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Ein ungleiches Schwesternpaar in jeglicher Hinsicht: Elektra (Ausrine Stundyte, re.) und Chrysothemis (Asmik Grigorian).

PREMIERENKRITIK

„Elektra“ bei den Salzburger Festspielen: Wer Ohren hat, sieht mehr

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Dass sie überhaupt stattfand, ist das größte Wunder. Doch die Salzburger „Elektra“ ist nur musikalisch fulminant.

Salzburg - Ein Mikro, einsam in der Bühnenmitte. Die Präsidentin könnte dort gleich stehen, mit freundlichen Worten zum „Jetzt erst recht“ ihrer Festspiele, vielleicht auch mit finalen Bitten Helga Rabl-Stadlers zum Thema Masken und Abstand. Doch Letzteres erledigt eine Lautsprecheransage. Und bevor die Wiener Philharmoniker das dreitönige Agamemnon-Motiv in die Felsenreitschule meißeln, stöckelt eine größere Dame herein, es ist Mama. „Nicht ich! Er ist der Dämon!“ Eine Rechtfertigung. Wortreich, im Geifer-Crescendo und lang, sehr lang. Beim Mord an Agamemnon plädiert Klytämnestra, basierend auf der antiken Aischylos-Textvorlage, auf Notwehr. Was bedeutet: Der Schock des Beginns, die Explosivität des Partitur-Beginns, das ist erst einmal dahin, zerredet.

Aber je länger die folgenden 100 Minuten Musik dauern, je mehr Regisseur Krzysztof Warlikowski seine Modernismen raunend bis unschlüssig abarbeitet, desto deutlicher wird: Inszenierung, so etwas ist an diesem Salzburger Spätnachmittag nachrangig. Auch weil sich schon bald die Klangarbeit des Dirigenten vor alles andere schiebt. Und weil diese „Elektra“-Premiere überhaupt stattfindet. Dicht gedrängt die alle paar Tage Corona-getesteten Wiener Philharmoniker im Graben, in den Publikumsreihen nur jeweils ein freier Platz als Abstandshalter: Da muss der deutsche, vor allem bayerische Besucher, der viel restriktivere Maßnahmen gewöhnt ist, schlucken. Gut, da sind Desinfektionsspender in den Foyers, die Masken in den Gala-Gesichtern. Aber da gibt es eben auch: Gedrängel beim Einlass, fächelnde Damen und heftige (berechtigte!) Bravi am Ende. Eine Jubel-Emission.

Fast konkurrenzlose Strauss-Verfeinerung

Richard Strauss in Salzburg, diese Aufgabe schultern seit Jahren Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker. Der Ex-Chefdirigent der Wiener Staatsoper hat seit seinem unwirschen Abgang dort vor sechs Jahren mit der Edel-Truppe eine neue Freiheit der Interpretation gewonnen. Eine fast konkurrenzlose Strauss-Verfeinerung. Alles ist da: die explosiven Mixturen, die neonfarbenen Klanglasuren, die frappierende Steigerung bis zum gleißenden Dur-Finale, vor allem aber eine Filigranarbeit im Intimen. Der zeitlich nahe „Rosenkavalier“ schleicht sich herein, die Seufzer- und Klagegesten der Orest-Szene vermitteln im Doppelsinn unerhörten Subtext. Kein Takt ist nur Effekt. Alles ist wie selbstverständlich entwickelt, kanalisiert – und hinterfragt. Man staunt über das traumwandlerische Einverständnis zwischen Orchester und Dirigent, über die Natürlichkeit auch in den heftigsten Ballungen.

Als Sängerversteher drängt sich Welser-Möst nie vor die Solisten. Bei Ausrine Stundyte in der Titelrolle gibt es da einiges zu tun. Die Litauerin kann ein paar eindrucksvolle Hochtöne abfeuern. Ansonsten hört man auch viel Stumpfes, Ausgesungenes, eine Stimme, die unter Druck am besten funktioniert. Besetzungsabsicht oder nicht – stark unterscheidet sie sich damit von Asmik Grigorian als Chrysothemis. Ob in Klang, Rollenverständnis oder Textdurchdringung: Die Konfrontation der beiden Schwestern wird da in vielerlei Hinsicht offenbar.

Nur modernistischer Regie-Rahmen

Warlikowski sieht das Stück als Generationen-Clash. Hier Chrysothemis als Fräulein Genervt, dort ältere Schwester, Mutter, sogar eine stumme Oma (Leda?) nebst Damen-Gesinde in schicken Kostümen, die um Vergangenes kreisen. Asmik Grigorian knüpft an ihre epochale Salome der vergangenen beiden Salzburger Sommer an. Ob mit dramatischer Schärfe oder wie beiseite gesungen: Bei dieser Natur-Intensität braucht’s keinen Lenker im Regiestuhl. Warlikowski, mehr interessiert am modernistischen Rahmen, lässt seine Solisten weitgehend allein. Derek Welton, mit attraktivem Warmblüter-Bariton auf dem Weg zum Wotan, ist als Orest verpeilter Twen im Norweger-Pulli. Elektras Szene mit Tanja Ariane Baumgartner, die als Klytämnestra Dämonie, Bizarrerie und Hyper-Erotik mehr behauptet statt erfüllt, verpufft gleich ganz: „Social Distancing“ mag in den Foyers vergessen worden sein, auf der Bühne funktioniert es.

Während Warlikowski seine Münchner „Salome“ überfrachtete mit Bedeutung, Hintergrundinfos und Nebenerzählung, bleibt die Salzburger Inszenierung des Schwesterstücks merkwürdig offen. Aus einem hohen, gläsernen Zimmerkasten wandelt anfangs der tote Agamemnon – ein Erinnerungsraum könnte das sein, ein Käfig der Vergangenheit. Warlikowski führt das wie vieles andere nicht zu Ende, arrangiert nur Andeutungen. Die metallene, gebogene Rückwand, die Sitzbänke, auf der die Figuren vereinsamen (Ausstattung: Marlgorzata Szcześniak) wollen Kühlelemente sein und Kontrastmittel zur Emotion der Musik. Gern wird zur Checkliste des Regietheaters gegriffen, etwa, wenn Elektra ihren Monolog geschafft hat: Es gibt die Zigarette danach, überraschenderweise keinen Whisky (oder Ouzo?). Wer in dieser Aufführung Ohren hat, sieht mehr.

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