklärung.

Alexander Eisenach hat die Graf-Texte ergänzt

Die Stärke von Eisenachs Bearbeitung des Stoffs, den er unter anderem mit weiteren Graf-Texten ergänzte, ist, dass er geschickt den Bogen von 1919 ins Heute schlägt und Zeitgrenzen verwischt. Girgls Verlorenheit, sein haltloses Hineingeworfensein in eine Welt, die nichts mit der zu tun hat, in der er sich auskennt, findet sich auch in unserer Gegenwart. Und wenn Menschen als „funktionstüchtig, widerstandslos, friedlich“ charakterisiert werden, wenn es über das Dasein heißt „Wir lebten vor einem Spiegel. Und wir lebten für einen Spiegel.“ – wen interessiert’s da noch, wann das geschrieben wurde? Weder Graf noch Eisenach übersehen die Gefahr solcher kollektiven Orientierungslosigkeit, die rasch zur gefaselten Sehnsucht nach einem „Diktator“ wird.

Die Bühne zitiert die Radierung „Kriegskrüppel“ von Otto Dix

Daniel Wollenzin hat auf die Bühne eine stilisierte Häuserzeile gebaut. An der Wand, deren Struktur an jene aus Otto Dix’ Radierung „Kriegskrüppel“ erinnert, zieht einer jener Versehrten vorbei, die der Maler und Grafiker 1920 porträtiert hat. Ähnlich plakativ lässt Eisenach sein Ensemble agieren: Da ist viel im Stil eines Comics erzählt, zudem hat Oliver Rossol den Blick seiner Live-Kamera an B-Movies geschult. Das rasante Tempo, die ausgestellten Gesten, die hochtourigen Aktionen machen die Brutalität erträglich, unter der die geschundene Seele leidet, und dringen durch die Übersteigerung zum Kern vor: „Wir müssen endlich erkennen, welch’ gewalttätige Wesen wir sind. Nämlich Menschen.“

Wie Georg Löffler wird übrigens auch Betty Boop von Gespenstern gequält. Fratzen verfolgen sie in „Minnie the Moocher“; sie sieht Skelette, die sich an der Bar betrinken, und Geister, die auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Panisch flieht sie mit Bimbo zurück ins Haus der Eltern. Vom Abschiedsbrief, den die Ausreißerin geschrieben hat, bleibt am Ende nur ein Fetzen übrig. „Home sweet Home“ steht darauf. Grafs Kriegsheimkehrer sollte seines indes nicht mehr finden.

Herzlicher Applaus.

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