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Wie sich eine naive Regie die Revolution von heute vorstellt: Szene aus Andreas Kriegenburgs „Simon Boccanegra“.

FESTSPIEL-KRITIK

„Simon Boccanegra“ in Salzburg: Shitstorm auf die Bastille

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Zum Finale des Salzburger Opern-Reigens eine kalte Dusche: Andreas Kriegenburg hat bei „Simon Boccanegra“ nichts zu sagen, Valery Gergiev ist besser als befürchtet. Die Kritik.

Salzburg - Irgendwann wird es das totale Verbot geben. Nicht nur im Publikum, wo die Dinger beim schönsten Pianissimo zu düdeln pflegen, sondern auch auf der Bühne. Und jeder Regisseur, der dort ein Smartphone benutzen lässt, muss pro Stück fünf Euro in die Kasse für ranzige Einfälle zahlen. Der Erlös kommt dann der Off-Theaterszene zugute, die Salzburger Festspiele könnten mit ihrem neuen „Simon Boccanegra“ halb Europa finanzieren. Revolutionen, so hat nämlich Regisseur Andreas Kriegenburg entdeckt, die gehen heute nicht mehr mit Barrikade, Lanze oder Gewehr, sondern mit Chat-Gruppen. Als Shitstorm auf die Bastille gewissermaßen.

Deshalb darf das aufrührerische Chor-Volk im Businessgrau mit Handy hantieren, immer festen Blickes auf den Schirm. Manchmal werden die Geräte rhythmisch gereckt zum Takt der Musik. Und spätestens jetzt fragt man sich, ob nicht doch Komödien-Spezialist Barrie Kosky, im Nebenhaus mit Offenbach aktiv, den Kollegen Kriegenburg unschädlich gemacht hat, um im Großen Festspielhaus die Giga-Verdi-Parodie zu inszenieren.

Mit Giuseppe Verdi hat – nicht nur – Salzburg seine Probleme. Man denkt mit Schaudern an die Steh-„Aida“ vor zwei Jahren zurück. Schlimmer im aktuellen Fall ist, dass Kriegenburg, der unterm Mönchsberg gern für die repräsentative, monumentale, nie verschreckende Regie gebucht wird, dieses Mal überhaupt nichts zu sagen hat. In den kalten Riesenräumen seines Dauerbühnenbildners Harald B. Thor (der sich viel vom Betonschick eines Stephan Braunfels à la Pinakothek der Moderne oder Berliner Abgeordnetenhaus abgeschaut hat), wird die Leere zum Prinzip, ob im Raum oder im Kopf.

Gergiev zahnstochert sich durchs Werk

Nicht nur, dass die Sänger auf sich selbst zurückgeworfen werden oder, wie im Falle von  René Pape, Fiesco anfangs eine Art Gallenkolik-Verzweiflung mimen muss, während er dunkelschönste Verdi-Phrasen formen darf. Es gibt also auch furchtbar viel Komik aus Versehen. Bis zum letzten Drittel, wo der vom Gifttrank benebelte Boccanegra einen Bösendorfer-Flügel erklettert, um dort liegend zu leiden. Mit einem Steinway wäre das vielleicht nicht passiert.

Die Aufführung, so riesig dimensioniert sie ist, wirkt gleichzeitig unendlich klein. Eine naive Regie malt sich ein intrigantes Genua von heute aus. Dass sich hier Verdi aufgemacht hatte, um – in mehreren Anläufen und Fassungen – sein politischstes, abgründigstes Stück zu zeigen, in dem sich pathologisch unversöhnliche Männer gegenüberstehen und in dem das Happy End von Amelia und Adorno wie eine lakonische Pointe wirkt, all das entgeht dieser Produktion nahezu vollkommen. Letztlich arrangiert Kriegenburg, so modernistisch er sich gibt, nur Schablonen.

Amüsant ist, dass die Handy-Starrer im Graben einen Verwandten haben. Valery Gergiev zahnstochert sich mit der Nase in den Noten durch die Partitur. Die Sänger würdigt er kaum eines Blickes. Die haben so gut wie keinen Kontakt zum Dirigenten und sich gefälligst einzupassen. Zweimal feiern sie, wenn Verdi zum Riesen-Ensemble bittet, ein ungeplantes Schwimmfest. Immerhin: Gergiev ist besser als befürchtet. Für manches findet er eine überzeugende klangliche Lösung. Die Aufführung hängt auch nicht durch wie sein Bayreuther „Tannhäuser“. Wahrscheinlich ist dies alles das Werk der bestens aufgelegten Wiener Philharmoniker. Die spielen „Simon Boccanegra“ regelmäßig an ihrer Staatsoper und beschenken nun Publikum samt Maestro mit Delikatessenware, sie kennen ihren Verdi besser als der Star am Pult.

Tiefpunkt des Salzburger Opern-Reigens

Anders als in diesem Sommer üblich hat das Salzburger Besetzungsbüro einen guten Tag gehabt. Luca Salsi, in Spiel und Erscheinung ganz passend der an die Spitze gespülte Provinzbürgermeister, hat alles, was ein Boccanegra braucht: die unangestrengte Expansion, die Gebrochenheit im Ton, die Fähigkeit zur Nuancierung auch im Kleinen, besonders das Bewusstsein für Textarbeit, ist doch dieser Titelheld mehr als andere Bariton-Partien Verdis geboren aus rhetorischer Kraft. Mit René Papes Fiesco gibt es dazu den passenden Gegenspieler. Fast jede Silbe wird liedhaft geformt, dies mit sinistrer Tönung, ein Sympathieträger und Bruder im Geiste des Titelhelden.

Charles Castronovo ist als Adorno-Rebell ein guter Typ. Man hört, wie sehr sich sein Tenor ins Heldische streckt. Dramatik und Intensität sind nie ausgestellt, sondern authentisch. Immer wenn Castronovo singt, hat man das Gefühl: Die Aufführung lebt doch. Marina Rebeka ist womöglich zu früh in diesem Verdi-Fach aktiv. Ihre Amelia, so genau und klug sie sich alles zurechtgelegt hat, klingt manchmal wie getunter (und entsprechend versteifter) Mozart.

Salzburgs Opern-Reigen erreicht mit dieser letzten Premiere einen Tiefpunkt. Ein einziger Inszenierungs-Erfolg, nämlich dank Altmeister Achim Freyer bei George Enescus „Œdipe“, das ist eine magere Ausbeute. Intendant Markus Hinterhäuser hat intern durchblicken lassen, er wolle auch in künftigen Jahren seine bekannte Salzburger Regie-Familie um sich scharen. Das könnte eine Drohung sein.

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