Die Zauberflöte schützt Tamino (Robert Sellier) und Pamina (Stefanie Kunschke). F: Posch

Premiere am Gärtnerplatz: Vom Warzenschwein beäugt

München - Rosamund Gilmore inszenierte Mozarts „Zauberflöte“ für das Münchner Gärtnerplatztheater.

Ein unaufführbares Stück? Jedenfalls klemmt es zwischen allen Fronten. Auf der einen Seite gibt es jene, die dank frühkindlicher Prägung schon immer wussten, wie die „Zauberflöte“ geht. Auf der anderen Seite regieführende Skeptiker, die sich mit (inzwischen reichlich abgestandenem) Dramaturgenschweiß an der „verdächtigen“ Familientauglichkeit abarbeiten. Und dann gibt es noch diejenigen, die verzweifelt versuchen, dieses überquellende Gebräu aus Märchen, Hitparade, Vorstadtschwank, Generationenkampf und Freimaurerei zu packen, zu balancieren, einfach alles zu zeigen, was sie in Mozarts Opus zu erkennen glauben.

Und wenn man das alles mal beiseiteschiebt, ohne es zu ignorieren? Rosamund Gilmore ist das gerade gelungen. Jene Regisseurin also, die für die Theaterakademie Eötvös’ „Drei Schwestern“ als wundersam vieldeutigen Abend ins Prinzregententheater zauberte. Und die nun dem Gärtnerplatztheater eine Aufführung beschert, die die Besucherquote erheblich nach oben treiben wird. Alles ist bei Gilmore und in der hübschen barocken Einheitsarchitektur (Friedrich Oberle) da, wo’s hingehört. Kein Versuch, die Brüche zu kitten: Man nimmt das Stück, wie es ist. Die Wände links sind bemalt mit der dunklen Welt der Königin, rechts mit der toskanischen Lichtlandschaft Sarastros. Über den Türen gemahnen die Schriftzüge „Natur“, „Vernunft“ und „Weisheit“ an Mozarts freimaurerische Quellen. Und Papageno ist weder süßlicher Sparwitzbold noch verkrachter Tramp, sondern dank des hochkomischen Daniel Fiolka ein leicht gespreizter, lockerer Typ von heute, bei dem nicht nur die Frisur an eine befederte Opernversion von Otto Waalkes erinnert.

Wie immer bei Rosamund Gilmore scheint ihre Tanz-Vergangenheit durch. Aufdringlich ist das nie. Denn statt der Versuchung zu erliegen, Mozarts Musik choreographisch zu verdoppeln, geschieht anderes. Kleine, tänzelnde Gesten schleichen sich in die Körpersprache, geben der Aufführung vor allem vor der Pause etwas Schwebeleichtes, Skurriles. Das reicht vom ironisch-bedeutungsvollen Schreiten der drei (Mozart-)Knaben bis zum erotischen Vollkörpereinsatz der drei Damen (herrlich schräg: Sandra Moon, Sibylle Specht, Rita Kapfhammer), die alle Hände, Beine und Brüste damit zu tun haben, Tamino zu gefallen.

Diese „Zauberflöte“ bekommt durch das Ballett-Element eine gewinnbringende Distanz, etwas augenzwinkernd Irreales. Vor allem dank Gilmores bestem Einfall, als Gorilla, Marabu, Warzenschwein oder Panther verkleidete Tänzer das Geschehen begaffen oder kommentieren zu lassen: Bei der Feuer- und Wasserprüfung bleibt die Theatermaschinerie kalt, Tamino und Pamina verschwinden auf der Seitenbühne, während das entsetzte Getier alles als klassische Mauerschau verfolgt und miterleidet. Reicht doch.

Dass der Abend nach der Pause an Intensität einbüßt, ist ein Einwand. Der andere, dass Rosamund Gilmore zur Königin der Nacht und zu Sarastro wenig eingefallen ist. Dorothea-Maria Marx rauscht also mit Turmfrisur und schwarzer Barockrobe einher, knöpft sich die beiden Arien mit herber Attacke vor. Und Holger Ohlmann ist auch vokal ein eher zurückhaltender Männerbündler. Im Gehrock macht er eine bessere Figur als im goldenen Sonnenrobenfummel – und verleitet einen immer wieder zum Gedankenexperiment: Ob er nicht besser mit dem hintergründig humorvollen Gregor Dalal (Priester/ Sprecher) getauscht hätte?

Gleichwohl hat die Aufführung poetischen Charme. Sie zitiert das bezopfte Ambiente der Mozart-Zeit. Sie windet sich nicht in Konzeptkrämpfen, ist eher geboren aus bescheidenem, sympathischem Theaterinstinkt. Und sie schafft sogar Entscheidendes: Pointen, die „Zauberflöten“-Erfahrene im Schlaf mitsprechen, passieren plötzlich wie neu erlebt. Gilmore schiebt sich dabei nie inszenierend vor ihre Solisten, baut auf ihre Ausstrahlung. Das gelingt in Mini-Rollen wie der Papagena von Milica Jovanovic, mit Einschränkungen bei der etwas uneben phrasierenden Pamina von Stefanie Kunschke, besonders aber bei Robert Sellier: Kein Tamino-Sonnyboy ist das, sondern ein stets etwas Irritierter, der nicht mit Strahletönen protzt, sondern mit feiner, klug dosierter Linienzeichnung für sich einnimmt.

Dass sich Dirigent Henrik Nánási für einen flotten, natürlich dahinplappernden Ton interessiert, steht dem Stück und der Inszenierung. Und bleibt doch manchmal nur Vorsatz: Die Ouvertüre rast grenzwertig dahin, Seelentöne gibt’s nur in homöopathischen Dosen, manch Nummer strauchelt ins Ungenaue, auch ins Beiläufige. Möglich, dass sich das alles noch gibt – einige Tausend Besucher dieses neuen Gärtnerplatz-Renners dürften das demnächst überprüfen.

Markus Thiel

Nächste Aufführungen 13., 17., 21., 27. 5., Telefon 089/ 2185-1960.

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