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Seine zweite Saison als Chefdirigent der Opéra de Lyon startete Daniele Rustioni (35) mit Boitos „Mefistofele“.

PREMIERENKRITIK UND PORTRÄT

Daniele Rustioni: Von Lyon aus zur Weltkarriere

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Mit Boitos „Mefistofele“ startete Daniele Rustioni in seine zweite Saison an der Opéra de Lyon - ein bestechendes Dirigat dieses großen Hoffnungsträgers

Lyon - Wieso sollte man nervös sein? „Wir haben doch genug geprobt, und alle können ihre Partien.“ Daniele Rustioni jedenfalls ist, drei Stunden vor Beginn der Premiere von „Mefistofele“ beim Gespräch im neunten Stock der Opéra de Lyon, die Ruhe selbst. Nicht ganz: Es ist pure Vorfreude, die er ausstrahlt auf ein Werk, das kaum gespielt wird, das aber zu seinen Lieblingsstücken gehört. Arrigo Boitos einzige Oper hat Rustioni immerhin schon gesungen – im Kinderchor der Mailänder Scala. Im Graben stand damals Riccardo Muti. Und der Star bekam vom Elfjährigen zu hören: Dirigent, genau das wolle er auch werden.

Der Traum wurde wahr, mehr noch: Rustioni ist, 35 Jahre jung, Chefdirigent an der Opéra de Lyon. Es ist seine zweite Saison. Und Intendant Serge Dorny, der bekanntlich 2021 an die Bayerische Staatsoper wechselt, hat das Riesentalent des Mailänders erkannt. Im vergangenen Jahr hat Rustioni in Lyon unter anderem beim Verdi-Festival mit drei Stücken an drei aufeinander folgenden Tagen brilliert. Heuer, zum Saisonstart, knackt er eine Nuss: Boitos „Mefistofele“ ist eine überbordende, stilistisch auseinanderstrebende Angelegenheit und eine dreifache Verbeugung. Vor Goethes „Faust“, vor der italienischen Opernhistorie, vor Richard Wagner. Und das Beste: All dies ist in Lyon zu hören.

Warum steht Boito in den Operncharts nicht weiter oben?

Fürs Doppelbödige, Hintergründige beim Schnelldurchlauf durch Goethes Doppeldrama hat Rustioni ein Gehör – und verliert sich keine Sekunde in dröger Analyse. Über- und trennscharf ist im Orchester alles profiliert, man kann Boitos Einfälle mitstenografieren. Und erkennt auch, welche Zutaten für die oft eigenwilligen Klangmixturen hineingerührt wurden. Gleichzeitig haben die zweieinhalb Stunden etwas Prallbuntes, eine Süffigkeit, die immer wieder eine große Frage aufwirft: Warum bloß steht Boito in den Operncharts nicht viel weiter oben?

Alles ist in größerer Balance als auf der Bühne. Àlex Ollé von der einstigen Berserkertruppe La Fura dels Baus spektakelt sich durch den Abend, der im Sezierlabor beginnt, immer mehr ausufert und große Mühe hat, ringschließend zum ersten Bild zurückzukehren. Wobei es aparte Ansätze gibt – Faust als linkischer Mittfünfziger im Glitzer-Sakko, Mefistofele als Ebenbild der Frankenstein-Kreatur, Elena als Wiedergeburt der auf dem Elektrischen Stuhl hingerichteten Margherita. Ollés Augenfutter, die Treppenlandschaften und Revue-Szenen werden von der Jugend im Publikum begeistert aufgenommen. Die Regie trifft also einen Nerv.

John Relyea meißelt die Titelrolle aus schwarzem Bassgranit, Evgenia Muraveva (Margherita/ Elena) ist ganz kühle Emphase, Paul Groves singt mit klar umrissener Mittellage und angetäuschter Höhe. Und unten? Rustioni ist nicht nur Animateur, er steuert Chor und Orchester mit größter Selbstverständlichkeit. Ein charismatischer Handwerker. Kein Wunder: Eine fast klassische Kapellmeisterkarriere liegt hinter ihm. Korrepetitor in Proben, dann Assistent von Antonio Pappano am Royal Opera House in London, Dirigate der Bühnenmusik, schließlich dort erste Einsätze im Graben.

Nicht überraschend, würde Rustioni ab 2021 öfters in München sein

An der Bayerischen Staatsoper hat Rustioni auch schon gastiert mit „Rigoletto“, „Madama Butterfly“ und in einem Akademiekonzert. Die Chefstelle in Lyon, so sagt er, tue ihm in mehrfacher Hinsicht gut. Er erweitere sein Repertoire und lerne, Verantwortung zu übernehmen. Die lange Probenzeit, die Konzentration auf nur ein Stück im Stagione-System komme ihm gerade sehr entgegen. Um die Dirigiertechnik zu verfeinern, um zu erfahren, wie man in kurzer Zeit einem anderen Orchester als dem eigenen Details entlockt, um also ökonomisch zu arbeiten, bleibe Gastieren dennoch wichtig. Nicht überraschend, würde Rustioni ab 2021, wenn Dorny in München amtiert, öfters im Nationaltheater anzutreffen sein.

Sehr reflektiert spricht Daniele Rustioni über diese Dinge, selbstbewusst im besten Sinne, während er am Pult schon mal ins Tanzen gerät. Ihm ist auch klar, dass er zur Riege der jungen Wilden gehört, mit der sich Orchester gern schmücken. Jeder will schließlich einen aufstrebenden Jung-Star entdecken – und das werbeträchtig für sich reklamieren. Ob ihm seine Jugend schon einmal zum Problem wurde? Ein, zwei Kämpfe habe es gegeben, sagt Rustioni. „Der Schlüssel aber ist, dass man sich treu bleibt.“ Natürlich, so schiebt er lächelnd hinterher, könne er sich wie manche Kollegen einen Bart stehen lassen, um älter zu wirken. „Aber ich sehe eben so aus. Am Ende ist entscheidend, dass man die Partitur beherrscht und sie vermitteln kann. Nichts anderes erwarten die Musiker von uns.“

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