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Hans-Jürgen Schöpflin spielt von Aschenbach (li.), Gary Martin den Reisenden.

Zur Premiere am Gärtnerplatz: Venedig an der Isar

Ein Klassiker. Merkwürdig und sträflich daher, dass er in München (zu) selten gespielt wird. Das Gärtnerplatztheater widmet sich nun Benjamin Britten und bringt seine letzte Oper „Tod in Venedig“ heraus. Premiere ist am 20. Juni.

Ganz oberflächlich gesehen, ist die Sache schnell klar – ob beim Lesen der berühmten literarischen Vorlage von Thomas Mann oder beim Erleben der Britten-Oper: Älterer Mann trifft auf Jüngling, stellt ihm fasziniert nach, vermeidet eine direkte Kontaktaufnahme, auch weil er über sich selbst erschrocken ist. „Man hat das Stück schnell zu Ende erzählt, wenn man sagt: Aschenbach will mit Tadzio ins Bett.“ Doch genau das möchte Regisseur Immo Karaman vermeiden. Weil es zu kurz gedacht ist. Und weil es eben nur eine von vielen Facetten dieser Oper ist.

„Vordergründig geht es sicher um das späte Outing eines Mannes, der sein Leben gelebt hat“, sagt Karaman. Aber da ist noch vieles andere: die Erotik der Jugend, für die Tadzio steht und in der sich Aschenbach wiedererkennt. Auch die Obsession, einen anderen besitzen zu wollen. Nicht zuletzt das (Versteck-)Spiel mit Identitäten. Alles Aspekte, die mit Homosexualität oder Pädophilie nur bedingt zu tun haben.

An der verengten Wahrnehmung der Oper „Tod in Venedig“, die am Gärtnerplatz als „Death in Venice“ im englischen Original mit Übertiteln gespielt wird, ist wohl auch Vorlagen-Schöpfer Thomas Mann schuld, der Autobiografisches einarbeitete. Und die Vita des Komponisten spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Benjamin Britten schrieb die Partie des Aschenbach – wie viele andere auch – für seinen Lebensgefährten Peter Pears.

Das Uneindeutige im „Tod in Venedig“ möchte Immo Karaman auf der Bühne zeigen. „Keine einzige Berührung“ werde es zwischen Aschenbach und Tadzio geben. Überdies erwartet das Publikum keinerlei Venedig-Nachbau. „Die Stadt ist nicht mehr das, was sie Anfang des 20. Jahrhunderts war.“ Damals, so Karaman, war die Serenissima auch ein Sündenpfuhl, ein Ort des emotionalen Auslebens. „Heute wirkt sie auf mich wie eine Kopie von Las Vegas.“ Für den deutsch-türkischen Regisseur ist diese Produktion seine erste Münchner Arbeit. Immo Karaman , 1972 in Gelsenkirchen geboren, darf man durchaus als Senkrechtstarter bezeichnen. 2001 debütierte er in seiner Heimatstadt mit Bartóks „Blaubart“, inszenierte bereits an der Deutschen Staatsoper Berlin Monteverdis „Ulisse“, in Dortmund Verdis „Traviata“ und in Leipzig Brittens „Turn of the Screw“.

Regie als Beruf, das stand für Karaman schon „mit 16, 17“ fest. In der Schule hatte er eine eigene Theatergruppe. Danach ging’s Richtung Kino, bevor er ein Musikstudium absolvierte und dank einer einzigen Regie-Hospitanz dem Musiktheater verfiel: Strauss’ „Fledermaus“, inszeniert von Dietrich Hilsdorf. Wer sich Karamans Vita durchliest, merkt schnell: Ein Mann fürs Standard-Repertoire ist der Wahl-Berliner nicht. „Prinzipiell bin ich eher auf der Suche nach Neuem. Ich zweifle daran, ob man unbedingt die 32 000 ,Carmen‘ machen muss.“ Er interessiere sich für Stoffe, die man dem Publikum erstmals erzählen könne. Und dass er zu zwei Tonschöpfern (noch) keinen Zugang gefunden habe, lässt den Opernfan erst einmal zurückprallen: immerhin die Zentralgestirne Mozart und Wagner. „Ich schätze Mozart und seine Analysen total. Aber es funkt nicht richtig bei mir.“ Und Wagner, der immer aufs Ganze ziele, sei ihm „gestisch nicht detailliert genug“.

Karaman („Man muss ja nicht alles können“) schätzt das Springen durchs Repertoire ohnehin nicht. Nach der Münchner Premiere folgt zum Beispiel mit „Peter Grimes“ schon der nächste Britten. Und wenn der Regisseur übers Inszenieren redet, äußert er auch kaum verhohlene Kritik an den Kollegen – natürlich ohne Namensnennung. „Ich habe keinen Zugang zu einem Theater, das nur dramaturgische Signale aussendet.“ Ihm gehe es um den „sinnlichen Zugang“ zum Stück, um den Stoff „in all seiner Größe“. Auch wenn er es nicht direkt ausspricht: Karaman möchte für einen anderen Regisseur-Typ stehen. Er habe in den Theatern eine große Verunsicherung beobachtet, was die Rolle seines Berufsstandes betreffe. „Viel zu oft ist da eine Front zwischen Darsteller und Regie, auch zwischen Inszenierung und Publikum entstanden. Dabei haben wir doch eine ganz klare Aufgabe: Wir sind die Vermittler.“

Von Markus Thiel

Zusatzprogramm:

Auf Aschenbachs Spuren bietet Dirk Heißerer einen literarischen Stadtspaziergang durch München an. Termine am 21. und 26.6. sowie am 17. und 19.7. (15 Uhr). Anmeldung unter www.gaertnerplatztheater.de.

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