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Der bewegte Mann: Charles Castronovo als König Admète in der Inszenierung von Sidi Larbi Cherkaoui. 

PREMIERENKRITIK

Glucks „Alceste“ an der Bayerischen Staatsoper: Allein unter Tänzern

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Ein Choreograf für Glucks „Alceste“, das erscheint logisch. Doch die Produktion von Sidi Larbi Cherkaoui ist eine Themaverfehlung. Hier die Kritik.

München - Irgendwann hebt er ab. Wird gehalten, getragen von vielen Händen. Der Körper neigt sich zur Seite, wieder zurück, bewegt sich auf einer sanften Welle aus Armen, ein Stagediving in Zeitlupe, bis Admète wieder festen Boden unter den Füßen hat. Bezeichnende Sekunden sind das, weil man viel hineingeheimnissen kann: der Mensch als Marionette, kaum fähig zur selbstbestimmten Handlung, ausgeliefert anderen, über- und unterirdischen Mächten – sehr nahe am antiken Vorlagedrama ist das. Vorausgesetzt, man spinnt das weiter, findet dringliche, schlüssige, Augen öffnende szenische Lösungen.

Die Besetzung drängt sich ja auf. Christoph Willibald Glucks „Alceste“, ein Drama, das die Tradition der barocken Tragédie lyrique fortsetzt in der Verschmelzung von Spiel, Gesang und Tanz, diese Oper kann man schon einem Choreografen anvertrauen. Sidi Larbi Cherkaoui hat an der Bayerischen Staatsoper bereits Rameaus „Les Indes galantes“ betreut, ein achtbares Ergebnis war das 2016 im Prinzregententheater. Sein Zweiteinsatz im Nationaltheater ist dagegen eine Enttäuschung, mehr noch: eine Themaverfehlung.

Die Aufführung krankt an einem Grundfehler

Dabei weidet man sich allzu gern an seiner Compagnie Eastman. Die Fantasie, mit der immer neue Menschenbegegnungen und -verschlingungen ersonnen werden, die Kraft und Körperlichkeit, die Erotik und Ästhetik, die individuelle, „sprechende“ Führung der Tänzer, all das garantiert für hohe Schauwerte – und wird zu Recht stürmisch gefeiert. Sehr viel Zeit hat Sidi Larbi Cherkaoui für diese Momente aufgewendet. Und zugleich sehr viel vergessen: Seine „Alceste“ kommt kaum über eine Choreografie mit Opern-Appendix heraus.

An einem Grundfehler krankt die Aufführung. Gluck, der dem Stück – auch selbstverliebt – seine Vorstellungen einer reformierten Oper voranstellte, zielte ja auf anderes: auf ein vom (nicht nur vokalen) Zierrat bereinigtes Werk, auf ein wahrhaftiges, direktes, totales Theater, das später nicht umsonst Wagner faszinierte. Die Grundkonstellation ist so simpel wie stark. Was muss oder soll eine Beziehung aushalten? Wo liegt die Grenze der Opferbereitschaft, dies- oder jenseits der Todesschwelle? Und was ist, wenn der Geliebte den Entschluss als Verrat begreift? Wo kommen wir hin, so stößt Macho Admète aus, wenn die Frau plötzlich über ihr Leben bestimmt?

Der Gang in den Tod, das macht „Alceste“ so modern, ist auch die Geschichte einer Emanzipation. Existenzielle Fliehkräfte zerren an den Figuren. Was Sidi Larbi Cherkaoui jedoch betreibt, ist emotionales Outsourcing. Die Gefühle, die Ängste und Konflikte, die Zwiespälte werden ausgelagert an die Tänzer – und lassen in der lichten Treppen- und Wände-Welt von Bühnenbildner Henrik Ahr die Sänger zurück. Ob all der faszinierenden, jedoch viel zu geschwätzigen Choreografie erleidet die Aufführung einen Rücksturz in die Steinzeit des Colliergriffs und der ausgebreiteten Arme.

Anna El-Khashem vermittelt etwas von der Magie dieser Musik

Man merkt, wie Charles Castronovo das unterlaufen möchte. Sein Admète könnte noch präsenter, stärker, plastischer sein, man hört es ihm auch an: Der virile Gesang mag nicht ganz up to Gluck sein. Doch die Flexibilität, mit der er seinen dunklen, gedeckten, attraktiven Tenor auch durch unangenehme Lagen steuert, überzeugt. Einen leitenden Regisseur hätte Dorothea Röschmann gebraucht. Für die Gefühlswelt der Alceste bleibt ihr nur der Gesang. Auch diese Partie – die stark geforderte Mittellage, die Tiefenabstürze, dazu triumphierende Spitzen – lässt sich kaum adäquat besetzen. Dorothea Röschmann hat sich die Rolle klug und gut zurechtgelegt, vielleicht manchmal etwas zu überprononciert und künstelnd. Zu Admètes Gegenspieler wird der Hercule von Michael Nagy. Der heldische Trotz seines Baritons passt gut dazu. Warum er auch in der Rolle des Waffenherolds aktiv ist, wird szenisch nicht erklärt.

Antonello Manacorda liefert mit dem Bayerischen Staatsorchester weniger Widerhaken und Überrumpelungsmanöver. Farben, Zwischentöne, Nuancen, Mittelstimmenverläufe, für all das interessiert sich dieser Dirigent. Man merkt trotzdem, wie ungewohnt die Gluck’sche Grammatik nicht nur für die Musiker ist. Auch der Chor klingt etwas diffus, womöglich, weil er von Sidi Larbi Cherkaoui lediglich als Klangfolie gebraucht wird. Außerdem sind Bühne und Graben nicht gut verzahnt.

Und dann gibt es den Moment, in dem Anna El-Khashem als Coryphée die Bühne betritt und singt. Zugegeben, die Rolle ist klein und dankbar. Doch als ob eine Tür aufgestoßen wird, begreift man unendlich viel von der Magie der Musik, von der subtilen Vieldeutigkeit des Dramas. Und davon, wie wenig es braucht, um all das zu vermitteln. „Endlich allein“, singt Alceste einmal. Man versteht sie an dem Abend nur zu gut.

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