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Im Hinterhof eines Bordells treffen Amelia (Karina Flores) und Riccardo (Paulo Ferreira) aufeinander.

Premierenkritik

Verdis „Maskenball“ als Mafia-Operette

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Innsbruck - In einer lateinamerikanischen Bananenrepublik spielt Verdis „Un ballo in maschera“ am Tiroler Landestheater. Das Konzept geht zu 90 Prozent auf. Noch imponierender ist aber, was Dirigent Francesco Angelico mit dem Stück anstellt.

Stoff gefunden, Stück komponiert, Streit mit Zensur bekommen, Personennamen und Orte verändert: Eine gern wiedergekaute Programmheft- und Opernseminargeschichte bietet „Un ballo in maschera“. Dabei ist es im Grunde egal, ob die Hauptfigur Riccardo heißt und Gouverneur in Boston ist oder als Schwedens König Gustav III. von einem Nebenbuhler während eines Maskenballs gemeuchelt wird. Meint jedenfalls Thaddeus Strassberger.

Der US-Amerikaner erzählt am Tiroler Landestheater in Innsbruck Verdis genial gebautes Opus als eine Soziopolit-Studie aus einem lateinamerikanischen Staat. Riccardo ist autokratischer Herrscher über mafiöse Strukturen. Dekrete werden im sonnenheißen Innenhof eines Palazzo unterzeichnet. Der Galgenhügel, auf dem Amelia ihren Lover Riccardo trifft und von Gatte Renato überrascht wird, ist der Hinterhof eines Bordells. Page Oscar jobbt als hochhackige Assistentin bei Riccardo. Und Wahrsagerin Ulrica ist eine augenrollende, mal als Maria, mal als Götzenweib gewandete Vertreterin des Santeria-Glaubens. Den gibt es auf Kuba wirklich, afrikanische Tradition vermischt sich darin mit katholischer Heiligenverehrung.

Verdis „Maskenball“ bekommt das alles überraschend gut. Das Kräftedreieck Riccardo-Amelia-Renato wird dabei gerahmt von einer politischen Struktur, die genauso ins Bröckeln gerät wie die Fassaden der ehemals stolzen Gebäude. Strassberger, der sein eigenes Bühnenbild besorgte und auf Kostümbildner Michael D. Zimmermann vertraute, ist sichtlich darauf aus, den Sängern stereotype Gesten des italienischen Fachs auszutreiben. Bei den meisten hat er Erfolg. Nur Paulo Ferreira bleibt lieber Fels in karibischer Brandung. Vielleicht auch, weil sich gegen Ende der Premiere eine Indisposition bemerkbar macht, ansonsten beschallt er das Landestheater mit prächtigen Tenortönen.

Schwarz-weiß-Vorspann wie im Kino

Zu 90 Prozent geht Strassbergers Konzept auf, vor allem vor der Pause gibt es kleine unschlüssige Momente, in denen die Drehbühne Aktion vorgaukeln muss. Belacht wird der Kino-Vorspann, der schwarz-weiß über den Gaze-Vorhang flimmert: Der Regisseur sieht den „Maskenball“ auch als Vorwegnahme des Film Noir – bis auf ein, zwei Szenen bleibt das aber Programmheftbehauptung. Sehr dicht wird es dafür im dritten Akt, besonders in der Auseinandersetzung zwischen Amelia und ihrem Gatten.

Bedanken darf sich Strassberger dafür bei seinen Sängern: Michael Bachtadze ist ein Renato, an dem der Betrug nur scheinbar abperlt und der seine Emotion mit konditionsstarkem, wie schmucklosem Bariton herausschleudert. Dass die Partie sehr hoch gelagert ist, hört man Bachtadze nicht an. Karina Flores singt die Amelia mit weich konturierter, dunkler, nie gutturaler Stimme, die auch bei heftiger Emotion nicht ausbricht. Lyrik und dramatisches Gewicht, Verzierungen und weite Bögen, Emotion und technisches Bewusstsein – den Vokalspagat bewältigt Karina Flores mit großer Selbstverständlichkeit. Sophia Theodorides ist kein üblicher Pieps-Oscar, sondern bietet Gehaltvolles, ebenso wie Sanja Anastasia (Ulrica).

Auch für den Dirigenten ist „Un ballo in maschera“ eine Grat-Tänzelei. Francesco Angelico zwingt nichts zusammen, sondern bedient scheinbar Auseinanderstrebendes. Da das Tiroler Symphonieorchester ohnehin nicht so knallig spielt wie italienische Kollegen, kommt es zu aparten Stil-Verbindungen – gerade bei diesem Scharnierstück in Verdis Œuvre. Die Verwurzelung im Belcanto kann man heraushören, auch die Energie und die dunkle Tinta der späteren Werke. Für jede Szene, auch für viele Seelenzustände findet Angelico einen eigenen Gestus. Zu hören ist eine Mixtur aus Mafia-Operette und „Otello“-Vorahnung. Wie es den Häusern halt mit solchen hervorragenden Dirigenten geht: Der Italiener verlässt Innsbruck zum Ende der Saison und wechselt nach Kassel. Sicher nicht die letzte Station seiner Chef-Karriere.

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