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Das Sänger-Ereignis der diesjährigen Festspiele: Gerald Finley als Lear.

PREMIERENKRITIK

„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now

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Die letzte Premiere der Salzburger Festspiele bringt ein Schlüsselwerk der Moderne auf die Bühne, Aribert Reimanns „Lear“. Während Bariton Gerald Finley triumphiert, bleiben bei der Regie einige Fragen offen.

Salzburg - Bismarck war zu sehen, es gab Bilder von Chruschtschow und Churchill, sogar eines von Rockefeller. Weniger um Gut und Böse ging es im Programmheft der Bayerischen Staatsoper damals, bei der Uraufführung 1978, eher um die Isolation durch Macht, wenn Amt und Rolle Narzissmus und Autismus verursachen, unheilbar, im schlechtesten, gar nicht so seltenen Fall verheerend für Ego und Umwelt. Die Pappenheimer kannte man also. Und jeder, der „Lear“ sieht und hört, weiß ja, mit wem diese Figur auch gemeint ist, ob damals oder heute. Man muss das also gar nicht tun, wie es jetzt bei den Salzburger Festspielen passiert: ihn ins Dinnerjacket stecken, ihn umgeben mit Feingewandeten der Upperclass, die im Saufen, Huren und Morden ihre Machtfülle genießen, sie vorführen und schließlich daran zerbrechen.

Simon Stone, Regisseur der letzten Sommerpremiere, ist also in eine alte, schon sehr rostige Falle getappt. Konkretisieren, Verdinglichen, Verheutigen, das macht eine Sache schon griffig, handelbar, aber eben auch klein. Drei- bis vierfach schade ist dies, weil Aribert Reimanns „Lear“ nach 39 Jahren und 28 Inszenierungen endlich dort gelandet ist, wo er längst hingehört hätte: ins Zentrum der Musikfestspielwelt, auf dass er im archaischen Raum der Felsenreitschule mit allen, in Salzburg so verschwenderischen Mitteln neu befragt und zur Diskussion gestellt werde.

Finale in der Nervenheilanstalt

140 Statisten sitzen in Gala auf der Bühne von Bob Cousins, dazu Security-Kerle. „Ihr seid gemeint!“, ruft die Aufführung Richtung Parkett, doch der Schrei geht zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Zu oft hat man ihn schon gehört. Stone lässt „Dynasty“ oder „Denver Clan“ im Breitwandformat spielen. Lears ältere Töchter führen nicht als über- und entmenschlichte Rachegöttinnen die Fäden, sondern setzen als bizarre Tanten Trommelfelle unter Soprandauerfeuer – wobei das Evelyn Herlitzius als Goneril mit Alles-muss-raus-Tönen, und, gefestigter, genauer, Gun-Brit Barkmin als Regan ausgesprochen gut gelingt.

Dass der Realismus nicht durchzuhalten ist, weiß der Regisseur selbst. Spätestens als Glosters Gefolge vom „Sankt Veit“ singt, kippt alles in eine Vision Lears, der sich vervielfältigt sieht, der dem als Micky Mouse verkleideten Edgar begegnet und der schließlich im Krankenbett einer Nervenheilanstalt endet, wo Cordelia ihm das Händchen hält. Stilistisch steht vieles nebeneinander. Starkes, Nachwirkendes wie das Schlussbild, wenn Lear der grau erstarrten Cordelia über Gesicht und Körper streicht, dabei die Steinfarbe abträgt und sich selbst damit tödlich zeichnet. Abstraktes, Surreales, Postdramatisches, wenn beim Kampf der Brüder Edmund und Edgar alles als konzertante Rampensituation erledigt wird. Oder wenn die bösen Töchter samt Kamarilla das Volk selektieren und einen nach dem anderen aus den Sitzreihen auf der Bühne ziehen, in eine Blutlache werfen, auf dass die so Gezeichneten abgehen.

Flucht in theatrale Versatzstücke

Kein Schocker will diese Aufführung sein, keine Splatter-Oper, eher Beckett. Nihilismus als Absurdes Theater bis zur Groteske. Gleichzeitig ist eine Unschlüssigkeit zu spüren, eine Flucht in theatrale Versatzstücke. Entscheidendes kommt zu kurz: das Existenzielle, An-letzten-Fragen-Rüttelnde, Überwältigende und Verstörende, mit dem Aribert Reimann (und Textadaptierer Claus Henneberg) Shakespeare so grandios ins Musiktheater übersetzten. Die Heide, zentrale Szene bei Shakespeare und bei Reimann, der hier seine kühnsten Klangschichtungen entwickelt, dominiert den ersten Teil: als hübsche Blumenwiese, auf der alle im Stile des gut abgehangenen Schmuddeltheaters in der Erde wühlen dürfen. Sehr bezeichnend die Sturmszene. Nicht entfesselte Naturgewalt reduziert Lear auf seine nackte Existenz, der vertriebene Monarch findet sich im lauen Sommerregen wieder. Apokalypslein now.

Szene und Graben sind sich da übrigens einig. Franz Welser-Möst dirigiert den „Lear“ nicht als verstörendes, alle Sinne überfahrendes Schlüsselwerk der Moderne, sondern als Selbstverständlichkeit. Kapellmeisterlich sorgsam, kundig, aber besonders vor der Pause auch unbeteiligt. Reimanns Blick auf die späte Mahler-Wehmut ist bei den Wiener Philharmonikern gut aufgehoben, erst im zweiten Teil wird der Abend dichter, offensiver. Einem Einzigen ist es aufgebürdet, die Vielschichtigkeit des Dramas vorzuführen. Gerald Finley ist das Sänger-Ereignis der diesjährigen Festspiele. Kein manischer Textarbeiter wie Dietrich Fischer-Dieskau in der Uraufführung, keine sich entäußernde Expressivität wie zuletzt bei Bo Skovhus in Hamburg und Paris. Finley überreizt seine Stimme nie, singt kontrolliert, enorm textreflektiert, fügt dem Lear aber auch andere Facetten zu: Belcanto-Noblesse, Sinnlichkeit, Wärme, ja Erotik.

Exemplarische Lear-Studie von Gerald Finley

Finleys exemplarische Studie wird dem Überlebensgroßen dieser Figur genauso gerecht wie dem zärtlich liebenden Vater und dem kindisch liebenswürdigen Narren. Man mag sich nicht ausmalen, wie andere Regisseure dieses Potenzial genutzt hätten. Die Besetzungsliste hat nämlich noch einige andere, hier unterbeschäftigte Großkaliber zu bieten: Matthias Klink als Kent, Charles Workman als grenzgängerisch kraftvoller Edmund und Lauri Vasar, der als Gloster fast nur den Stimmbesitzer geben darf. Kai Wessel wird der so weit gespreizten Edgar-Partie mehr als gerecht, Michael Maertens adressiert seine Narren-Auftritte vor allem an sich selbst, Anna Prohaska (Cordelia) gestaltet intensiv, bleibt aber – ob selbst verschuldet oder nicht – zu eindimensional.

Ein gescheiterter Abend also? Dazu ist das Stück zu groß, dazu ist Simon Stones Bemühen um eine Parallelisierung zum Heute zu redlich – was ja einige wirkungsvolle Bilder produziert. Auf eine merkwürdige Weise trifft sich diese Aufführung mit einer anderen Salzburger Produktion, mit Bergs „Wozzeck“. Auch wenn Regisseur William Kentridge da konziser, einheitlicher vorging: Ein ungutes, verräterisches Bemühen um theatrale Verträglichkeit und Kulinarik eint diese Premieren. Als ob der Blick in Abgründe nur hinter Salzburger Sicherheitsabsperrungen möglich sei.

Die Handlung:
König Lear will das Reich unter den Töchtern Goneril, Regan und Cordelia aufteilen. Er knüpft das an eine Liebesbekundung. Im Gegensatz zu den Schwestern schweigt Cordelia. Lear verstößt sie. Edmund, unehelicher Sohn des Grafen Gloster, bewegt seinen Vater dazu, seinen legitimen Sohn Edgar zu verstoßen. Goneril und Regan verjagen Lear. Der zunehmend Wahnsinnige begegnet Edgar, der sich als „armer Tom“ ausgibt. Gloster bringt Lear nach Dover, Regan und ihr Mann reißen Gloster daraufhin die Augen aus. Die Franzosen wollen Lear und Cordelia wieder an die Macht bringen. Edmund schlägt die Franzosen und nimmt Lear und Cordelia gefangen. Sie wird getötet, Regan wird von Goneril vergiftet, Edgar tötet seinen Bruder, Goneril ersticht sich. Lear stirbt verzweifelt.

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