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Dirk Kaftan brach kurz vor Ende der Premiere bewusstlos zusammen

Premiere am Theater Augsburg: Bis die Operndämme brechen

Augsburg - Erst der musikalische Coup, dann der Schock: Wenige Minuten vor Ende der Premiere von „Ritter Blaubart“ am Theater Augsburg ist Chefdirigent Dirk Kaftan zusammengebrochen.

Nach gut zweieinhalb Stunden war am Freitag die Zielgerade in Sicht und eines gewiss: welch fulminante Ehrenrettung, welch musikalischer Triumph. Seit 1931 hatte sich kein Opernhaus mehr um Emil Nikolaus von Rezniceks „Ritter Blaubart“ geschert. Und die Augsburger führten vor Augen und Ohren: ein Versäumnis. Doch der Zusammenbruch kam ansatzlos. Plötzlich sackten Dirk Kaftan die Beine weg, Bratscher fingen ihren 39-jährigen Generalmusikdirektor auf, während Intendantin Juliane Votteler vom Rang rechts oben aus „Einen Arzt, einen Arzt!“ rief. Musikabbruch, Vorhang, Rettungswagen, Votteler bat mit zitternder Stimme, man möge doch vorerst im Hause bleiben. Nach wenigen Minuten dirigierte Assistent Luigi Samuele Sgambaro die Aufführung zu Ende, der leichenblasse Kaftan nahm dann mit ihm den Schlussjubel entgegen. Kaftans zwei kleine Kinder, so erzählte die Intendantin danach, hätten sich einen Virus eingefangen – und den Papa wohl angesteckt.

Ein Schock also. Der dürfte demnächst verdaut sein, das eigentliche Ereignis freilich noch längst nicht. Der gebürtige Wiener Reznicek (1860-1945) existierte bislang als Fußnote der Spätestromantik und wurde, wohl zu Unrecht, als Nazi gebrandmarkt. Richard Strauss schätzte den Kollegen – und dürfte sich beim „Blaubart“, der Vertonung eines gescheiterten Schauspiels von Herbert Eulenburg, in manchem wiedererkannt haben. Auch Humperdinck ist herauszuhören, Wagner mit einigen kaum verbrämten „Ring“- und „Tristan“-Zitaten sowieso.

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Eine Musik wie ein Chamäleon, eigen(sinnig) und effektvoll, ausufernd und von expressiver Schärfe, dabei in gleißenden Neonfarben oszillierend. Inhalt wird meist im zügigen Konversationston transportiert, in den großen Soli winden sich die Figuren gern in Mahler’schem Weltschmerz. Und ein paar Mal brechen die Operndämme: wenn das Orchester in ausgedehnten Zwischenspielen Orgien feiert, Handlung dabei mittels symphonischer Entfesselung überhöht.

Auch deshalb ist dieser Augsburger „Blaubart“ vor allem ein musikalischer Coup. Als ob Reznicek seit Ewigkeiten zum Repertoire gehört, so spielen die Philharmoniker. Selbstverständlich, risikobereit, in nahezu perfekter Balance und mit einer Präzision, die auf harte, effektive Probenarbeit schließen lässt. Kaftan, der damit an seinen grandiosen „Tristan“ in der vergangenen Saison anknüpft, kommt die Partitur ohnehin entgegen. Kein Mann der Emotionsschaumbäder ist er, sondern einer der überlegten und überlegenen Attacke. Einer, der kanalisiert, antreibt, souverän lotst, Energie im Übermaß spendet, Klang und Rhythmus extrem profiliert.

Die Gefahr liegt auf der Hand: Wo sich diese Musik als Hauptakteur gebärdet, droht Regie zu verdoppeln. Vielleicht auch deshalb inszenierte Manfred Weiß mit angezogener Handbremse. Kein düsterer Schocker, dafür viel reduzierte Gestik auf hart ausgeleuchteter Bühne gibt es – und ein Rückgriff auf den Film. Fitz Langs Schwarzweiß-Expressivität ist zu spüren, besonders aber Hitchcocks „Vertigo“-Grusel. Patrick Metzger hat dazu gestochen scharfe Videos gedreht, Stephen Owen (Blaubart) und Sally du Randt (Judith) halten den Großaufnahmen mühelos stand und empfehlen sich als Kino-Stars.

Aus fernem Märchen- wird das Stück ins großbürgerliche Psycho-Land geholt. Käfig, Laterna magica oder Blaubarts Hirn könnte die Rundbühne von Timo Dentler und Okarina Peter sein, fließendes Blut und zustechende Messer sind nur auf der Leinwand zu sehen: Blaubarts Taten also womöglich nur eine irreale Wunsch- und Albtraumvision, eine falsche Beschuldigung seiner Mitmenschen?

Bei Stephen Owen ist er ohnehin kein erotischer Dämon, sondern ein väterlicher Eigenbrötler, mit kräftigem Rauhfaser-Bariton und Phrasierungsbewusstsein gestaltet. Mit Zartbitter-Dramatik gibt Sally du Randt die perfekte Kim-Novak-Wiedergängerin, mindestens ebenso geheimnisumrankt wie der Titelheld. Katharina von Bülow kontrastiert dazu dank ihres Quellfrischsoprans, Mark Bowman-Hester (Josua) glückt eine eigentümliche, tenorschöne Diener-Studie. Dass vieles auch in szenischer Unschlüssigkeit gefriert, dass die Live-Figuren hinter ihre Filmszenen zurückfallen, ist das Manko des Abends. Für Rezniceks wiederentdeckte Musik, vor allem für Kaftans Dirigat reißt das die Tür weit auf – Strauss’ „Elektra“ in der kommenden Saison trifft also auf ein gestähltes Orchester. Kaftan hat sich übrigens leidlich erholt: Ein samstägliches Gastspiel an Berlins Komischer Oper hat er zwar abgesagt, der zweite „Blaubart“ gestern freilich war schon wieder Chefsache.

Weitere Aufführungen

am 8. und 10. Mai,

Telefon 0821/ 324 49 00.

Von Markus Thiel

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