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Eine der großen Vaterfiguren Verdis: George Petean ragt als Montfort aus der Aufführung und ihrer Besetzung heraus.

Premierenkritik

„Les Vêpres siciliennes“ an der Bayerischen Staatsoper: Hallo, ich bin relevant

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So merkwürdig, dünn und langatmig, wie uns Regisseur Antú Romero Nunes glauben machen will, sind Verdis „Les Vêpres siciliennes“ wirklich nicht. Eine enttäuschende Premiere der Bayerischen Staatsoper.

München - Ein verstecktes Felsplateau unweit der Route 15, dahinter eine alte indianische Begräbnisstätte, das ist der Ort des Grauens bei Stephen King. Wer hier, auf dem Friedhof der Kuscheltiere, seine Liebsten verbuddelt, der hat sie bald wieder, freilich mit einem Defekt, als mordende Monster. Und auch Antú Romero Nunes muss Ähnliches entdeckt haben. Alle hat er, konzepttechnisch gesehen, vergraben, Montfort, Henri, Procida, Hélène, ganze Volksmassen, auf dass sie nun wiederkehren. Blass, hohläugig, blutbefleckt, verflucht. Lebende Leichen, Opfer eines Gemetzels, das sich eigentlich erst in den letzten eineinhalb Minuten des Stücks ereignet.

Vom Ende her denkt sich dieser Regisseur „Les Vêpres siciliennes“, die – anders als sonstige Verdi-Streiche – wie unvollendet und mit vielen Fragezeichen ins schwarze Loch stürzen. Als Totentanz will Nunes seine zweite Premiere an der Bayerischen Staatsoper (nach Rossinis „Guillaume Tell“) begriffen haben – doch dann müsste sich auch etwas bewegen. Wobei: Das Arsenal des Grauens, das aufgeboten und abgearbeitet wird, imponiert. Auch im Ausstatten von Geisterbahnen lässt sich dieses Edel-Haus eben nicht lumpen. Leichen baumeln vom Schnürboden. Auf schwarzer bühnenbreiter und -hoher Plastikplane sammeln sich Totenmaskenträger zum (leider bloß arrangierten) Ritual, während Montfort seinen Frauen-Mutter-Komplex mit einer ins Aquarium gesperrten Maria auslebt.

Erwin Schrott parodiert sich selbst

Alles in diesen dreieinhalb Stunden ist Atmosphäre und Schauwert. Eine bald schwer durchhängende Meditation über Tod und Gewalt. Eine Aufführung, die jeden Bildband-Test besteht, bei Entwicklung oder Stringenz aber passen muss. Und auch noch einiges übersieht. Denn obgleich Giuseppe Verdi mit einem seiner größten Problemkinder haderte, das als selbstbewusster Beitrag zur Gattung der Pariser Grand Opéra gedacht war: „Les Vêpres siciliennes“ ist vielschichtiger, als uns diese Postkartendüsternis von Nunes, Matthias Koch (Bühne) und Victoria Behr (Kostüme) glauben machen will.

Man nehme nur die Zentralgestalt des Montfort, eine der großen Vaterfiguren Verdis, ein Verwandter von Germont und Philipp II. Nicht nur in seiner Vaterliebe, in der angeordneten Hochzeit zwischen seinem Sohn und der zunächst verhassten Herzogin, deutet das Stück Licht an in dumpfer Besatzungsdunkelheit und eine Möglichkeit, wie doch alles eine andere Wendung nehmen könnte.

Doch von der Zerrissenheit der Figuren, auch vom Kräftevieleck, das sie in oft innigster Abstoßung verbindet, erzählt eine Produktion nur wenig, in der sich die Sänger im Zweifelsfall an die Rampe flüchten dürfen. Nunes, der Regie-Kniff wird ja gern genommen, siedelt alles in der Entstehungszeit an. Napoleonische Soldaten (Verdis Geburtsort Roncole war damals französisches Gebiet) auf der einen Seite, italienisches Bauernvolk auf der anderen. Was sie miteinander zu tun haben, sieht man nicht. Zwischen allen stakst Procida im mittelalterlich güldenen Röckchenwams umher. Erwin Schrott gibt ihn mit grobkörniger Bass-Diffusität als augenrollende Selbstparodie, eine schwer an Besatzungsbürde und eigener Eitelkeit leidende Kreatur. Was beweist: Auch musikstilistisch sind die „Vêpres“ eine harte Nuss.

Fünf Minuten wilde Klang-Installation statt Ballettmusik

Die Staatsoper, sonst auf diesem Gebiet bestens versorgt, kann nicht auf allen Positionen Adäquates aufbieten, eigentlich nur auf einer. George Petean zeigt, wie man Montfort interpretieren muss. Mit geschmeidiger Baritonsouveränität. Mit Zwischentönen und -farben. Mit Schattierungen, die in jeder Note technisch abgesichert sind. Überhaupt mit einer Stimme, die vom Zärteln bis zum kontrollierten Ausbruch nie Grenzen übertritt. Dass Petean gerade kein Montfort-Monster vorführt, sondern einen gebrochenen Mann, lässt ihn umso mehr aus dieser Aufführung und ihrem Konzept herausragen.

Rachel Willis-Sørensen muss sich als Hélène erst freisingen. Manches ist anfangs forciert, auch nicht ganz auf Ton. Erst im Duett mit Henri hat sie sich die Partie beherzt erobert, während der Partner an grassierendem Stimmverlust krankt: Für Bryan Hymel wird im Finalakt Kollege Leonardo Caimi an der Seite postiert, der bedauernswerte Star kann nur noch die Lippen bewegen.

Hier unsere Video-Kritik nach der Premiere

Omer Meir Wellber dirigiert, als habe er drei Stunden lang die Hexen-Szene aus Verdis „Macbeth“ auf dem Pult. Vieles ist hemdsärmelig, robust, laut. Der Überdruck provoziert auch Unkontrolliertes, in der Ouvertüre spielt das Bayerische Staatsorchester wie getrieben, manche Chorszene schlingert. Mit der Zeit entdeckt dann Wellber Verdis Melos für sich, die musikalisch Beteiligten und die ebenso erleichterten Zuhörer. Der straffe Zug bleibt, das Nachzeichnen von Phrasen wird aber logischer, organischer. Eine trockene, fast skelettierte Dramatik, der eigentliche Totentanz spielt sich im Graben ab.

Und dann bricht doch noch Avanciertes über den Abend herein. Die Ballettmusik (Verdi offerierte ursprünglich 30 Minuten) gibt’s nicht, dafür Bruchstücke in der Endlosschleife, vermengt mit einer wummernden bis beißenden Klang-Installation von Nick und Clemens Prokop zwischen Akt vier und fünf. Dazu ebenso wild zuckendes Ballettvolk, während Wellber mit Kopfhörer dirigiert. Fünf Minuten gut gemachter Techno-Aufreger, während eine Aufführung spät und verzweifelt ruft: „Hallo, ich bin doch relevant.“ Fürs Metzel-Finale der „Vêpres“ bleibt Regisseur Nunes dann keine Steigerungsmöglichkeit mehr, vielleicht hat er sich ja auch in Datum und Stück geirrt. „Aus einem Totenhaus“ hat hier erst am 21. Mai Premiere.

Die Handlung: Sizilien 1282 während der französischen Besatzung. Widerstandskämpfer Henri ist in Herzogin Hélène verliebt, deren Bruder vom französischen Gouverneur Guy de Montfort ermordet wurde. Hélène fordert, dass Henri den Tod des Bruders rächt. Mit Procida planen sie die Revolte. Henri erfährt, dass Montfort sein Vater ist, und verhindert einen Anschlag. Als Zeichen des Friedens setzt Montfort die Ehe zwischen Henri und Hélène an. Doch die Hochzeitsglocken dienen als Signal für das von Procida organisierte Gemetzel an den Franzosen.

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