Belcantoglück: Sophia Christine Brommer (Lucia). f: schaefer

Premiere I: Triumph einer Täterin

München - Fulminantes in Finanznöten: Augsburgs „Lucia di Lammermoor“

Vielleicht drei Dutzend Takte sind vergangen, da steigt er in die Nase. Weihrauch. Und weckt, auch wenn’s unbeabsichtigt sein mag, in der Mixa-Stadt gleich ganz andere, üble Assoziationen. Gewiss dreht sich diese Augsburger Donizetti-Premiere auch um die nur behauptete Sittenwächtermacht der Kirche. Mit albtraumhaft einherschreitenden Ministranten, mit einem Pater Raimondo (stimmgewaltig: Per Bach Nissen), der den Riesen-Rosenkranz wie eine Waffe baumeln lässt.

Doch all dies ist nur eine Komponente im Unterdrückungs-Kraftfeld, das die Titelheldin gefangen hält und am Ende wie eine lästige Erscheinung in die Unterbühne drückt. Mit wenigen, deshalb eindrücklichen Mitteln zeigt Regisseurin Yona Kim in dieser „Lucia di Lammermoor“ eine Frau, die zerrieben wird in Männerwelten. In Welten, wo das weibliche Chorvolk nur mit Schnurrbärten bestehen kann. Wo nackte Frauen wie Vieh im Netz gefangen werden und wo sich einzig Lucias Kammerdame (Stephanie Hampl) im steifen Reifrockpanzer als ein dunkler Engel behauptet.

Man sieht dieser Produktion an, dass das Theater Augsburg in Finanznöten Oper machen muss. Und dennoch wird daraus eine fulminante Aufführung geboren, die jeden Supertanker der Szene schmücken würde. Die perfekt ausgeleuchtete, karge Bühne von Etienne Pluss öffnet weite, beunruhigende Seelenräume, in denen Yona Kim kleine, umso größer wirkende Zeichen setzt. Ihre Regie ist weniger realistisch, arbeitet mit historisierenden Zitaten, stilisierten Bewegungen und Arrangements, die eine Atmosphäre des Ungewissen, Unbegreiflichen und Bedrohlichen schaffen.

Schutzlos ist Lucia im Jungmädchenkleid dieser Gesellschaft ausgeliefert, bevor sie am Ende das vom Gattenmord blutig getränkte Bettlaken wie eine Hochzeitsschleppe trägt und mit dem Gewehr in der Hand die Wahnsinnsszene tanzt: vergeblicher Triumph einer Täterin. Dass Augsburg mit Sophia Christine Brommer eine Lucia als „Eigengewächs“ im Ensemble hat, ist ein kleines Wunder. Mit dunkler, reichhaltiger, etwas gutturaler Mittellage und nahtlos in die Vokallinie eingepassten Verzierungen erobert sich die junge Sopranistin die Partie. Auch Extremlagen sind „da“, müssen also selten forciert werden. Und wenn mit der Premierennervosität manch steife, zu enge Tongebung verschwindet, steht dem Belcantoglück nichts mehr im Wege. Ji-Woon Kim (Edgardo) dimmt und kanalisiert seinen Pracht-Tenor auf Donizetti-Format, was dem ebenso markant auftrumpfenden Seung-Gi Jung (Enrico) erst nach der Auftrittsarie gelingt.

Zu Yona Kims packender Inszenierung passt das Geschehen im Graben: Unter Dirigent Kevin John Edusei spielt das Philharmonische Orchester mit Schnellkraft, Präzision und einer gefährlich funkelnden Attacke. Das klingt so (trenn-)scharf und mit Widerhaken, als drehe sich’s um Alte Musik. Und führt vor Ohren, um was es Donizetti wirklich geht: nicht um dankbare Belcanto-Süffigheit, sondern um alles.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen: 18., 22.4. sowie 28.5.; Telefon 0821/ 324 49 00.

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