+
Zweieinhalb Geisterstunden mit einem grandiosen Tenor: Charles Castronovo als Carlo und der Chor der Bayerischen Staatsoper.

PREMIERENKRITIK

„I Masnadieri“ an der Bayerischen Staatsoper: Aus einem Totenhaus

  • schließen

Hier ist der Meister noch nicht auf der Höhe. Die Bayerische Staatsoper versucht‘s trotzdem mit  Verdis „I Masnadieri“ - und ist  zumindest musikalisch erfolgreich.

München - Vielleicht ist nicht nur Mama verblichen. Jene Frau, deren trauerbeflortes Foto an bessere Zeiten erinnert und deren Cello wie eine Reliquie gehütet wird – auf dass der Instrumentenkasten (passend zum großen Solo der Ouvertüre) wie Parsifals Gral geöffnet wird. Nein: Alle scheinen hier gestorben, Untote, noch einmal versammelt, um sich ihrer Familientragödie zu besinnen und herauszufinden, was sie in dieses schwarze Racheloch getrieben hat.

Schon Giuseppe Verdi mühte sich mit Librettist Andrea Maffei, aus Friedrich Schillers „Räubern“ eine reine Sippentragödie zu destillieren – ohne den sozialpolitischen Furor der Vorlage. Beides zu vereinen, beide Welten sich durchdringen und bedingen zu lassen, das traute er sich erst viel später beim „Don Carlo“, es wurde seine beste Schiller-Oper. Und so ist „I Masnadieri“, auch diese Premiere der Bayerischen Staatsoper zeigt das, die energische Wortmeldung eines künftigen Großmeisters und noch den Stereotypen des Belcanto verhaftet. Eine Szenenfolge, deren Schlaglichter nicht moderne Dramaturgie sind, sondern Schlager-Girlande.

Insofern ist der Ansatz von Regisseur Johannes Erath durchaus plausibel. Auf einen Mystery-Krimi zielt er, auf eine Variation des beliebten Psychospiels, wenn die Beteiligten in verschiedenen Lebensaltern gleichzeitig auftreten. Erath verschränkt Zeitebenen, Carlo und Francesco gibt es zusätzlich als stumme Teenies. Eine Beschwörung von Figuren, die keine Ruhe finden. Trauer und Wut haben alle Farben aus dieser Welt verbannt. Auch der glatzköpfige Diener Arminio geistert als vervielfältigtes Wesen durch die barocke Einheitsraum-Flucht von Ausstatter Kaspar Glarner. Eine raunende Mixtur, zusammengeliehen aus Brittens „The Turn of the Screw“ und dem Kino-Thriller „The Others“.

Die Inszenierung verpanzert sich in ihrer Grundidee

Ungereimtheiten im Stück könnte dieser Ansatz erklären, auch wenn das Ganze letztlich durch die Plausibilitätsprüfung fällt. Auch dass alle ständig von Visionen und Stimmen geplagt sind, will Erath durch seinen Trauma-Tanz abfangen – der Chor ist bei Verdi eher Hintergrundgarnierung und nicht handelnde Brutalo-Bande wie bei Schiller. Doch je länger der Abend dauert, je mehr szenische Elemente und Menschen per Laufband wie in einem gigantischen Wetterhäuschen hinein- und hinausgefahren werden, desto weniger findet Erath aus dieser Ästhetik heraus. Die Aufführung wird hermetisch, verpanzert sich in ihrer Grundidee. Der Symbolismus erstarrt und ist oft Garnierung für Sänger, denen nur gut abgehangenes Gesten-Repertoire bleibt. Was noch ein Problem ist: Von der Fallhöhe des Stücks, vom Aufeinanderprallen der Welten des intriganten Francesco und des abtrünnigen Bruders Carlo, ist kaum etwas wahrzunehmen. Alles wird in zweieinhalb Geisterbahnstunden nivelliert.

Und so kommt es zum ungewollten Kontrast: Unten im Graben dirigiert Michele Mariotti ein anderes Stück. Sein Verdi brennt. Eine Farbexplosion, ein Fest der Affekte, dem sich das Bayerische Staatsorchester zu gern hingibt. Mariotti, der wie der frühe Riccardo Muti agiert, macht hörbar, was Verdi von seinen Belcanto-Vorläufern unterscheidet. Es ist die enorme Zunahme an Energie, Intensität und Gewicht. Eine Entgrenzung, ein Aufsprengen von überlieferten Schablonen. Das hat Biss und Zug, ist bis in winzige, den Gesangsphrasen abgelauschten Details hochflexibel. Der Sturm und Drang, der Furor, das Revoluzzertum – in dieser Aufführung ist das alles nur zu hören.

Charles Castronovo ist das Ereignis des Abends

Das gilt auch für Charles Castronovo, der sich immer mehr vorarbeitet ins Heldischere. Elastizität, Durchschlagskraft, Lyrisches, das sich unforciert weitet, eine unverspannte Mezzavoce und eine kontrollierte Unbekümmertheit: Sein Carlo ist das Ereignis dieser „Masnadieri“. Ganz anders und eher irritierend nähert sich Diana Damrau ihrer ersten Amalia. Sehr zurückgenommen, sehr lyrisch, Phrasen und Verzierungen oft nur abtastend. Leichtgängig klingt das – und zu leichtgewichtig. Vielleicht auch, weil sie weiß, dass ihre Sopransüße so am besten zur Geltung kommt und andernfalls Vokalspliss droht, man merkt es an zwei, drei nachdrücklichen Tönen.

Naturgemäß auf Krawall gebürstet ist Igor Golovatenko als Francesco. Der begreift seinen Stimmstrahl als Waffe, kann sich mühelos durch Riesenensembles fräsen. Der Russe nimmt’s eher sportiv, Gebrochenheit und Introspektion gönnte Verdi seinen Baritonen ja erst in späteren Opern. Für Wärme und souveräne Emphase ist in dieser Runde Mika Kares als Massimiliano zuständig. Der Männerchor hat sichtlich und hörbar Spaß am schwarzen Spuk. Und als alle Welt auf den Suspense, auf die große Auflösung à la „The Others“ wartet, schwant einem bald im überlangen Nummern-Finale: Da kommt nichts mehr. Auf Wiederhören – gern. Aber dann als konzertante Lösung.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Angst tanzt mit: Die Bayerische Staatsoper und Corona
Die Kunst durch die Krise bringen - aber mit welchem Risiko? Es gibt heftige Vorwürfe gegen die Bayerische Staatsoper. 
Die Angst tanzt mit: Die Bayerische Staatsoper und Corona
Sibylle Berg und „Nerds retten die Welt“: Mannschaftsspiele
Nicht nur um Männermachtfantasien geht es hier, sondern ums große Ganze: Sibylle Bergs spitzfindiger, angreifbarer, erstaunlicher Interviewband „Nerds retten die Welt“.
Sibylle Berg und „Nerds retten die Welt“: Mannschaftsspiele
Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen
Mit dem ersten Video „Deutschland“ des neuen Albums hatten Rammstein bereits für viel Wirbel gesorgt, nun wurde auch der neues Song spektakulär uraufgeführt.
Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen
Rammstein: Nach Mega-Show in München gibt es nun Mega-News für die Fans 
Rammstein sind mit neuen Songs zurück und präsentieren ihren Fans eine gigantische Show - so wie am Samstag und Sonntag in München. Nun kündigt Rammstein Zusatzkonzerte …
Rammstein: Nach Mega-Show in München gibt es nun Mega-News für die Fans 

Kommentare