Premiere: Prokofjew am Gärtnerplatz

München - Satire, Gesellschaftskritik und Kunst-Debatte: Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ ist mehr als nur ein niedliches Märchen. Am Freitag hat die Oper Premiere am Münchner Gärtnerplatz.

Man nehme nur die TV-Sendungen mit den „Breaking News“-Fenstern, in denen am unteren Bildrand am besten noch die Aktienkurse vorbeirauschen. Oder Fernsehzuschauer, die nach wenigen Sekunden zum nächsten Kanal zappen. Oder Presseerzeugnisse, bei denen vor lauter Balken-Diagrammen und Info-Kästchen der Blick auf den Inhalt verstellt ist. Und man erkennt: Die Lage hat sich seit anno 1921 kaum geändert.

Damals, in der in Chicago uraufgeführten Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“, ließ Prokofjew ein fiktives Publikum darüber zetern, ob denn nun Komödie, Tragödie oder Lovestory aufgeführt werden solle. „Und diese Orientierungslosigkeit der Leute ist heute genauso“, sagt Immo Karaman. „Diese Unruhe, sich nicht länger auf eine Linie konzentrieren zu können, auch diese Hysterie und Vergnügungssucht.“ Was für Eltern, die ihre Sprösslinge per Prokofjew für die Oper begeistern wollen, nun zum kleinen Problem wird: Eine Art russische Gebrüder-Grimm-Version wird nämlich auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters nicht zu erleben sein.

Sicher, es gibt da den Prinzen, der das Lachen verlernt hat, und die böse Fee samt dreier in Orangen verzauberter Prinzessinnen, die auch noch von einer bösen Köchin bewacht werden (die übrigens von einem Mann gesungen wird). Doch darüber hinaus existieren noch viele weitere, manchmal subtile, manchmal grell ausgestellte Bedeutungsebenen. „Mich interessieren also ganz andere Fragen“, sagt Karaman. „Wie schnell Menschen hysterisch werden, wie sich ein Mob bilden oder wie schnell Ungeduld in Gewalt umschlagen kann.“

Premiere der „Orangen“-Inszenierung ist heute Abend, Anthony Bramall dirigiert. Für Immo Karaman, der begeistert ist von der Spielfreude des Gärtnerplatz-Ensembles, von der Bereitschaft vieler Solisten, „extrem körperlich zu arbeiten“, ist dies eine Wiederkehr: Der gebürtige Gelsenkirchener, Sohn deutsch-türkischer Eltern und mittlerweile Wahl-Berliner, hat schon einmal am Gärtnerplatz inszeniert. Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ vor zwei Jahren war eine der besten Produktionen der Saison, Staatsoper eingeschlossen. Wohl auch, weil der 38-Jährige zu jener immer größer werdenden Regisseur-Gruppe zählt, die das Thesenschwingen langsam satt hat. Und die sich wegbewegt von szenischen Verkleidungen und Verfremdungen, auch vom überbordenden Maschinentheater, um sich dem singenden Darsteller zuzuwenden.

Gewiss habe das sogenannte „Regietheater“ Grenzen geöffnet und Verkrustungen beseitigt, räumt Karaman ein, der immerhin von solchen Kämpfern wie Dietrich Hilsdorf sozialisiert wurde. „Aber jetzt müsste man weg von dramaturgischen Pamphleten und dem Publikum mit Inszenierungen gegenübertreten, die sagen: Leute, es liegt nun an euch - macht euch bitte selbst Gedanken!“

Erfolg hat Immo Karaman mit dieser Linie jedenfalls. An der Deutschen Staatsoper in Berlin hat er inszeniert, an der Deutschen Oper am Rhein, in Leipzig oder auch in Helsinki. Nicht die Repertoire-Hits nimmt er sich dabei vor, sondern hauptsächlich Stücke des 20. Jahrhunderts. Eine Vorliebe steckt dahinter - und ein künstlerisches Programm: „Es kann doch nicht sein, dass wir etwa im Falle von Brittens ,Billy Budd‘ noch von zeitgenössischem Musiktheater reden. Das 20. Jahrhundert muss endlich zum Standard-Repertoire werden.“ Die Menschen seien nicht nur durch Rock und Pop, auch zum Beispiel über expressionistische Filmmusik an Dinge gewöhnt, die sie sich vielleicht noch gar nicht eingestanden hätten.

Und auch für die Regisseure, so gibt Karaman zu bedenken, sei doch das Herumstochern im immergleichen Werke-Kanon auf Dauer wenig befruchtend, führe sogar zu künstlerischen Verkrampfungen. „Ich sehe jedenfalls nicht meine Aufgabe darin, darüber nachzudenken, was ich noch Neues und Extravagantes aus Mozarts ,Figaro‘ herausholen kann, oder nachzuweisen, dass der Fliegende Holländer eigentlich Sentas Vater ist.“

Auch am Theaterbetrieb stört Immo Karaman so einiges. „Viel zu viele Managertypen“ säßen in den Intendantensesseln. Überdies würden die Probenbedingungen immer schwieriger, der Zeit- und damit der Erfolgsdruck nehme zu. Dass man mit Kritisieren nicht weiterkommt, weiß der Regisseur. Also dann lieber selbst Hand anlegen? Als Theaterchef? Vor drei Jahren habe er für sich entschieden, das komme überhaupt nicht in Frage. „Aber jetzt denke ich mir: Wer sich dauernd beklagt, wird irgendwann nicht mehr gehört. Vielleicht sollte ich wirklich den Mut und die Kraft aufbringen, die Dinge auch anzupacken.“

Markus Thiel

Premiere am Freitag. 6. Mai, 19.30 Uhr; Karten unter Telefon 089/ 2185-1960.

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