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Die Geister, die sie rief: Cecilia Bartoli als Männer verhexende Alcina.

PREMIERENKRITIK

„Alcina“ in Salzburg: Hotel zur schlechten Aussicht

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Das Drama einer Diva, die sich gegen die Vergänglichkeit stemmt. Cecilia Bartoli gibt in Salzburg Händels Alcina einen anderen Dreh. Hier die Festspiel-Kritik:

Salzburg - Rein berufstechnisch wird Ruggiero als „Ritter“ geführt, doch de facto muss der Mann Zivi gewesen sein. Das Schwert entgleitet dem Ängstlichen zweimal, auch das Messer. Erst spät, fast zu spät, hält er das Beil fest umfangen und lässt nicht nur Alcinas Wunderspiegel zerklirren, durch den sie die Realität dieses Bühnenraums zu betreten pflegt, sondern gleich die ganze Künstlichkeit des Mini-Universums, Titelheldin inklusive. Die ergraut minutenschnell zur Greisin – alles, mit dem sie sich behauptete, ist nun dahin.

„Verdi pradi, selve amene“, die von Ruggiero besungenen grünen Wiesen und lieblichen Wälder, Lockmittel auf Alcinas Lustinsel, die sind bei den Salzburger Pfingstfestspielen nur im übertragenen Sinn zu verstehen. Weniger um Gestrandete in einer utopisch-erotischen Sphäre geht es Regisseur Damiano Michieletto, sondern um eine Diva, die sich mit durchgedrücktem Rücken, hart geschminkter Gesichtskontur und 50er-Jahre-Langhaarfrisur gegen ihren persönlichen GAU stemmt: die Vergänglichkeit.

Händels Zauberin hat Festspiel-Leiterin Cecilia Bartoli seit einigen Jahren im Portfolio. Doch so weit gegangen wie in dieser Premiere ist sie mutmaßlich noch nie. Das betrifft das Porträt einer Frau, die sich eigentlich neu definieren müsste, die sich aber zu gern im schönen Schein des Bisherigen sonnt. Und das betrifft das Vokale: Die Bartoli, die sich stets ferngehalten hat von stimmlichen Grenzen, um ihren kostbaren, eher kleinen Mezzo nicht zu überfordern, riskiert nun einiges. Breite Mittellage, druckvolles Forte, halbwegs offene Spitzentöne, eine Vehemenz, die aber immer kontrolliert bleibt. Und dann, im Da Capo von „Si, son quella“, schlägt alles um in Zärtlichstes aus der Pianissimo-Wunderwelt. Ein Moment, in dem die Zeit angehalten und eine fast konkurrenzlose Technik vorgeführt wird.

Je später der Abend, desto symbolistischer die Szene

Sogar Philippe Jaroussky, als Countertenor sonst in der Abteilung fürs Orpheische aktiv, wagt als Ruggiero den Belastungstest. Den zartbitteren Zögerling nimmt man ihm ab, aber eben auch den Mann, der sich aufrafft zur Flucht nach vorn. Nicht alle Töne sitzen im Expressiven korrekt, doch ihm und der Rolle steht das gar nicht schlecht. Der einzige echte Kerl im Beziehungsdreieck des Stücks ist, zumindest klanglich, Kristina Hammarström. Die Bradamante liegt ihr eine Spur zu tief, was sie ummünzt in eine offene, wie ungeschützte Dramatik. Sandrine Piau, selbst eine gefeierte Alcina, holt Morgana aus der Kammerkätzchen-Kiste. Viel reifer, vielschichtiger begegnet einem diese Frau, der einst dasselbe Schicksal wie der Titelheldin drohen könnte. Und dann gibt es noch den Wiener Sängerknaben Sheen Park. Als Oberto fahndet er in Alcinas Reich nach dem verhexten Vater, ist dabei kein Stichwortgeber, sondern tatsächlich mit Arien betraut – eine Sensation.

Regisseur Michieletto und sein Bühnenbildner Paolo Fantin lassen anfangs alle in einer schmucklosen Lobby aufeinandertreffen. Ein Hotel zur schlechten Aussicht, das sich dank rotierender Milchglaswand zur surrealen Hölle wandelt. Spiegelungen, Reflexionen sieht man, aber kaum Selbsterkenntnis. Mehrfach trifft Alcina auf eine verwitterte Frau, es ist ihr Alter Ego und ihre Zukunft. Je später der Abend, desto symbolistischer die Szenerie mit einem blutenden Baum (ein verzauberter Freier) und sich senkenden Felsen, Romeo Castellucci hat da für zwei, drei Einfälle ums Eck geschaut.

Eine von Wandleuchten funzelig erhellte Kulisse ist das, in der die Protagonisten in immer neuen Umkreisungen, Konfrontationen ihr Weh heraussingen. Alcinas Zauberopfer ist ein stummer, erotischer Bewegungschor, Videos verstärken das Unwirkliche. Intensive, genau choreografierte, vielsagend offene Begegnungen glücken. Wer sein Solo hat, ist nie allein, sondern reagiert auf die anderen. Mehr Versuchslabor, situatives Einzel-Experiment ist das – und damit sehr im Sinne Händels, der seine hier so mozartnahen Figuren in Ausnahmezustände schickt, um sie musikalisch zu untersuchen.

Eine Überfülle an Farben und Nuancen

Warum es Ruggiero und die anderen Männer überhaupt zu Alcina trieb, bleibt offen und Michielettos Achillesferse. Egal, man weidet sich schließlich an der Intensität dieser drei Stunden. Die ist im Graben manchmal größer als auf der Bühne: Gianluca Capuano und Les Musiciens du Prince-Monaco spielen einen Muster-Händel. Eine Überfülle an Farben und Nuancen quillt aus dieser Interpretation. „Historisch informiert“ heißt hier nicht gespickt mit Widerhaken und Überraschungsangriffen, sondern sinnlich, tiefgründig, extrem flexibel, temperamentvoll im Grundpuls, mit feinem Sensorium für die wechselnden Situationen. Einmal lässt Capuano die Musik förmlich vereisen, den Gala-Damen im Parkett kriecht da der Schauer über die entblößten Schultern.

2020 ist Capuano mit seiner Truppe, dem Haus- und Hof-Ensemble der Intendantin, wieder dabei. Gespielt wird an Pfingsten (und später traditionell im Sommer) Donizettis „Don Pasquale“. So leichtgewichtig, man hört das Stöhnen schon, war eine Festspiel-Oper lange nicht mehr. Cecilia Bartoli, die ihren Vertrag gerade bis 2026 verlängert hat, singt erstmals die Norina, und dies in einer Fassung für die legendäre Pauline Viardot (1821-1910). Ein Schwank, eine Nettigkeit wird wissenschaftlich geadelt. Irgendein Dreh fällt der Chefin ja immer ein.


Die Handlung:
Auf der Suche nach dem Verlobten Ruggiero gerät Bradamante auf eine Insel, beherrscht von Zauberin Alcina. Die hat bei Ruggiero jede Erinnerung an sein früheres Leben vertilgt. Bradamante, verkleidet als Ritter Riccardo, trifft auf Alcinas Schwester Morgana, die sich in den „Mann“ verknallt. Als Bradamante endlich Ruggiero trifft, hat sich der längst in Alcina verliebt. Er wird befreit. Alcina will Rache nehmen. Bradamante, Ruggiero und Melisso können fliehen. Alle von Alcina in Steine oder Tiere verwandelten Liebhaber werden wieder Menschen, die Insel versinkt.

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