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Diese Muckis dürften für den Kampf gegen die Sphinx reichen: Christopher Maltman als Œdipe. 

FESTSPIEL-KRITIK

George Enescus „Oedipe“ in Salzburg: Boxeraufstand eines Vatermörders

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Mit der Premiere von Enescus "Œdipe" erreicht das diesjährige Salzburger Opernprogramm endlich Festspielformat. Altmeister Achim Freyer ist dies zu verdanken. Die Premierenkritik.

Salzburg - Superschwergewicht, das trifft die Sache nur unvollkommen. Wer gegen dieses Wesen in den Ring steigt, der bewegt sich in der Mega- bis Giga-Klasse. Muckis sind weniger erforderlich, obgleich Ödipus vor Bi-, Tri- und noch vielen anderen -zeps in dieser Aufführung kaum mehr laufen kann. Hirn und Chuzpe braucht es im Kampf gegen die Sphinx, zumal dieses Mischwesen hier auch noch in seine Zutaten zerlegt ist: als blutiger, riesiger Frauenkörper, der von den Arkaden herabgelassen wird. Als Löwenschatten, der plötzlich im Bogengang vorbeizieht. Als wandelndes, singendes Abendkleid. Und als Fratzenballon, der in der Felsenreitschule emporsteigt.

Wir sind bei Achim Freyer, und auch im 86. Lebensjahr lässt der regieführende Bilderzauberer den Salzburger Festspielgästen die Augen groß werden und die Münder offen stehen. Vielleicht, weil dieses Stück wie nur wenige andere so perfekt zu seiner Kunst passt. Mit „Œdipe“, 1936 als Vermählung von Spätestromantik und musikalischer Farbenlehre à la française uraufgeführt, bezieht sich Komponist George Enescu nur zu einem Teil auf die griechische Tragödienvorlage. Zugleich schrieb er aufs Libretto des französischen Schriftstellers Edmond Fleg eine monumentale symphonische Meditation über den blinden Vatermörder und Muttergatten. Mehr Oratorium ist dies und Schlaglichtfolge, oft glühende, effektvolle Innenschau, kein psychologisch unterfütterter Handlungsverlauf (siehe unten).

Dunkler Traumtotentanz mit kindlichen Staunwerten

Von Wiederentdeckung kann keine Rede sein. Immer wieder stemmten kleinere und große Häuser den Zweieinhalbstünder, zuletzt im vergangenen Jahr das Thüringer Theater. Hans Neuenfels verzwergte „Œdipe“ 2013 in Frankfurt auf einen 90-Minuten-Quickie, die Salzburger Festspiele stellen sich dem Vierakter nun in dessen ganzer verführerischer Schönheit. Mit dieser Premiere ist man, nach Schwächeanfällen bei Mozarts „Idomeneo“ und Cherubinis „Medée“, endlich im Festivalformat angekommen.

Freyer, wie immer als eigener Ausstatter aktiv (und mittlerweile unterstützt von mehreren Assistenten), zeigt „Œdipe“ als dunklen Traumtotentanz zwischen Archaik und kindlichen Staunwerten. Es beginnt mit einem zappelnden Baby-Balg, der sich zum Muskelmann mit Boxhandschuhen wandelt. Auch unterm Krönungs-, der ein Bademantel sein könnte, trägt er seine Hochglanzshorts – ein Naivling, der erst nach der Blendung Größe, Einsicht und innere Statur gewinnt. Seher Tirésias zieht mehrfach, geführt von einem Kind, wie auf Schienen vorbei. In den Arkadenfenstern zeigen sich Créon mit Larvenmaske oder Thésée als dem Diesseits entrückte Fantasiefiguren, Antigone erscheint im engelhaften Unschuldsweiß – womit (nicht nur hier) die christlichen Konnotationen dieses um Erlösung kreisenden Stücks angedeutet werden.

Auf zutiefst musikalische Weise übersetzt Freyer den Duktus der Partitur in einen Zeitlupen-Reigen. Etwas Soghaftes geht von diesem Abend aus, eine Intensität, die über Logik weit hinausreicht. Im Zentrum Ödipus als einzig ungeschminktes Wesen, der dies alles auch imaginieren könnte. Die Aufführung liefert keine Antworten, sondern lädt zur Assoziation ein. Achim Freyers alter Kniff ist ja stets, dass er das raunend Ritualhafte überblendet mit einer scheinbaren Naivität. Die Tiefenschichten von Mythos und Oper sind präsent, wundersame und märchenhafte Zeichen sorgen dafür.

Achim Freyer bleibt der Sinnlichste von allen

Erst nach seiner Selbstblendung trägt der Antiheld eine Maske, von der blutrote Bänder herabhängen. Christopher Maltman, fast immer auf der Bühne, entwickelt die Riesenpartie fast ausschließlich aus einem gestischen, textreflektierten Singen: ein Baritonklang mit hohen Testosteronwerten, einschüchternd erst recht in der Gebrochenheit. Auch die anderen Solisten sind zum strengen, minimalistischen Spiel verurteilt – und zur Konzentration auf ihre Vokalität. Wie Anaïk Morel (Jocaste), Brian Mulligan (Créon), Michael Colvin (Laïos), besonders Chiara Skerath (Antigone) ihre Partien klanglich formen und erfühlen, ist großartig. Und doch bedauert man, dass John Tomlinson im Tirésias-Figurengewand kaum sichtbar ist – zur Granitwucht seines Gesangs hätte man gern eine ebensolche Darstellung gesehen.

Ingo Metzmacher tut das einzig Richtige: Er verlässt sich auf den klanglichen Instinkt der Wiener Philharmoniker und überwürzt seine Deutung nicht. Ein kundiger Lotse und sorgsamer Begleiter. Enescus Partiturschichtungen sind nachvollziehbar, auch seine Polystilistik, die sich manchmal nach Wagner sehnt und doch in ihrer Hyper-Chromatik und instrumentaler Experimentierlust weit ins 20. Jahrhundert blickt. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor singt ihre Nummern mit oratorienhaftem Feintuning. Der relativ kurze Applaus mit einigen Buhs überrascht. Wo sich andere wie Romeo Castellucci oder (gerade wieder im Salzburger „Idomeneo“) Peter Sellars im Esoterischen verlieren, bleibt Achim Freyer der Sinnlichste von allen. Mehr noch: Er ist das Original.

Die Handlung:
Ein Orakel verkündet, dass der Sohn des Laïos den Vater töten und die Mutter heiraten wird. Die Eltern lassen das Baby aussetzen. Das Kind wird gerettet und nach Korinth gebracht, wo es als Sohn des Königs aufwächst. Œdipe wird in einer Vorhersage bestätigt, was das Orakel sagte. Er flieht vor den vermeintlichen Eltern und trifft auf Laïos, den er im Streit tötet. Er befreit Theben von der Sphinx und heiratet die Witwe des Laïos, seine Mutter Jocaste, mit der er vier Kinder zeugt. Als Œdipe alles begreift, sticht er sich die Augen aus. Mit Tochter Antigone begibt er sich auf Wanderschaft. Er erkennt, dass er aus Unwissenheit handelte, und stirbt.

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