Diagnose da: So lange fehlt Müller dem FC Bayern

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Schräge Action in Ikea-Sesseln: Szene mit Thomas Gräßle und Ulrike Arnold in Tina Laniks Inszenierung. foto: dashuber

Premiere II: Schöne neue Warenwelt

München - Theaterpremiere im Marstall mit der überdrehten Ossi-Farce „Wir kommen gut klar mit uns“

Diesmal gehört die Schleichwerbung zum Stück: Mitten in der Vorstellung geht die Tür auf, und Arbeiter in Ikea-Montur tragen rote Ledersessel auf die Bühne. In denen fläzt sich kurz darauf ein affektierter Filmstar (schön knallig: Thomas Gräßle), der beim Fernsehinterview seinen Bauch entblößt, auf dem der Schriftzug von Knorrs Suppenwürfeln prangt. Aber schließlich ist der Irrsinn der schönen neuen Warenwelt ja – unter anderem – Thema in Dorota Maslowskas Ossi-Farce „Wir kommen gut klar mit uns“, die am Staatsschauspiel (Marstall) ihre deutschsprachige Erstaufführung erlebte.

An schräger Action herrschte kein Mangel, denn Regisseurin Tina Lanik, sonst eher für adrettes Theater der Marke „keimfrei“ zuständig, sudelt für ihre Verhältnisse ganz schön rum. Auf einer Bühne (Magdalena Gut) voller Müllsäcke, Bauschutt und Konservendosen sieht man Jennifer Minetti mit flackernder Eindringlichkeit eine polnische Oma im Rosenkleid spielen, die „den heiligsten Traum der Jugend“ träumt, sich erinnert an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, ans Baden in der Weichsel.

Ihre kettenrauchende Tochter Halina (wunderbar wandlungsfähig: Ulrike Arnold) fischt derweil alte Reklamezeitschriften aus dem Müll und bestaunt all das, was sie sich nicht kaufen kann, während ihre fette Freundin Bozena (grellzart: Franziska Rieck) den Psychotest in der Illustrierten ausfüllt. Verstärkt wird dieses Schreckschrauben-Trio von der Enkelin im Cyberpunk-Outfit (Grit Paulussen), die mit dem Kinderrad durch die Müllhalden-Einraumwohnung kurvt – wenn sich die abgewrackten Nornen nicht gerade vor dem Fernseher zum Körperhaufen ballen. Zwischendurch tritt der Filmstar auf, der seine Goldenen Bären und Oscars auspackt.

Denn eigentlich ist diese überdrehte Milljöh-Posse, in der alle bloß die Phrasen aus Frauenzeitschriften und Ratgebern nachbrabbeln, Teil einer TV-Schnulze über „die herrschenden Ausgegrenzten“. Eine Ballung von Klischees eben, „Pixelmüll“ frisch aus dem „Photoshop“. Schade nur, dass die Regisseurin nicht noch mehr Mut zur Groteske hatte und den Rhythmus immer wieder stolpern lässt. Aber immerhin schraubt sie die Inszenierung an den besten Stellen zum absurden Theater hoch, in dem eine tragikomische Poesie der Verzweiflung aufblitzt. Da ist spürbar, dass die polnische Jungautorin (Jahrgang 1983) die Mechanismen einer Bewusstseinsindustrie parodiert, die uns als Marionetten am Faden zappeln lässt.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen:

19., 24.4. sowie 11., 16.5.; Telefon 089/ 2185-1940

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