Grandios und herzbewegend heutig:

Das Oberammergauer Passionsspiel geißelt das alte Denken

Oberammergau - „Es ist vollbracht.“ Wenn Jesus-Darsteller Frederik Mayet diese Worte am Kreuz spricht, hat sich auch die Premierenvorstellung der Oberammergauer Passionsspiele 2010 beinahe vollendet.

Bis 23 Uhr ist es nicht mehr lange, und auch nicht zu dem fast revolutionären Ende: Am leeren Grab Christi, an dem nur der Engel sitzt, erklärt ausgerechnet eine Frau, dass sie das Verkünden übernehmen wird. Maria Magdalena, klar und aufrecht gespielt von Eva-Maria Reiser, ist es, die die frohe Botschaft von der Auferstehung als Erste in die Welt tragen will.

Passion in Oberammergau: Gottesdienst und Empfang

Grandios und herzbewegend heutig: Die Passion in Oberammergau

Ja, vieles aus diesen – am vergangenen Samstag eisig-nasskalten – sechs Stunden Passionsspiel versteht der Zuschauer 2010, als wäre es direkt an die katholische Amtskirche gerichtet. Mehr noch als das, was die Rolle der Frau angeht, schildern die vielen Disputationes zwischen Jesus und der Priesterschaft, aber auch der Priester untereinander ungeahnt aktuell die herzstarre Vereisung einer Hierarchie. „Sie reden, tun aber nicht, was sie sagen. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie euch auf die Schultern, aber sie wollen keinen Finger dafür krümmen“, kommentiert das der zornige Jesus.

So erwies sich heuer wieder, dass das Passionsspiel, das die Oberammergauer 1633 nach überstandener Pest gelobt und 1634 an Pfingsten erstmals aufgeführt hatten, vital ist wie eh und je. Das liegt vor allem an den Oberammergauern selbst, die durch ihre Spielfreude und Gläubigkeit diese fromme Theaterform – trotz obligater Streitigkeiten und Angifteleien – lebendig erhielten. Dass das Spiel herzbewegend heutig und zugleich auf weise, nicht tümelnde Art traditionell, also im allerbesten Sinn bayerisch ist, verdankt es allein Christian Stückl.

Er und sein Team aus Dramaturg Otto Huber, Ausstatter Stefan Hageneier und musikalischem Leiter Markus Zwink machten nach 1990 und 2000 auch die Passionsspiele 2010 zu einem neuen Erlebnis. Denn Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, repetiert sein Konzept nicht. Man merkt der Aufführung an, dass jahrzehntelange Erfahrung darin steckt – und ein ganz frisches Sich-Einarbeiten.

Die Besetzung der Oberammergauer Premiere:

Spielleitung: Christian Stückl.

Zweiter Spielleiter, Dramaturgie: Otto Huber.

Ausstattung: Stefan Hageneier.

Dirigent und Komponist: Markus Zwink.

Dirigent: Michael Bocklet.

Darsteller: Dominikus Zwink (Prolog), Frederik Mayet (Jesus), Maximilian Stöger (Petrus), Carsten Lück (Judas), Benedikt Geisenhof (Johannes), Ursula Burkhart (Maria), Eva-Maria Reiser (Maria Magdalena), Anton Burkhart (Kaiphas), Raimund Bierling (Annas), Michael Adam (Nathanael), Matthias Müller (Archelaus), Walter Rutz (Josef von Arimathäa), Christoph Maier (Nikodemus), Johannes Müller (Gamaliel), Martin Güntner (Ezechiel), Christian Bierling (Pilatus), Markus Köpf (Herodes), Johann Feldmeier (Longinus), Anton Zwink (Simon von Bethanien), Dominika Killer (Veronika), Sebastian Dörfler (Engel).

Alle Rollen sind mehrfach besetzt, die Premierenbesetzung wurde ausgelost.

Erneut hat man den Text von Joseph Alois Daisenberger (1799-1883) verwendet, den Huber und Stückl intensiv ins Neue Testament eintauchend bearbeitet haben. So wie die Musik von Rochus Dedler (1777-1822) mit ihrem oratorienhaften Gestus samt kräftigem Schuss Opern-Verve von Zwink praktikabel gemacht wurde. Er kann dabei auf einen fabelhaften Chor (bis zu 64 Sänger auf der Bühne) zurückgreifen, die von einem 55-köpfigen Orchester aus dem Graben unterstützt werden. Stückls Erfahrung mit Opern-Regie kommt ihm hier zugute. Prolog-Sprecher (sehr gut: Dominikus Zwink) und Choristen, die alle Kapitel einleiten und den frech-bunten Lebenden Bildern aus dem Alten Testament musikalische Stütze geben, werden mit einer schlicht-imposanten Choreographie in Szene gesetzt: Durch die fest gemauerte Bühnen-Kulisse auftretend, stellen sie sich dann als weiße Perlenschnur mit einer schwarzen Mitte (Prolog) über die ganze Cinemascope-Front Aug in Aug mit dem Publikum auf. Mag der musikalische Anteil – manches der meist unverständlichen Soli könnte unterbleiben – mit einem Drittel der Spielzeit überbordend sein, ist er an sich als entschleunigendes Moment unverzichtbar und schön.

Nur einmal stört die Musik. Stückl hat ein wunderbares Bild gefunden zu den Worten des Engels (ernst und für so große Jugend überraschend würdevoll: Sebastian Dörfler) am verlassenen Grab Jesu: „Glaubt an das Licht, damit ihr Kinder des Lichts werdet!“ Kinder und Erwachsene stehen um ihn her in der finsteren, kalten Nacht. An seiner Feuerschale entzünden sie nach und nach Kerzen, sodass tatsächlich das Licht in die Dunkelheit kommt und weitergegeben wird. Die vollfetten Klänge Dedlers schmieren dieses inniglich bescheidene Hoffnungszeichen zu schnell zu. Hoffnungszeichen setzt Stefan Hageneier in seiner Ausstattung dezent ein. Blau dominiert. Ein mattes Altblau für den Bühnenboden und das Innere des Zentralbaus: mal Tempel, mal Abendmahl-Zelt oder Ölberg; ein frischeres Blau trägt das Volk. Abgesetzt davon Jesus und die Jünger in Naturleinen, Arme und Sieche in Schwarz, die Priester in Goldgelb, Schwarz-Weiß und Kaiphas, hervorgehoben, in Lichtgrau, die Römer in Dunkelgrau und Rot, während Herodes (knackiger Auftritt: Markus Köpf) und seine Damen in exotischem Tscherkessen-Look samt Pferd und Dromedaren vorbeischauen. Auch die Olivenbäume in den Durchgängen und insbesondere im Zentrum – die drei Kreuze nur an der Seite – signalisieren, dass die Passion 2010 zwar vom Leiden Jesu erzählt, im Mittelpunkt steht jedoch die frohe Botschaft von der Erlösung, dem Angebot des Menschensohns an uns, völlig anders zu denken und zu handeln.

Stückl arbeitet immer wieder heraus, welche „Zumutungen“ Jesus an das alte Denken richtet und wie massiv und provokant er die Priester attackiert, die das Volk im Griff behalten wollen. Gleichzeitig schildert er nachdrücklich die Situation der Juden, die unter römischer Besatzung leiden (der Pilatus von Christian Bierling als kalter Machttechnokrat). Kaiphas (eisige Glut: Anton Burkhart; vor zehn Jahren Jesus-Darsteller) muss taktieren. Zunächst scheint er noch Pragmatiker zu sein, später ist er eine manipulative Hass-Maschine.

Eher politisch denkt der sympathische Judas, der sich danach sehnt, dass Jesus das Volk von den Usurpatoren befreit. Daher kann Kaiphas ihn leicht in den Verrat tricksen: große Szenen für Carsten Lück, in die er sich mit Leidenschaft wirft. Die fehlt Petrus (Maximilian Stöger) und Johannes (Benedikt Geisenhof), sie gleichen das durch Redlichkeit aus. Weder das eine noch das andere scheint Ursula Burkharts Weg zu Maria zu sein. Sie wirkt (auch durch das Gewand) wie eine steifleinene Stiftsvorsteherin, die diesen blutigen Mann lieber nicht berühren würde.

Den spielt Frederik Mayet bei der Premiere (alle Hauptrollen sind doppelt besetzt) bescheiden, aber mit heiligem Ernst. Er zeigt von Anfang an, dass der Mann aus Nazareth weiß, was auf ihn zukommt, auch wenn sie ihm gerade in Jerusalem zujubeln (die Massenszenen dirigiert Stückl souverän). Der Darsteller hat sich eine innere Kraft erspielt, die gleichzeitig den Menschen Mayet zurücknimmt und den Menschen und Gottessohn sichtbar macht. Da ist einer sehr, sehr stark und trotz aller Zweifel selbst- und gottesgewiss, sodass er Schwäche, Schmach und Qual ertragen kann. Mayet vermag auch in den langen Szenen zu faszinieren, wo er „nur“ das fast stumme Opfer ist.

Stückl macht gerade daraus kein blutiges Spektakel. Dennoch weicht er der Rohheit der Menschen nicht aus. Das tut weh – nie jedoch als Gruseleffekt. Auch das Theater, die Bühnenlust bekommt, was des Theaters ist. Zum Selbstzweck wird das in keiner Episode. Das Publikum bekommt Großes geboten, Gefälligkeiten werden allerdings nicht verteilt – dennoch: Etwa an den Streitgesprächen der Priester untereinander oder mit Pilatus dürfte schon gekürzt werden. Insgesamt ist das eine grandiose Leistung. Auf nach Oberammergau – das Wetter kann nur besser werden!

Simone Dattenberger

Bis 3. Oktober täglich außer Montag und Mittwoch; Karten unter: www.passionsspiele2010.de, München Ticket oder Telefon 08822/ 923 10. Unbedingt warme Kleidung mitnehmen.

Rubriklistenbild: © dpa

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