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Endlich befreit sind Leonora (Eleonora Bellocci) und Florestano (Paolo Fanale). Die Innsbrucker Premiere konnte nur halbkonzertant stattfinden.

PREMIERENKRITIK

Paërs „Leonora“ bei den Innsbrucker Festwochen: Fidelios kleine Schwester

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Sie basiert auf dem Textbuch, das auch Beethoven nutzte: Paërs „Leonora“ kann sich neben dem „Fidelio“ durchaus als eigenständige Lösung behaupten.

Innsbruck - „Ich liebe dich.“ Doch das ist eine Lüge: In höchster Bedrängnis kommt sie Leonora über die Lippen, im Angesicht ihres eingekerkerten Mannes und gerichtet an die entflammte Marcellina, die sie zur Flucht benötigt. Beethoven ist nicht so weit gegangen, er ließ seine einzige Oper schnell in ein überweltliches, Gatten- und Menschenliebe proklamierendes Hyper-Finale kippen. Tiefenscharfe, facettenreiche Frauencharaktere waren ihm – anders als Mozart – offenbar suspekt. Wenn, dann mussten es Heldinnen sein, anbetungswürdig, verklärt, vergöttert.

Die Szene passiert daher auch nicht im „Fidelio“, sondern in der kleinen, wiewohl älteren Schwester, in der „Leonora“ von Ferdinando Paër. Uraufgeführt 1804 in Dresden und damit ein Jahr vor Beethovens Erstfassung seiner einzigen Oper, basiert sie auf demselben französischen Textbuch. Man registriert folglich unzählige, auch wortgleiche Parallelen. Immer wieder gab es Reanimationen, unter anderem mit einer Ende der Siebzigerjahre in München entstandenen Plattenproduktion. Nächster Versuch nun als Premiere bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik; es ist ihr Beitrag zum Beethoven-Jahr.

Da erst vor neun Wochen klar war, dass dieses Festival überhaupt stattfinden kann, wurde die szenische durch eine semikonzertante Version ersetzt. Im Tiroler Landestheater sitzen 400 statt 750 Zuhörer. Ehrensache für Alessandro De Marchi, den dirigierenden Schatzgräber und künstlerischen Leiter, dass dort jedes Komma, jedes Sechzehntel gespielt wird. Und höre da: Paërs Opus bewegt sich zwar nicht auf Augenhöhe mit dem entgrenzenden, zukunftsgerichteten Furor und der in ihren Brüchen auch theatral heiklen Vertonung Beethovens. Die „Leonora“ ist der Formelhaftigkeit des Nachbarocks verpflichtet, kann sich aber als eigenständige, musikalisch sogar geschlossenere Lösung behaupten.

Halbkonzertantes in Alltagskleidung

Welche Deutung dafür die derzeit gehäuft engagierte Regisseurin Mariame Clément findet, hätte man gern gesehen. Für die Innsbrucker Situation hat sie eine pfiffige, hintergründige Lösung. Das Orchester auf der Bühne, davor eine Stuhlreihe mit Pulten – alles deutet auf eine konzertante Situation hin. Doch die, so scheint es, wird immer wieder unterlaufen durch die Solisten in Alltagskleidung. Die reicht vom locker sitzenden  Sakko  Pizarros bis zum T-Shirt Florestanos, das sich über dem Bizeps spannt. Es wird operngerecht agiert, allerdings ohne Requisite: Leonora hält Pizarro in Schach, indem sie mit den Händen eine Pistole formt. Am Ende, wenn die vereinigte Regiewelt in Beethovens Chorfinale Konzeptkrämpfe bekommt, stehen hier alle endlich und konzertant aufgereiht an der Rampe, es erklingt ein munteres, zeigefingerndes Ensemble à la „Così fan tutte“.

Frau verkleidet sich als männlicher Gefängnis-Gehilfe, um den Gatten, einen politischen Häftling zu befreien – diese Grundstruktur ist von Beethoven bekannt. Bei Paër kommt es zu anderen Akzentuierungen. Mangels Weitung durch Chor-Nummern ist seine „Leonora“ eine Intimisierung, Privatisierung des Stoffs. Ohne Revolutionsattitüde wird erzählt, was es mit Menschen macht, wenn Liebe an den falschen Adressaten gerät – oder wenn sie nur nach Hindernisläufen Erfüllung findet. Paër wertet das Buffo-Paar Giachino und Marcellina auf, Letztere ist eine Art Spiegelung Leonoras. Beider Arien, ein vielsagender Einfall, werden einmal fast hart aneinander geschnitten.

Paolo Fanale als Florestano überstrahlt alle

In Innsbruck gibt es das kleine Problem, dass die Stimmen von Eleonora Bellocci (Leonora) und Marie Lys (Marcellina) einen Tick zu verwandt klingen. Für beide Partien verlangt Paër eine Verbindung von lyrischer Emphase und Koloraturgewandtheit; bei Marie Lys tönt das natürlicher, Eleonora Bellocci treibt ihren Sopran (eigentlich rollenadäquat) in die herbe Überspannung. Renato Girolami spielt als Rocco seine Buffo- und Parlando-Qualitäten aus. Zum Pizarro, bei Paër ein Tenor, passt Carlo Allemanos herbstliche Dramatik. Überstrahlt werden sie von Paolo Fanale, einem Florestano mit selbstbewusster Star-Attitüde. Fanale kann sich das erlauben. Die konzentrierte Dramatik, die Feinzeichnung, die Textbehandlung, die Geläufigkeit, die Führung seines eher schmalen Tenors, all das glückt musterhaft. Auch Paër gönnt seinem Florestano eine ausgedehnte Kerker-Arie – doch dazu noch das kurze Lamento „Deh per pietade“, dessen Bellini-hafte Empfindsamkeit Beethoven eher fremd war.

Nicht alles spiegelt sich im Spiel des Innsbrucker Festwochenorchesters wider. Die Tugenden von Alessandro De Marchi, der heuer in Innsbruck sein Zehnjähriges feiert, sind Genauigkeit, zurückhaltendes Stilbewusstsein, eine Souveränität im Umgang mit Unbekanntem. Und doch schlummert in Paërs Partitur mehr Vehemenz und Farbigkeit, als der Festwochen-Chef glauben macht. Dazu kommen kleine Unschärfen im Ensemble; für einen offenkundig geplanten Mitschnitt müsste noch poliert werden. Diese „Leonora“ hätte es verdient.

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