PREMIERENKRITIK

„Rigoletto“ am Gärtnerplatztheater: Bunga-Bunga-Verdi

Alkohol und Testosteron ergeben auf den Partys des Herzogs (Lucian Krasznec) einen gefährlichen Cocktail. Regisseur Herbert Föttinger glückt eine mühe- und fugenlose Verlegung dieser Oper ins Heute. 

Kulinarik wäre beim „Rigoletto“ das falsche Rezept, wie das Gärtnerplatztheater beweist: Verdis Hit glückt als schlüssige, intensive Aufführung mit glaubhaften Typen. Die Premierenkritik.

München - Ein kleiner Moment des Innehaltens, ziemlich spät passiert der. Und weil dieser Kerl weniger die Synapsen des Hirns beschäftigt, sondern die seiner Lenden, hat er plötzlich beide Frauen im Arm, als Lebendbeispiele quasi. Hier die Ordinäre, die nicht lange fackelt, dort das Hascherl mit Herz, das zum Date noch schnell die Brille versteckt. Regisseur Herbert Föttinger tritt für diesen Augenblick aus seiner sonstigen Bühnenrealität heraus, kurzes Rotlicht, Nachdenken, das Aufzeigen von Möglichkeiten. Wie die Sache ausgeht, tödlich für die eine, sorglos-beschwingt für den Mann, das kennt man ja vom Stück.

Wieder, wie schon vor einigen Monaten bei Giacomo Puccinis „Tosca“, riskiert das Gärtnerplatztheater einen Hit, mit dem es sich direkter Konkurrenz (nicht nur) der Staatsopern-Schwester aussetzt. Und wieder ist zu konstatieren: Münchens Volksoper legt auch bei Giuseppe Verdis „Rigoletto“ eine schlüssige, imponierende Aufführung hin. Dabei erfindet Föttinger, Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt, das Rad nicht neu. Im Gegenteil: Der Titelheld als Batman-Joker, eine schlichte Einheitsdrehbühne aus Treppen und Fluchten (Walter Vogelweider), die immer neue Einblicke erlaubt, das Wasserbassin, in dem es sich so effektvoll patschen lässt, Business-Männer, die abseits des Büros den Hengst spielen – all dies hat man so oder so ähnlich schon gesehen.

Ein kleines, dreckiges, zynisches Stück

Entscheidend ist an diesem Abend, wie Föttinger die Zutaten kombiniert, wie er mit Theaterinstinkt und souveränem Handwerk aus Verdis Schlager das einzig Richtige zaubert: ein kleines, dreckiges, zynisches Stück. Mühe- und fugenlos glückt die Verlegung ins Heute. Diese Anzugmänner feiern mit dem Boss Bunga-Bunga-Partys, bei denen Alkohol und Testosteron einen gefährlichen Cocktail ergeben und Frauen Einmalware sind. Schon im ersten Bild, wenn Verdi die Banda im Hintergrund tönen lässt, wird wüst gebrüllt, kaum ist die Musik zu verstehen.

Bei Föttinger ist Mantuas Herzog ein jugendliches, mutmaßlich neureiches, nicht unsympathisches Früchtchen, das schmollt, wenn das Spielzeug in Form lebender Barbie-Pupppen ausbleibt. Für Gilda, die vielleicht einzig echte Chance in seinem Leben, maskiert sich der Mann mit Schüchternheit und Verständnis, bis die Klosterschülerin begreift: Der ist nicht Anhänger der Grünen, der gehört zur Forza Italia. Glaubhaft und schlüssig ist das alles, weil Föttinger von innen nach außen inszeniert, dabei Eigenheiten seiner Solisten nutzt – und sogar für den großartigen, hochpräzisen Männerchor individuelle Regie-Angebote parat hat.

Eine intensive, sehr körperhafte Inszenierung also. Und manchmal wirkt sich der Hormonüberschuss auf den Gesang aus. Lucian Krasznec als Herzog fängt das im dritten Akt elegant ab, wenn nicht nur „La donna è mobile“, sondern das heikle Quartett droht. Wie furchtlos und überschwänglich sich dieser Tenor in die Partie wirft, wie man seinem Was-kostet-die-Welt-Singen anhört, dass Kontrolle manchmal nur das Zweitwichtigste ist, dies ist das Ereignis des Abends. Jennifer O’Loughlin bietet dagegen ganz wohlerzogene Gesangskultur, eine Gilda, die Emphatisches mit feiner Vokalschraffur verbindet.

Musikalisch geht‘s ans Eingemachte

Aris Argiris führt in der Titelrolle ein mächtiges Baritongeschütz ins Feld. Auch er ein Sänger mit Neigung zum Effekt. Den gebrochenen Vater nimmt man ihm ab, die knappe Intonation, die kurzatmigen Phrasen, überhaupt die Probleme bei Verdis weit gespanntem Melos, all dies ist hoffentlich nur Premierendampf. Luxuriöses bietet das Haus für Nebenrollen wie Sparafucile (Levente Páll), Maddalena (Anna-Katharina Tonauer), Borsa (Ludwig Mittelhammer) und Gräfin von Ceprano (Elaine Ortiz Arandes) auf – auch sie keine Typen, sondern kurz aufblitzende, tiefenscharfe Figuren.

Dass „Rigoletto“ kein Wunschkonzert ist, sondern bei aller Detailarbeit und Dynamikstufung Zug, Druck und Biss braucht, führt Anthony Bramall mit dem Gärtnerplatzorchester vor. Flott ist der Chefdirigent unterwegs. Das Vibrierende, Unruhige, Schmucklose der Partitur interessiert ihn: Hier geht es nicht nur um Schönklang, sondern ans Eingemachte. Sehr reaktionsstark folgen ihm die Musiker, die damit die Akteure auf der Bühne nicht nur tragen, sondern ergänzen. Einhelliger Jubel. Dass diese italienische Serie am Haus fortgesetzt werden muss, versteht sich wohl von selbst.

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