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Energiezentrum: Elaine Ortiz Arandes als Emilia mit Tilmann Unger als Albert.

Premiere am Gärtnerplatz: Nur kleine Fluchtversuche

München - Der Intendant am Münchner Gärtnerplatz-Theater, Ulrich Peters, inszenierteLeos Janáceks Werk „Die Sache Makropulos“. Lesen Sie hier, wie die Premiere ausfiel.

„Prag 1922“ steht darüber, und damit fängt das ganze Problem schon an. Wie immer, wenn eine Oper geschichtlich exakt verankert ist – ähnlich jenem „Wien zur Zeit Maria Theresias“, an dem sich die „Rosenkavalier“-Regisseure seit Jahrzehnten mit viel Dramaturgenschweiß abarbeiten. Wie also interpretieren, wie hinter die Handlung blicken, wenn die Autoren ein historisches Zeit- und Sittengemälde suggerieren? Leo(s) Janá(c)ek ist in seiner späten Oper „Die Sache Makropulos“ sogar noch hinterlistiger: Im real aufrauschenden Prag der Zwanzigerjahre lässt er ein irreales Gespenst umgehen, dessen Tragödie zur Debatte über Sterblichkeit und ewig’ Leben einlädt.

Und all diese Spagate, all diese – fruchtbaren – Widersprüchlichkeiten sieht man dieser Gärtnerplatz-Produktion an. Weil sie, und das ist die Krux, ungelöst bleiben. Es ist wie so oft, wenn sich Hausherr Ulrich Peters in den Regiestuhl setzt: Dass er ein versierter Solistenbeschäftiger ist, merkt man schon. Auch dass er um Befindlichkeiten weiß und darum, wie seinen Sängern bestmöglicher Freiraum ermöglicht wird.

Aber dort, wo Regie über all das hinauswachsen müsste, wo sich andere Dimensionen jenseits von Gesten- und Gänge-Stereotypen eröffnen sollten, da bleibt es unverbindlich. Und wer sich die Ohren zuhält, macht eine entlarvende Entdeckung: In Dieter Richters sorgsam nachgebauten Innenräumen könnte problemlos anderes angerichtet werden – von der „Fledermaus“ bis zur Klipp-Klapp-Komödie à la Bayerischer Hof. Dabei kommt es Janá(c)ek doch auf Zeitloses, im Doppelsinn Übermenschliches an – was die Regie in ihrer biederen Ausstattungspuzzelei übersieht.

Immerhin: Kleine Fluchtversuche aus dem nachbuchstabierten Realismus gibt es. Die sündteure Kostümshow des Design-Duos Talbot/ Runhof etwa, die über Farbwirkungen Verwandtschaften und Querverbindungen andeutet. Auch Projektionen oder das große Gemälde im Hintergrund: ein Fenster zur Surrealität, das zwischen Böcklins „Toteninsel“, Prag-Bildern und Emilia-Augen von Symbolischem raunt, aber unterm Strich in der Dia-Show steckenbleibt.

Und je länger der Abend dauert, desto mehr wünscht man Solisten wie Elaine Ortiz Arandes oder Gary Martin einen zweiten Versuch unter anderen Vorzeichen. Ortiz Arandes ist als Emilia Marty ein (notwendiges) Energiezentrum der Aufführung. Die Am-Leben-Klebende und Vom-Leben-Angewiderte, die Verführerin und Verletzte nimmt man ihr ab. Gerade weil diese Facetten Emilias nie ausgestellt werden – und weil Ortiz Arandes all das dank ihres herben, lyrisch grundierten und zu dramatischer Größe fähigen Soprans anklingen lassen kann.

Gary Martin ist ihr da in vielerlei Hinsicht ähnlich: ein Sänger, dessen Spiel und sehr charakteristisches Baritontimbre sich schnellen Einordnungen entzieht und der daher als Jaroslav Prus viel mehr gefordert werden könnte. Mithalten kann da nur Stefan Sevenich als fast überpräsenter Advokat Kolenaty, während Tilmann Unger (Albert Gregor) neutral bleibt und viel Energie für seine vertrackte Partie verwendet. Das übrige Ensemble liefert achtbare bis bemerkenswerte Typenstudien, lässt durchhören, wie heikel die Rollen notiert sind – und wie problematisch es ist, angesichts Janá(c)eks ausgeklügelter tschechischer Sprachvertonung auf die hakende, oft unfreiwillig komische deutsche Fassung zu vertrauen: Warum eigentlich, wenn es ohnehin Übertitel gibt?

Dirigent David Stahl gelüstet’s weniger nach filigraner Klöppelei, eher nach Starkstrom-Arbeit. Die Wucht, das Klangfarben-Spiel, die Modernität der Partitur wird erlebbar – auch wenn dabei im imponierend spielenden Orchester manche Späne fliegen. Doch der doppelbödige Konversationston, das so vielsagende „Beiseite“-Singen und -Begleiten liegen ihm weniger.

Eine Aufführung also, die für Janá(c)eks Opus allenfalls Näherungswerte liefert. Und dass darob Jubel losbrach, war wohl auch als Aufmunterung gemeint für den inszenierenden Chef, der 2012 abtreten muss. Ein Jammer nur, wenn zum nächsten Münchner Versuch – nach einer ähnlich lauwarmen Staatsopern-Produktion Anno 1988 – wieder 22 Jahre vergehen müssten.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen Montag, 1., 8., 20., 28.4.; Telefon 089/ 2185-1960.

Die Handlung

Am jahrzehntelangen Erbschaftsstreit zwischen den Familien Prus und Gregor verdient die Advokatensippe Kolenaty bestens. Operndiva Emilia Marty kennt Details aus der Vergangenheit, die niemand wissen kann. Sowohl Jaroslav Prus als auch sein Sohn Janek sind in sie verliebt. Sie will von Jaroslav dringend ein geheimnisvolles Dokument kaufen. Sein Preis: Emilia muss sich ihm hingeben. Sie geht darauf ein – Jaroslavs Sohn Janek bringt sich um. Das Geheimnis des Papiers wird aufgeklärt: Es enthält eine Formel für ein Elixier, das ewiges Leben ermöglicht. Emilia ist in Wahrheit Elina Makropulos und 330 Jahre alt. Die jüngsten Ereignisse haben sie aber resignieren lassen. Sie gibt das Dokument an Janeks Verlobte weiter und stirbt.

Die Besetzung

Dirigent: David Stahl.

Regie: Ulrich Peters.

Bühne: Dieter Richter.

Kostüme: Johnny Talbot, Adrian Runhof.

Darsteller: Elaine Ortiz Arandes (Emilia Marty), Tilmann Unger (Albert Gregor), John Pickering (Vitek), Thérèse Wincent (Christa), Gary Martin (Jaroslav Prus), Robert Sellier (Janek), Stefan Sevenich (Advokat Kolenaty) u.a.

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