Wie die verhasste Frau loswerden? Johanna (Kristina Pauls) muss das Männer-Mobbing (v. li. Stefan Ruppe, Jan Viethen, Jean-Luc Bubert, Robin Sondermann, Pascal Fligg) auch aus den eigenen französischen Reihen ertragen. Foto: Arno Declair

Premiere am Volkstheater: Johanna als Lara Croft der Entrechteten

München - Simon Solberg inszenierte am Münchner Volkstheater „Die Jungfrau von Orleans“ sehr frei nach Friedrich Schiller

Von Michael Schleicher

Klar, Puristen werden aufstöhnen. Hat doch Regisseur Simon Solberg am Münchner Volkstheater „Die Jungfrau von Orleans“, Friedrich Schillers „romantische Tragödie“ aus dem Jahr 1801, zu seiner Text-Baustelle gemacht. Die Geschichte der auf göttliche Weisung handelnden Johanna, die sich um 1430 an die Spitze des bereits geschlagenen französischen Heers gegen die Engländer stellte, nutzt der Theatermacher als Blaupause für eine Parabel über den Kampf gegen Kolonialismus und Unterdrückung. Solbergs Jungfrau ist eine Johann-Attaca, ein inszeniertes Pamphlet gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Die gut neunzig Minuten lange Inszenierung, die am Freitag Premiere feierte, hat zwar über weite Strecken kaum mit der Vorlage zu tun. Doch das stört nicht. Denn es ist ein kraftvoller, bildgewaltiger und temporeicher Abend, dessen Konzept zum großen Teil aufgeht und über dessen vereinzelte Längen ein spielfreudiges Ensemble trägt.

Wie bei seinem „Faust“ nach Goethe, der vor zwei Jahren am selben Ort Premiere hatte, zeigt sich Solberg auch jetzt wieder verdammt gewitzt beim Sampeln und Kompilieren: Er nutzt Zitate und Stile aus vielen Bereichen der Popkultur (inklusive Fußball-Fangesänge), um seine Geschichte zu erzählen: Die Szenen richtet er dabei fast filmisch ein, verknüpft sie durch Philipp Stangls an Hollywood-Filmen geschulte Musik und sorgt durch Lichtwechsel für harte Schnitte. Nur manchmal setzt er allzu sehr auf den Effekt und den schnellen Gag. In diesen schwächeren Augenblicken schlingert seine Inszenierung, will die Präsentation nicht mit der Intention zusammengehen: Globalisierungskritik lässt sich eben schlecht im Kalauer-Stadl verhandeln. Dieser Regisseur, Jahrgang 1979, ist mit MTV und Videospielen aufgewachsen und natürlich entspricht seine Inszenierung den am Film geschulten Sehgewohnheiten. Das passt – auch wenn man bedauern mag, dass ein Innehalten und ein Nachsinnen über den Text so kaum möglich ist. Doch von diesem bleibt hier sowieso nicht allzu viel: Johannas Frankreich wird bei Solberg zum Synonym für die während der Zeitläufte unterdrückten Völker.

Der Regisseur prangert Kolonialismus in der Historie ebenso an wie den wirtschaftlich motivierten unserer Tage: Wenn Johanna am Ende in die Verbannung geht, dann trägt Kristina Pauls eine Plastikplane um die Schultern wie jene Boatpeople, oft zu sehen in der „Tagesschau“, die von ihrer Hoffnung auf Fleischtöpfe an die Küsten Europas gespült werden. Solbergs konsequente Lesart des Dramas als Kommentar auf den Zustand der Welt funktioniert, obwohl seine Inszenierung manchmal in die Klischeefalle tappt: Katja Strohschneider hätte sicher gut daran getan, wenn sie sich bei der Ausstattung der Kolonialisierten von manchem Baströckchen und von allzu viel lateinamerikanischer Poncho-Folklore verabschiedet hätte. Beides entspringt westeuropäischem Schubladendenken.

Dieser Abend funktioniert aber auch deshalb, weil sich Simon Solberg auf sein Ensemble, dem er einiges abverlangt, verlassen kann. Hier wird gerackert und gekämpft, gerannt und gerungen – gegeneinander und gegen die Unwirtlichkeit der Natur, denn zunächst ist die Bühne voller Bambus-Topfpflanzen, die den Schauspielern ein Durchkommen kaum ermöglichen. „Die Jungfrau von Orleans“ bietet Martial Arts – fast so perfekt wie im Kino, doch ohne dass am Computer nachgeholfen worden wäre. Respekt daher für die körperliche Leistung und die Spielfreude der Schauspieler, die – frei von den Fesseln der Premieren-Nervosität – sicher noch zupackender auftreten werden. Auffallend ist, dass sich Jean-Luc Bubert als König Karl hier im Zaum hält, sich zurücknimmt und dennoch sein intensives Spiel nichts verliert. Packend auch, wie Robin Sondermann den Herzog von Burgund spielt, der zu den Engländern überlief. Es ist eine der eindringlichsten Szenen, wenn Johanna diesen Verräter, in dem natürlich ein gutes Herz schlägt, zur Umkehr bewegt.

Kristina Pauls präsentiert sich mit ihrer Johanna in ihrer ersten Hauptrolle am Volkstheater. Auf ihr lastet ein großer Teil der Verantwortung an diesem Abend. Sie nimmt sie an und wandelt sich vom verhuschten Liebelein, das von der göttlichen Weisung verstört ist und sich zunächst noch von den Männern unterbuttern lässt, zu einer Lara Croft der Entrechteten. Mit Macheten und Stöcken, radschlagend, boxend, rennend und ringend wirft sich Pauls in diesen Kampf gegen die Unterdrücker der Welt. Die Emanzipation ihrer Johanna, der sie bei aller Brutalität auch Augenblicke der Menschlichkeit und Schwäche gönnt, wird bei Solberg zur Emanzipation der Globalisierungs-Opfer. Es ist ein Kampf, der für Johanna mit dem Tod endet und für alle anderen andauert.

Es liegt nahe, dass der Regisseur Ensemble – und Zuschauern – keine Zeit gönnen kann, um die Figuren psychologisch auszuloten. Denn darum geht es Solberg nicht. Seine Inszenierung soll Aufschrei gegen die Zustände sein. Es ist ein Aufschrei, der knallt.

Nächste Vorstellungen am 26., 27. Mai, 4., 5. Juni; Telefon: 089/ 523 46 55.

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