Premiere für „Giovanna d’Arco“

München - Premiere am Gärtnerplatz: Im gleichnamigen Theater wurde am Donnerstagabend „Giovanna d’Arco“ aufgeführt. Eine Kritik.

„Tu sei bella“, rufen die bösen Geister im Hintergrund, schön bist du. Doch warum hinhören, wenn Johanna das Schauen schon Spaß macht: Schulterlanges Haar hat die Verführung, akkurat gestutztes Bart- und Brusthaar, einen Fitness-gestählten Body und Männerrock. Arabien trifft Oberammergau trifft Kieser-Training. Und man versteht schnell, warum es die künftige Heilige nicht nur nach himmlischen Aufträgen, sondern auch nach recht Irdischem gelüstet.

Kein Wort sagt und singt diese Verführung (Mark Oliver Römisch), weil sie bei Giuseppe Verdi und seinem Librettisten Temistocle Solera gar nicht vorkommt. Sie ist eine Erfindung von Regisseur Thomas Wünsch - wie so vieles an diesem Abend am Gärtnerplatz, der geradezu verbissen darum bemüht ist, „Giovanna d’Arco“ eine gedankensatte Münchner Erstaufführung zu bereiten. Statt Verdi und Solera gibt es also viel Wünsch. Zusatz-Dialoge, die auf den Vernehmungsprotokollen basieren, manchmal auch aus Luc Bessons „Johanna“-Verfilmung abgekupfert sind. Folglich einen Inquisitor (der beim überzeugenden Klaus Brückner seine Zuneigung zu Johanna hinter schroffen Gesten verbirgt). Auch eine sprechende Zwillings-Jungfrau (Sieglinde Zörner) und die Figur „Der Herr“, die bei Sebastian Winkler wie die Vorabendserien-Version des älteren Bruders daherkommt. Mühsam streckt sich das Gärtnerplatztheater nach dem Schauspiel. Und je länger der Abend dauert, der Johannas Geschichte als albtraumhaften Rückblick aufrollt, sehnt man sich nach einem: Hätte der Regisseur doch einfach Verdi machen lassen. Denn im Unterschied zu Thomas Wünsch, der seine Lehren aus all den Johanna-Filmen, -Stücken und -Analysen zieht, hatte der Komponist vor allem eines im Sinn: die bekannte Geschichte für eine berührende Vater-Tochter-Liebhaber-Konstellation zu nutzen, sie mit Risorgimento-Stimmung in den kraftvollen Chören zu unterfüttern, vor allem aber sie mit herzwärmenden, oft auch revuehaft zündenden Melodien anzureichern, auf dass die Oper einfach funktioniere.

Dabei ist das Anliegen prinzipiell in Ordnung: Was vor einem Jahr mit „I Masnadieri“, Verdis Version von Schillers „Räubern“, für einen Überraschungserfolg sorgte, sollte diese „Giovanna d’Arco“ fortsetzen. Und dieser frühe Verdi steht dem Gärtnerplatztheater ausnehmend gut. Dem klangschönen, nie zu forciert auftrumpfendem Chor, vor allem aber dem Orchester und Dirigent Henrik Nánási. Der ist für das trockene Brio, die knallige Dramatik und den operettenhaften Schwung genau der richtige Mann, obgleich der Spaß an der Musik ihn oft dazu verleitet, nicht energisch genug nachzusteuern - bis alle Nummern stabilisiert sind, müssen wohl noch einige Aufführungen vergehen.

Dass das Haus dieses Stück mit nur einem Einkauf bewältigt, flößt schon Respekt ein: Gast Riccardo Lombardi ist nicht nur so maskiert, sondern auch vokal ein Verdi-Bariton aus dem Bilderbuch. Gestählt durch einschlägige Fachpartien und stets mit dem Bewusst-sein gestaltend, wie eine Phrase oder eine Standbein-/Spielbein-Pose bestmögliche Wirkung sichert. Für ihn wie die Kollegen ist die Konfrontation mit Schauspiel-Elementen merklich Neuland. Harrie van der Plas wirkt daher als amtsmüder Carlo VII. wie ein Fremdkörper, bleibt dafür - abgesehen von einigen Schluchzern und etwas enger Tongebung – stilbewusst und ganz auf Linie. Sandra Moon in ihrer besten Gärtnerplatz-Premiere hätte man einen Regisseur gegönnt, der die komplette Johanna mit ihr erarbeitet und nicht entscheidende Szenen an eine Schauspielerin delegiert. Die Sopranistin nähert sich Johanna von der lyrischen Seite, hat die Partie sehr klug ihrer ausgeglichenen, musterhaft geführten Stimme angepasst, singt aber eine Spur zu kontrolliert, als das ihre Johanna wirklich das Herz erreichen könnte.

War’s also das Premierenfieber? Oder doch ein Konzept, das aus Verdis siebter, so packender Oper zu viel Dampf herausnimmt? Die Absicht ist ja löblich: Thomas Wünsch und sein Ausstatter Heiko Mönnich verzichten aufs Nachpinseln der Historie, lassen alles im steinernen Einheitsraum spielen, über dem bedrohlich das Kreuz hängt. Eine stilisierte, graue Bilderfolge, die Glaubensproblematik und Selbstzweifel, Historie und Allzumenschliches mitdenkt, das Stück aber in der szenischen Umsetzung damit überfrachtet. Jubel fürs musikalische Team, erwartungsgemäße Buhs für den Regisseur. Womöglich stehen Thomas Wünsch einfach andere Opern: eben nicht Verdis „Giovanna“, sondern Honeggers „Jeanne d’Arc“ oder Braunfels‘ „Johanna“.

Weitere Aufführungen am 8., 27.10., 8., 12., 18.11., 10., 26.12.; Tel. 089/ 2185-1960.

von Markus Thiel

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