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Karibischer Intrigantenstadl zur Musik des Spätestbarock: Max Emanuel Cencic als Lottario (li.) und Franco Fagioli als Adalgiso.

PREMIERENKRITIK

„Carlo il Calvo“ zur Eröffnung von Bayreuth Baroque: Der Kuba-Clan

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Ein Musterstart für das neue Festival „Bayreuth Baroque“ mit einer vergessenen Porpora-Soap.

Bayreuth - Tee, das wissen wir jetzt, empfiehlt sich auf russischen Flügen weniger. Manchmal birgt auch die Familientafel Überraschungen für die Speiseröhre. Ludwig der Fromme verröchelt hier an einer tödlichen Zutat, was den Weg freimacht – die grell auflachende Oma im Rollstuhl kapiert’s als Erste – für Machtkämpfe im einstigen Reich des großen Karl. Wobei: Neuntes Jahrhundert, Karolinger, das ist herzlich egal. Ob Herrscherdynastie oder Mafia, Macht- und Mordlust formieren sich ja stets zu denselben Kraftfeldern mit entsprechend blutigen Ergebnissen.

Was also im Markgräflichen Opernhaus zu Bayreuth aufgerollt wird, ist kein Nachbuchstabieren für Historiker-Nerds. „Carlo il Calvo“, die vergessene, 1738 in Rom uraufgeführte Oper von Nicola Porpora, wird zum Kuba-Clan, zum schwarzhumorigen Familien-Porträt aus den Zwanzigerjahren. Dass die fünf langen Stunden überhaupt stattfanden, ist ein kleines Wunder. Max Emanuel Cencic, längst nicht mehr nur Countertenor, sondern als Regisseur, Produzent eigener Opernprojekte und Firmenbesitzer unterwegs, gibt nun auch den Festspiel-Chef. In Spazierweite des Grünen Hügels stemmt er das neue Festival „Bayreuth Baroque“, das jene internationale Fan-Schar anlocken will, die sich mit dem raunenden Heavy Metal des Stadtheiligen Richard Wagner schwertut – oder einen Ausgleich braucht.

Mit 500 Zuhörern hatte Cencic kalkuliert, die nicht nachvollziehbare bayerische Corona-Politik gestattet nur 200. Bei 1,5 Millionen Euro Etat müsste eigentlich ein Drittel über die Tickets hereinkommen. Nicht nur die Porpora-Premiere, auch Abende mit Jordi Savall oder Joyce DiDonato oder die konzertante Vinci-Oper „Gismondo“ laufen also im Jahr eins des Festivals als Zwangsverlustgeschäft. Die Geldgeber wollen offenbar einspringen, mit Recht. So sehen Ehrenrettungen aus, vor allem: So hören sie sich an.

Cencic als virtuoser Regisseur

Warum Porporas „Carlo il Calvo“ nicht mehr gespielt wurde, versteht nach dem bejubelten Abend kaum einer. Der Gesangslehrer und Vielschreiber schuf seine Arien als knifflige Zwitter zwischen Vokal-Fortbildung und Maßanfertigung für damalige Stars. Der Grundrhythmus des Stücks ist hoch, die Instrumentation so überschaubar wie wirkungsvoll. Und doch bleibt in diesem Spätestbarock nie der Eindruck des bloßen Feuerwerks. Dirigent George Petrou liefert dazu mit Armonia Atenea den passenden Puls. Musiziert wird federnd statt ruppig und manchmal auch anfechtbar.

Cencic ist als Regisseur nicht nur versierter Figurenbeschäftiger. Virtuos kann er ineinandergreifende Genre-Bilder einer sich hassenden und liebenden Familie entwerfen. Dazu gibt es nicht nur das vorgesehene Personal: Eine Armada stummer Figuren von Bediensteten bis Onkeln, Tanten und Kindern tritt auf. Gern inszeniert Cencic Parallelhandlungen. Während vorn ein Solist seine Gefühlswelt per Arie entblättert, wird hinten die nächste Intrige ausgeheckt. Hier begegnen sich Menschen, die sich eine Umdrehung aus der Realität entfernen, dabei aber nie in der Karikatur landen.

Dazu liefern Giorgina Germanou (Bühne) und Maria Zorba (Kostüme) die opulente Ausstattung. Vom Speisezimmer geht’s über die Bibliothek bis zum Palmen-Patio inklusive blau glänzendem Oldtimer Lottarios. Humor kann Cencic, TV-Soap-Dramatik, und manchmal wird es auch ernst: Carlo ist nicht titelgemäß ein Kahler, sondern ein an Kinderlähmung leidender Bub mit Beinschienen.

Beim Seelenton-Duett zwischen Gildippe und Adalgiso singen und spielen sich Julia Lezhneva und Franco Fagioli in utopische Sphären. Und ein paar Stunden vorher erlebt Lottario ein nie platt gezeichnetes Kurzzeit-Outing, als er vom muskulösen Bodyguard Asprando umgarnt und machtpolitisch benutzt wird.

Counter-Duell mit Psychostudie

Den Lottario hat der Festival-Chef für sich reserviert. Mit Schnauzer, Weißhaar und Stock stolziert Cencic als Wiedergänger Friedrich Schoenfelders durch die Szene. Kein verknöcherter Clan-Pate, sondern ein Genießer, ob Macht oder Erotik. Auch in seinen Solo-Nummern, geschmeidig, mit gedecktem Belcanto-Klang gesungen und immens klug disponiert, zeigt Cencic, wer Herr im Markgräflichen Hause ist. Franco Fagioli beginnt unter Hochdruck, Arien-Maloche ist zu hören. Erst mit der Zeit wird es balancierter, seine expressive Psychostudie macht die Aufführung dann doch zum Counter-Duell.

Bruno de Sá (Berardo) ergänzt das als Sopranist eine Stimm-Etage höher, Suzanne Jerosme packt als intrigante Carlo-Mutter Giuditta das vokale Feinbesteck aus, kann aber auch ätzende Koloraturen versprühen. Petr Nekoranec gefällt sich als kernig-fieser Asprando. Julia Lezhneva driftet als Gildippe zunächst unausgeglichen in Richtung Charaktersopran, bevor sie mit wilden Slalomfahrten durch die Arien und einem finalen Charleston abräumt. Der Abend endet als Tanz-Party, bevor’s wieder zum Bankett-Tisch geht. Und Omas grelles Lachen das nächste Opfer markiert.

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