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Premiere am Volkstheater: Reden wir doch miteinander

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München - Keine Denk-Schonkost: Christian Stückl inszeniert „Nathan der Weise“ an seinem Münchner Volkstheater.

„Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?/ Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,/ Als Mensch? Ah! Wenn ich einen mehr mit Euch/ Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch/ Zu heißen!“ Nathan, der jüdische Kaufmann aus dem Mittelalter, meint in dem Stück aus dem Jahr 1779 nicht unser heutiges Pegida-Problem. Und doch ist Gotthold Ephraim Lessings Werk „Nathan der Weise“ (Uraufführung 1801 in der Bearbeitung von Schiller) so brennend aktuell, wie es immer war. Nach den Attentaten in Paris, den Gemetzeln im Nahen Osten und in Afrika sowie an viel zu vielen Orten auf der Welt spendet uns dieses scheinbar ältliche „dramatische Gedicht“ Trost. Denn Lessing (17291781) bietet darin nicht Harmonie-Gesülze, sondern erst einmal eine klare Analyse und danach den Mutmacher: Es ginge auch anders!

Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, hat das Werk, das so gut wie jeder in der Schule durchnahm, nun für sein Haus inszeniert. Am Samstagabend wurde die dreistündige Aufführung vom Premierenpublikum ausdauernd beklatscht. Und in der Tat: Regiearbeit, Schauspielerleistung sowie die Bühne überzeugen. Insbesondere weil die Theaterbesucher heute nicht mehr oft Produktionen sehen können, die ihnen Respekt entgegenbringen. Häufig werden die Zuschauer wohl für blöd gehalten, weswegen man ihnen Denk-Schonkost vorsetzt. Bequem für die Regie, denn so muss sie sich nicht tief in die Dramen hineingraben.

Stückl hingegen leistet das mit sichtlichem Vergnügen. Er disputiert mit diesem Lessing, diesem Nathan, dem Tempelherren oder diesem Saladin. Und er disputiert dadurch mit uns. Genau das ist es, was der Aufklärer Lessing, ein auch im realen Leben hitziger Wort-Fechter, wollte: ein Miteinander- , aber kein Übereinander-Reden und schon gar kein Einander-Morden. Die Inszenierung schafft allerdings eine ungemütlichere Stimmung, als in Lessings fast idyllischem Jerusalem herrscht. Auf einer Sanddünen-ähnlichen Bodenwelle (Bühne: Stefan Hageneier) erwarten alle Mitspieler inklusive Soldateska ihr Publikum; hinten flimmern (wie am Ende auch) ein paar verwaschene Stummfilmszenen einer Kreuzritterschlacht.

Die Gewalt verkörpern auf christlicher Seite der mordlüsterne Patriarch (Thomas Kylau als vom religiösen Wahn Gepeitschter), den wir bei Lessing finden, und auf der „Muselmann“-Seite Melek, Saladins Bruder (Sohel Altan G. als lauernder Verbrecher). Stückl hat die Lessing’sche Figur der recht sympathischen, klugen Sultan-Schwester Sittah durch diesen zwielichtigen Typen ersetzt. Dadurch wird geradezu körperlich spürbar, wie hilflos ausgesetzt die jüdische Bevölkerungsgruppe ist. Hinter ihr steht nicht einmal eine ferne Machtstruktur.

In seiner tänzelnden und einen Hauch unsicheren Körpersprache, in seiner tastenden, forschenden, charmant den anderen einhüllenden Sprechweise lässt August Zirner seinen Nathan davon erzählen. Der hat vor 18 Jahren die Auslöschung seiner gesamten Familie durch Christen überlebt. Trotz der ständigen politischen Unsicherheit ist er ein extrem erfolgreicher Geschäftsmann. Und nun kommt ihm der Tod wieder ganz nahe. Zirner spielt diese Daseins-Prägung sanft flirrend, zugleich gefasst, warmherzig, aber dezent und nie als Gustostückerl für einen Schauspielstar.

Neben seiner leichtfüßigen Tragikomik übernimmt Mara Widmann als Daja den Part der handfesten Komödiantin. Die Gesellschafterin von Nathans Tochter Recha (kraftvoll, doch mädchenhaft: Constanze Wächter) ist herzerfrischend als kupplerischer Amor, ja sogar in ihrem christlichen Eifer. Ihr Lustspiel-Pendant, der Klosterbruder, ist bei Jean-Luc Bubert nicht so gut aufgehoben. Die Paraderolle lässt er sich durch die Finger gleiten. Ähnlich geht es Mehmet Sözer mit dem eigentlich herrlich komisch-klugen Al-Hafi, armer Derwisch, Möchtegern-Aussteiger und Schatzmeister des Sultans. Da saugt Pascal Fligg aus dem ja durch und durch seriösen Saladin mehr Verschmitztheit.

Die Überraschung der Aufführung ist aber Jakob Geßner als Tempelherr. In den meisten „Nathan“-Inszenierungen wird der als hübscher, strammer, leicht dümmlicher Ritter präsentiert. Stückl und Geßner haben ihren Lessing freilich gründlich gelesen. Und dort ist „der Schwabe“ ein waches Bürschchen, das wacker argumentieren kann. Das kostet der junge Schauspieler mit eckig-skurriler Körpersprache aus, serviert die in Jamben gegossenen Sätze so lässig wie durchdacht und gibt dem Komödianten in sich feinsten Puderzucker. Eine Entdeckung.

Nächste Vorstellungen: 29.1, 30.1., 4.2., 10.2., 11.2.,

Telefon 089/ 523 46 55.

Rubriklistenbild: © dpa

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