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Riesige Baumstämme zerklüften die Bühne des Münchner Residenztheaters. In Martin Ku(s)ejs „Weibsteufel“-Inszenierung mit Birgit Minichmayr, Werner Wölbern und Nicholas Ofczarek (v. li.) kann jeder Fehltritt tödlich enden.

Premiere: Münchner Theaterglück mit dem "Weibsteufel"

München - Intendant Martin Kusej holt seine Inszenierung von Karl Schönherrs „Der Weibsteufel“ aus Wien ans Residenztheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Eine schwarze Emanzipationsgeschichte erzählt Karl Schönherr mit seinem Drei-Personen-Stück „Der Weibsteufel“ (Uraufführung 1914). Unerbittlich wie bei einer Tragödie läuft alles auf das düstere Ende zu. Aber es ist nicht das Schicksal, das die Menschen in Unheil verstrickt, die Menschen verstricken sich selbst in ihren Intrigen. Diese „Gefährlichen Liebschaften“ auf dem Land sind genauso katastrophal wie die der hochmögenden Leute in der großen Welt. Der österreichische Dramatiker wirft in knappen, kantigen Szenen die Psychothriller-Maschine an, und Regisseur Martin Kusej lässt sie in seiner Inszenierung, die jetzt ins Münchner Residenztheater übernommen wurde, gnadenlos abschnurren. Spannung auf höchstem Niveau über eineinhalb Stunden. Ein Volksstück der anderen Art.

Schade nur, dass es nicht mit dem zweiten Volksstück des Staatsschauspiel-Spielplans in echte Korrespondenz treten kann: Denn Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ wurde von Frank Castorf bis zur Unkenntlichkeit weginszeniert. Der eigentlich erkenntnisreiche österreichische Dreisprung Schnitzler – Horváth – Schönherr ist daher eher verhoppelt. Sieht man jedoch Kusejs großartige Inszenierung des „Weibsteufels“ mit ihren grandiosen Schauspielern von 2008 wieder, sind solche Überlegungen (fast) vergessen. Die Produktion des Wiener Burgtheaters unter der Intendanz von Nikolaus Bachler (nun Chef der Bayerischen Staatsoper) wurde von seinem Nachfolger Matthias Hartmann nicht weitergespielt. Zumal Kusej selbst gern die Burg erobert hätte. Komplettiert wurde das Scharmützel später noch um ein Hickhack, wer der beiden Theater-Herren nun Birgit Minichmayr bekommen könne.

Wie auch immer – München hat mit diesem „Weibsteufel“ sein Theaterglück. Dazu zählen das Bühnen-Traumpaar Minichmayr und Nicholas Ofczarek, das ja als Karoline und Kasimir nicht so recht zum Zug kam, die klug-effiziente, sprachbewusste und schauspielerfreundliche Regie und das fabelhafte Bühnenbild von Martin Zehetgruber. Er baute für das „andere“ Volksstück kein Bergbauernhof-Idyll, sondern zerklüftete die Resi-Bühne mit riesigen Baumstämmen. Als wären sie beim Transport unkontrolliert den Berg hinabgedonnert, spreizen sie sich kreuz und quer. Dahinter die Andeutung einer verschlämmten Ziegelmauer. In diesem schwergängigen, beengten, bedrohlichen Seelen-Gelände müssen sich die Schauspieler und ihre Figuren bewegen. Der Fehltritt in doppeltem Sinn gehört dazu. Und er kann tödlich sein.

Kusej folgt Schönherr, der trotz stilisierten Dialekts seiner Botschaft aus dem Gebirglerleben Allgemeingültigkeit verliehen wissen will. Das unterstreicht in der Aufführung auch die Kleidung von heute (Kostüme: Heide Kastler). Der schwächliche Ehemann, von Werner Wölbern zurückhaltend und doch präsent gespielt, will durch Reichtum in der Dorfhierarchie aufsteigen. Sein Geld macht er als Hehler von Schmuggelware. „Sein Weib“ hat sich mit dem abgesicherten Leben arrangiert – wunder Punkt: Sie hat kein Kind. Aus den Angeln gehoben wird die Harmonie der Lebens-Genügsamkeit, als „Der Mann“ sie zur Intrige anstiftet. Sie solle den „Jungen Grenzjäger“ verführen, denn der wolle sie, angestachelt von seinem Vorgesetzten, seinerseits verführen; das Haus werde ausspioniert.

Die Anständigkeit der Frau zerbricht schnell an der Hinterhältigkeit der Männer – und ihrer eigenen unerfüllten Sinnlichkeit. Birgit Minichmayr fasziniert mit Nuancenreichtum von mütterlicher Weichheit bis Megären-Wildheit, von Zärtelei bis radikalem Freiheitsdurst. Atemberaubend durchläuft sie die Stationen der weiblichen Entfesselung. Am Ende braucht sie keinen Mann mehr. In nichts steht ihr Nicholas Ofczarek als Grenzer nach, dem Selbstbild und Lebensplan zusammenbrechen. Er spielt den dummen Macho genauso herzbewegend wie den Eros-Gefangenen, der sich immer wieder verzweifelt gegen das Unheil aufbäumt. – Heftiger Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

am 19., 23., 25. November;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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