+
Glück am Friedhof: Pascal Fligg als Henri und Barbara Romaner als Margaret.

Premiere im Volkstheater: Im Lebens-Labyrinth

München - Bettina Bruinier inszenierte fürs Münchner Volkstheater Aki Kaurismäkis „I Hired a Contract Killer“. Die Premieren-Kritik:

Wer daheim nur mit seinem Teekessel und seiner Zimmerpflanze kommuniziert und im Büro die Launen des Chefs sklavisch ausbadet, ist dem Tod geweiht. Das ist die These von Regisseurin Bettina Bruinier, die für das Münchner Volkstheater „I Hired a Contract Killer“ („Ich engagierte einen Auftragsmörder“) von Aki Kaurismäki inszenierte. Premiere war am Freitagabend (eineinhalb Stunden). Sie will nicht die bis zur Depression melancholische Stimmung jenes berühmten finnischen Films mit seinen feinen Verzweigungen in die Komik der Realität auf die Bühne verpflanzen. Sie versucht vielmehr, für ihr Medium eine Art von holzschnitt-überzeichnete Groteske zu entwickeln, bedient sich bei Pantomime, Stummfilm, ja beim Puppentheater. In der Tat kommt die Produktion mit ganz wenig Text aus. Bruinier hechelt nicht hinter einem Naturalismus her, sie vertraut erfreulicherweise den Mitteln des Theaters. Damit ist ihre Version von „I Hired a Contract Killer“ Pendant und Gegenstück zu „Kleiner Mann – was nun?“ an den Münchner Kammerspielen.

Dazu hat ihr Bühnenbildner Markus Kraner ein Stelenfeld auf die Bühne gebaut, das zunächst an das Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnert. Sich dann aber als multifunktionales Lebens-Labyrinth der handelnden Figuren erweist. Andeutungsweise erkennt man an einigen Quadern Fotos von Wohn- und Büro-Wabenarchitektur. Der Himmel darüber – ein Videofilm. Durch diese Klötze winden sich die Angestellten in einem wieselnden Fleiß-Tänzchen. Henri Boulanger (Pascal Fligg) ist einer von ihnen, in grauem Anzug, grauem Staubmantel, brav gescheitelt. Ähnlich öde: Chef, Sekretärin und Kollege, die Robin Sondermann, Xenia Tiling und Stefan Ruppe – wie viele andere Rollen auch – genüsslich als lebende Karikaturen in schriller Ausstattung (Justina Klimczyk) spielen. Dabei sind die Figuren eher im Vor-Internet-20.-Jahrhundert verankert. Dass viele mit dem Verlust der Arbeit auch ihre komplette Daseinsberechtigung zu verlieren glauben, ist und bleibt aktuell. So steht Henri nach dem Rauswurf seiner Ansicht nach vor dem Nichts und strebt konsequenterweise den Suizid an.

Bettina Bruinier arbeitet im gesamten Stück klug heraus, wie korrektes verwaltungstechnisches Vorgehen das Leben bestimmt – und es schließlich zum Absterben bringt. Da versteht es sich von selbst, dass gerade die Killerfirma korrekt geschäftsmäßig vorgeht, auch wenn man in der „Honolulubar“ im Hawaii-Hemd herumhängt und an Zigarrenstumpen nuckelt. Übrigens: Wunderbar, wie nur durch einen Werbe-Leuchtkasten mit dem Bar-Schriftzug, drei Typen (die erwähnten Schauspieler Sondermann, Tiling, Ruppe), ihre Schnapsgläser und rotes Schummerlicht die passende Atmosphäre in die Stelen gezaubert wird. Mit vielen solchen Details und Einfällen sowie der wandlungsfähigen, unaufdringlichen Musik von Oliver Urbanski (zusammen mit Karl Wende immer mit auf der Bühne) zieht das Produktionsteam über das gesamte Stück ein Netz aus Humor und Ironie: sodass man als Zuschauer das Spiel mit Neugier, allerdings auch mit innerer Distanz verfolgt.

Daher bleibt für Henri, seine Retterin in Person von Blumenverkäuferin Margaret (souverän Barbara Romaner) und den krebskranken Killer (angenehm zurückhaltend Jean-Luc Bubert) weniger Anteilnahme als freundlich maßvolle Aufmerksamkeit. Sie richtet sich insbesondere auf Pascal Fligg, der sich am Volkstheater in seiner ersten großen Rolle zeigen darf. Er spielt Henri zunächst als reinen (Büro-)Tor schön zurückgenommen. Mit liebenswürdiger Präsenz verschafft er seiner fast immer stummen Figur Sympathie und Achtung, denn er hütet sich davor, die Slapstick-Elemente auszuwalzen. Billige Lacher wollen er und die Regisseurin nicht. Bemerkenswert, wie der Schauspieler seinen Henri aufblühen lässt, als er zum ersten Mal Margaret begegnet. Die Backen werden so rot wie ihr Rock und ihre Rosen, und er kann richtig lachen. Damit ist das Korrekt-Sein über den Haufen geworfen, der Tod wird lästig – und der Kampf ums wahre Leben beginnt.

Herzlicher Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen Montag, Dienstag, 5.4., Telefon 089/523 46 55.

Die Handlung

Henri Boulanger, kleiner ausländischer Angestellter in einer britischen Behörde, wird entlassen, als diese privatisiert wird. Sein Lebensmittelpunkt ist damit weg, und er sucht den Freitod. Der Selbstmord schlägt fehl, also engagiert er einen „richtigen“ Mörder für sich selbst. Kaum ist das in die Wege geleitet, bringt die Liebe zu Margaret neue Lebenslust. Aber der Vertrag lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Henri stolpert durch einige Abenteuer, bis es zum Happy-End kommt.

Die Besetzung

Regie: Bettina Bruinier.

Kostüme: Justina Klimczyk.

Bühne: Markus Kraner.

Musik: Oliver Urbanski.

Darsteller: Pascal Fligg (Henri Boulanger), Jean-Luc Bubert (Der Auftragskiller), Barbara Romaner (Margaret), Robin Sondermann (Abteilungsleiter, Frank, Chef der Killer u.a.), Xenia Tiling (Sekretärin u.a.), Stefan Ruppe (Pete u.a.).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare