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Die Mama wird‘s schon richten: Agrippina (Alice Coote) mit Nerone (Franco Fagioli).

MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE

Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper: Kabale und Hiebe

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Was (Macht-)Geilheit mit Menschen anrichten kann, zeigt Barrie Kosky in Händels „Agrippina“. Ein sehr unterhaltsamer, versiert inszenierter Festspiel-Abend.

München - Dreieinhalb Stunden dauert es, da gibt es den ersten echten Kuss vom einzig echten Paar, Poppea und Ottone. Das ist wichtig zu wissen, weil vorher anderes passierte: ein Aneinanderfestsaugen, ein Aufeinanderpressen der Lippen, mehr Gewaltausübung ist das denn erotisch motiviert. Agrippina praktiziert dieses Kampfschmusen. Alle sind ihr verfallen, sogar der ihr inzestuös verbundene Sohn. Nicht nur eine Herrscherdynastie droht hier zu implodieren, sondern ein ganzer Staat. Was eben passiert, wenn das Libretto mutmaßlich von Vincenzo Grimani stammt. Der Mann war – unter anderem – Kardinal und zielte auf vatikanische Verhältnisse. Doch wo man sich heute über Darkrooms hinterm Hochaltar empört, drehte es sich damals um anderes: um Kabale und Hiebe, um eine in tödlicher Triebhaftigkeit verbundene Gemeinschaft.

Nacherzählen lässt sich „Agrippina“, dieses wilde Frühwerk Georg Friedrich Händels, kaum. Auf die Bühne bringen allerdings locker – das suggeriert zumindest Barrie Kosky bei dieser Opernfestspiel-Premiere im Prinzregententheater. Dass er „House of Cards“ liebt, sieht man, tut aber kaum etwas zur Sache. Netflix-Nutzer erkennen in der Titelheldin Präsidentin Claire Underwood wieder, Nichtabonnenten laben sich auch so am Biest, das von Alice Coote genüsslich zelebriert wird. Vor 30 Jahren hätte Kostümbildner Klaus Bruns die Sängerin wie „Denver“-Ekel Alexis ausstaffiert.

Hormoneller Überdruck und Bizarrerie

Bei Kosky und Bühnenbildnerin Rebecca Ringst konzentriert sich alles auf ein Setzkasten-ähnliches Metallgerüst mit sanft sirrenden Jalousien und Treppe. Das ist drehbar (was später enervierend oft praktiziert wird), erlaubt immer neue Einblicke, kann auch in drei Teile gesplittet werden, die sich zum Hof formieren. Bespielt wird das von Figuren am Rande des Nervenzusammenbruchs, schwer krankend an hormonellem Überdruck und (Macht-)Geilheit, hyperaktiv bis zur Bizarrerie. Die Aufführung startet mit hohen Umdrehungszahlen, kann das aber nicht durchhalten – auch weil Händel, man denke nur an die psychologisch schürfenden späten Opern, zu wenige Fallhöhen eingebaut hat.

Zentralgestirn, schwarze Sonne ist nicht allein Agrippina. Poppea, das führt Kosky vor, wandelt sich vom Hascherl zur Diktatorin in spe – weil sie eines lernt: Männer sind nur Mittel zum Zweck. Die Tragik des Stücks (immerhin ein blutiger Machtkampf) wird von der Regie unterlaufen, oft biegt der Abend ab in den Klipp-Klapp-Boulevard, auch in den Slapstick. Man verfolgt das gern, weil es als Unterhaltungstheater funktioniert. In den besten Momenten ist das hintersinnig choreografiert, anderes bleibt Handgelenksübung eines souveränen Solistenbeschäftigers.

Wobei: Das Personal hat ausnehmend Spaß. Kaum ein anderer Regisseur kann ja bei Sängern eine solche Spiellust entfachen – mit der sie, auch das wird offensichtlich, viele ihrer Macken preisgeben. Dass manches vokal übersteuert ist, gehört dazu, schließlich geht es um keinen  CD-Mitschnitt. Alice Coote zeigt eine dramatische Agrippina, die den Anforderungen der Partie auch mit einer Flucht nach vorn begegnet. Kampfkoloraturen hört man, Deklamatorisches, nicht ganz auf Linie Geführtes, aber auch feinherbe Lyrismen –  und  ein Arien-Da-Capo als mikroverstärkter Popstar.

Händel als vollsaftiges Klang-Ereignis

Franco Fagioli als Nero beginnt forciert. Das passt zum gepiercten Früchtchen, das seine Einzelkind-Egozentrik auslebt. Doch oft hat man das Gefühl: Der Mann, einer der besten Counter unserer Zeit, will den Abend auf Springteufel komm’ raus zu seinem eigenen machen. Später beruhigt sich das. Nerone, auch das hört man, ist fähig zu Zwischentönen. Punktbesetzungen sind sie ohnehin alle, auch der innige Counter-Stilist Iestyn Davies als Ottone,  Gianluca  Buratto als Claudio, dessen Springbärchen-Charme wunderbar zur virilen Bassgewalt kontrastiert. Oder Elsa Benoit, die der Poppea nicht nur Zartbitteres entlockt, sich dabei durch Verzierungen schlängelt, sondern  auch Nachdruck und Tiefe.

Händel, das bleibt an der Staatsoper die Angelegenheit von  Ivor Bolton. Einmal mehr gibt er den kuriosen Dirigenten-Onkel, dessen Erzählungen man sich gern überlässt. Veganes, Skelettiertes, Widerborstiges, das ist seine Sache nicht. „Agrippina“ ist hier – bei aller Flexibilität – vollsaftiges, resonanzreiches Klang-Ereignis. Ivor Bolton kann auf hervorragende Musiker des Staatsorchesters bauen, die vieles in Eigenverantwortung phrasieren. Heftiger Jubel und zwei Erkenntnisse. Händel ward an der Staatsoper zu lange nicht erlebt. Und: Wer solche Eltern wie Nerone hat, zündet später unter Garantie seine Heimat an.

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