Premiere: "Geburtstagsfeier" - Ein Schauspielerfest

München - Thomas Langhoff inszenierte im Münchner Residenztheater Harold Pinters „Geburtstagsfeier“. Auf der Bühne war ein Theater-Star aus Berlin zu Gast und überzeugte das Münchner Publikum.

Sind es höhere Mächte, so eine Art durchgeknallte Engel, die da auftauchen und Ordnung und Anstand einfordern, sind es Abgesandte irgendeiner zwielichtigen „Organisation“, wie einmal erwähnt, sind es Geheimdienstler oder Anstaltswärter? Harold Pinter (1930-2008) lässt das in seinem Stück „Die Geburtstagsfeier“ offen. Nur am Ende wird er etwas konkreter, wird das Team Goldberg und McCann, das in die kleine Pensions-Welt am Meeresstrand einbricht, zur massiven Bedrohung. Das Drama, das 1958 uraufgeführt wurde, hatte am Donnerstagabend im Münchner Residenztheater Premiere (zwei Stunden).

„Das ist Dieter Mann“, tuschelte man in den Parkettreihen, als Goldberg, der tonangebende der beiden Schergen, auftrat. Es war klar, dass viele Münchner neugierig waren auf den Berliner Theater-Star. Der durfte mit „unserer“ bayerischen Berlinerin Cornelia Froboess als Meg unter der Regie des Berliners Thomas Langhoff, der viel am Bayerischen Staatsschauspiel inszeniert, ein Schauspielerfest in der „Geburtstagsfeier“ bieten. Das Premierenpublikum dankte mit sehr herzlichem Applaus. In der Tat, die beiden Meister zeigten, was man allzu oft auf den Bühnen vermisst: dass Menschen mit ihren vielen Facetten, gerade mit den Grauschattierungen in ihren Seelenfalten dargestellt werden müssen - um, ja, um ihnen Respekt zu zollen, insbesondere wenn sie schwach und fehlbar sind. Nur so entsteht künstlerische Wahrheit. Kein noch so zackiges Regiekonzept kann das ersetzen.

Von der Würde des Menschen, die unantastbar sein sollte, freilich häufig angetastet wird, spricht auch Nobelpreisträger Pinter in diesem Stück über alltägliche Menschen, die in bescheidenen Verhältnissen ihr Dasein fristen und nach ein bisschen Lebensfreude suchen. Nur Stanley, der sich als Dauergast bei Petey und Meg eingenistet hat, verweigert diese Lebens-Tapferkeit. Versumpft in Lethargie, Selbstmitleid und Bosheit gegen die ihn umsorgende Meg. Regisseur Langhoff zeigt das auf, ohne es in eine Interpretation zu pressen. Er steuert weder in Richtung von Kafkas „Prozess“ noch in die eines Überwachungsstaats-Thrillers noch in die eines sozialpolitischen Lehrstücks. Er vertraut Pinters Text und seinen Schauspielern. Indem er ein freies Spiel-Feld ohne Denk-Gerüst schafft, öffnet er Herz und Hirn.

Dafür hat ihm Stefan Hageneier ein hässliches Wohnzimmer gebaut, das mit seinem räudigen Mobiliar aus den frühen 60ern - inklusive Stickbild und Queen Mum auf dem Porzellanteller - auch als Pensionslobby dient. Wenn die Aufführung beginnt, sieht man durch die Durchreiche Meg in der Küche werkeln. Sie ist ein klein wenig geistig behindert, herzensgut und wird von allen außer Stanley mit ausgesuchter Rücksichtnahme behandelt. Ehemann Petey hat sich mit ihren hausfraulichen Unzulänglichkeiten arrangiert. Pinter fängt diese stille Liebe genial lakonisch in simpel-sinnfreie Alltagsdialoge ein. Helmut Stange gibt diesem Petey Geradlinigkeit und eine Gütigkeit, die von sich kein Aufhebens macht.

Alle anderen Männer in der „Geburtstagsfeier“ sind das Gegenteil davon. Robert Gallinowski bedient die Rolle des Stanley vom Schlaffi über den Aufmüpfigen zum Opfer routiniert, macht ihn aber zu eindeutig zum Unsympathen. Seine Geschichte als möglicherweise großer Pianist, als verschmähter Sohn, seine Wunden also, nimmt man daher kaum wahr. Robert Joseph Bartl spielt hingegen die grotesken Nuancen seines McCann gut aus und gibt damit der Aufführung eine besondere Farbe.

Für das ganz große Zuschauer-Glück sorgen Cornelia Froboess und Dieter Mann. So heftig und verrückt Pinter diesen Goldberg schillern lässt, so mühelos setzt das Mann um. Plötzlich ist dieser nicht zu greifende Kerl mit den vielen Identitäten durch und durch wahrhaftig. Wenn er sich wie ein Chamäleon an sein Gegenüber anpasst - herzlich zu Meg ist, sexy zu Lulu (Nadine Germann), chefmäßig bramarbasierend zu McCann,Verhör-brutal zu Stanley -, dann ist das alles überzeugend, selbstverständlich und nachvollziehbar für uns Zuschauer: weil Dieter Mann das so spielt. Die Menschengestaltung wird noch von Froboess übertroffen. Was gibt sie dieser Meg, die Hageneier grauenvoll kostümiert hat, für eine Würde! Wie federleicht und traumsicher balanciert sie auf der Grenze zwischen mütterlicher und erotischer Zärtlichkeit, wenn sie Stanley mit scheinbar unbewusst hingeflatterten Gesten anfasst! Eine schöne, uns berührende Seele entfaltet Cornelia Froboess in dieser Frau, deren Würde unangetastet bleibt.

Nächste Vorstellungen

20. 6., 21. 6., 3. 7., 18. 7., Telefon 089/21 85 19 40.

Von Simone Dattenberger

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