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Kurzlebiges Glück als monumentale Chiffre: Szene aus Philipp Stölzls Giga-Inszenierung.

SEEBÜHNEN-PREMIERE

„Rigoletto“ bei den Bregenzer Festspielen: Mein Freund der Clown

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So viel Spektakel war lange nicht mehr bei den Bregenzer Festspielen: Philipp Stölzls „Rigoletto“ kann man bekritteln - oder einfach bestaunen. Die Premierenkritik.

Bregenz - Was also mit dem Hit anstellen? Mit einer Arie, bei der die einen an Choco Crossies, die anderen an Pizza von Dr. Oetker denken? Philipp Stölzl denkt an Brüste, an große, pralle, rosafarbene, vor allem an mehr als zwei pro Körper. An Seilen hängen diese Supervenusse – und „La donna è mobile“ erfährt eine wortwörtliche Umwertung. Das Frauen-Mobile, das da zum Schlager des lüsternen Herzogs im Wind baumelt, versteht der Regisseur als Beitrag zu #MeToo. Kann man so sehen, ist aber nur weiterer Baustein eines Abends, bei dem einem mehr als einmal das Hören vor Sehen vergeht.

Stölzl, der Mann fürs Monumentale, Grobmotorische, Archaische mit entsprechender Kino-Vergangenheit („Nordwand“), ist endlich am Ziel. Mehr Spektakel als in Bregenz geht nicht. Und mehr Spektakel als bei seinem „Rigoletto“, mit dem die Festspiele eröffnet wurden, ward hier auch in den vergangenen Jahren nicht erlebt. Dabei ist es ein Paradox: Zwei Hände, eine davon bis zum Stinkefinger beweglich, ein Ballon und ein Clowns-Kopf mit umlaufender Narrenkragen-Spielfläche, das ist im Grunde alles. Doch was Stölzl, der mit Heike Vollmer auch für die Bühne verantwortlich ist, daraus zaubert, verblüfft.

Anfangs ist das zu viel. Nachdem die Musik-Banda, die Verdi fürs erste Bild fordert, vom Vorplatz einmarschiert ist, explodiert die Regie. Im runtergerockten Wimmelbild-Zirkus, der vom Herzog als Direktor Duca dominiert wird, bittet Stölzl zur Stunt-Show. Ständig seilt sich jemand ab, traumtänzelt in luftiger Höhe, schlägt Räder, Haken und Ähnliches. Und wo sonst pro Bregenzer Produktion ein bis zwei Darsteller gewässert werden, stürzt nun eine halbe Armada in den Bodensee.

Der riesige Kopf täuscht Mimik vor

Bevor das Stück in Stölzls ADHS-Regie ersäuft, fokussiert sich der Abend – auch weil der Clowns-Kopf Clou und Gravitationszentrum bleibt. Dank Augenrollen, beweglichem Mund, dauernder Bewegung am Kranausleger und perfekter Lichtregie (Stölzl, Philipp Veit) gaukelt das Monster tatsächlich so etwas wie Mimik vor. Szenischer Kommentar ist dieses auch mal diabolische Gesicht, Vergrößerung und Vergröberung der Hauptfigur. Je mieser es Rigoletto geht, desto mehr wandelt sich der Kopf – beraubt um Nase, Augen und Zähne – zum Totenschädel. Gegen Ende, wenn sich Gilda (zum übrigens irritierend echten Gewitter aus der Konserve) opfert für den Geliebten, ergießen sich Sturzbäche aus den Augenhöhlen. Wenn bei Stölzl geheult wird, dann als Sintflut.

Noch ein Motiv zieht sich durch die Aufführung, poetisches Symbol fürs kurzlebige Glück. Es ist ein Luftballon, den ein Rigoletto-Double schon zu Beginn verliert und mit dem der Titelheld später immer wieder auftaucht. Für ihre Arie besteigt Gilda dann den Korb eines echten Ballons zur barmenden, trillernden 25-Meter-Himmelfahrt, es ist das wohl höchste je gesungene „Caro nome“. Beim Schlussduett entschwebt das Giga-Requisit endgültig und wie unerreichbar gen Firmament, eine Statistin an Bord, beobachtet vom geschmerzt wirkenden Clowns-Kopf – hat da jemand geschluchzt?

Eher applaudiert: Dass Stölzls Ideen Zwischenbeifall provozieren, ist auch Alarmzeichen. Die gut geölte Show mit der teils vernehmlich sirrenden Hydraulik ist weniger gerichtete Erzählung, sondern ständige szenische Garnierung. Atemberaubend, dicht und spannend arrangiert, maßlos schön, aber nur stellenweise herzangreifend. Dass hier einem (durchaus anfechtbaren) Sonderling das Liebste geraubt wird von einem der rücksichtslosesten Machos der Opernhistorie, dieses so geniale, vielsagende Kräftedreieck Verdis kann sich nur mühevoll gegen Stölzls Fantasie behaupten.

Akustisch geliftete Verstärkeranlage

Erstaunliches wird aus dem Festspielhaus nebenan auf die akustisch geliftete Lautsprecher-Anlage übertragen. Dirigent Enrique Mazzola und die Wiener Symphoniker begreifen den „Rigoletto“ wirklich als Früh-Stück des Meisters. Knackig und flexibel, vibrierend im Rhythmus und mit Dauer-Brio, als seien die lyrischen Momente der Protagonisten nur aussichtsloses Innehalten. Präsenter, tiefenschärfer, räumlicher ist der Klang in diesem Jahr; die ohnehin führende Bregenzer Technik hat da noch eins draufgesattelt.

Traditionell sind die Partien bis zu dreifach besetzt. In der Premiere betätigt sich Vladimir Stoyanov nicht als Stimm-Aussteller, sondern vermittelt mit leicht ansprechendem, eher hellem Bariton viel vom Drama Rigolettos. Stephen Costello startet als Herzog unter Dampf und leicht übersteuert, beruhigt sich aber rechtzeitig zu den Hits. Mélissa Petit macht als unerschrockene Darstellerin bella figura und als feinzeichnende Gilda mit gehaltvollem, bodenseewasserklarem Sopran bella voce. Eines hat Philipp Stölzl ja verstanden: Am besten funktioniert die Seebühne mit Figürlichem oder menschlichem Antlitz. Nach dem „Maskenball“-Skelett, dem „Tosca“-Auge und dem badenden Marat bei „André Chenier“ hat Bregenz wieder eine Bühne mit ikonografischer Wucht. Dieser Kopf brennt sich ein ins Hirn.

Weitere Vorstellungen
bis 18. August; Telefon 0043/ 5574/ 4076.

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