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Einander entfremdet sind Maria (Sandra Cervik) und ihr Sohn (David Valencia). 

PREMIERENKRITIK

Händels „Messias“ am Gärtnerplatztheater: Vater, vergib ihnen

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Kann man machen: Händels „Messias“, überhaupt Oratorien haben auch schon andere inszeniert. Am Gärtnerplatz ist die Sache etwas schiefgegangen. Die Premierenkritik.

München - Da hat sie sich anderes erwartet. Viele gemeinsame Jahre, eng einander zugewandt, intim, in häuslicher Liebe. Doch eine Mutter-Kind-Zweisamkeit als öffentliches Ereignis? Bald nach der Geburt wird der Sohn von der Menge okkupiert, erst gefeiert, dann geschändet. Eine entfremdete Beziehung mit einer enttäuschten, auch egoistischen Mutter, davon erzählt der irische Autor Colm Tóibín im Roman „Marias Testament“. Das Thema ist kein Einzelfall, die Zweifel der Heiligen trieb auch den Kollegen Nikos Kazantzakis um in seiner „Letzten Versuchung Christi“.

Kein übler Ausgangspunkt für eine Bebilderung ist das eigentlich, für eine Veroperung und Vertanzung von Händels „Messias“. Es hätte also kontrovers werden können im Gärtnerplatztheater, aufregend als Hinterfragung von Religion, Legenden und Glaubensinhalten. Doch Torsten Fischer, der fürs Haus mit der „Aida“ die aktuell beste Münchner Verdi-Inszenierung besorgte, spielt lieber „Ich packe meinen Koffer“.

Und was da alles hinein muss. Dogmenkritik, häuslicher Frust, Nahtoderfahrungen, Aufrufe zu Toleranz, am liebsten zwischen den Religionen, plus Kommunikations- und vor allem ganz viel Kapitalismuskritik. Einmal sitzt der Chor vor aufgeklappten Laptops, zum „Halleluja“ regnet es Dollarnoten, während der Messias in Gestalt des stummen, schlangenkörperhaften Tänzers David Valencia mit Gewehren behängt wird. Keine Liebe, nirgends in dieser Welt, in der anfangs die Tänzer malerisch zucken nach einer offenkundig vorgefallenen Katastrophe. Eine zu große Aufgabe für Jesus. Man wartet nur noch auf den klassischen Satz, da fällt er auch schon: „Gott ist tot.“

Maria gibt den Showstopper

Gesprochen wird er von Sandra Cervik als Maria im staatstheaternden Anklageton. Und oft, wenn es Händel in seiner geschickten Oratoriendramaturgie zur nächsten Nummer treibt, gibt sie den Showstopper: Halt, zuerst wird monologisiert. Dabei bedeutet Stillstand eigentlich Rückschritt in dieser Premiere. Karl Alfred Schreiner hat nämlich eine aufgekratzte Choreografie erdacht, zu der Herbert Schäfer seine Bühne leer räumt und nur drei Riesenstufen lässt. Manches ist sogar suggestiv, wenn etwa Bassist Timos Sirlantzis in seiner Arie vom im Dunkeln wandelnden Volk kündet und dabei auf Marias kriechendem Sohn steht. Doch vieles bleibt Aktionismus und Betroffenheitspathos, als ob da einer seine Checkliste abarbeitet.

Ein Oratorium zu bebildern, das ist nicht gerade der letzte Schrei. Mit Mendelssohn Bartholdys „Elias“, sogar mit Bachs Passionen mag das leichter funktionieren, erst recht mit (siehe „Saul“) Händels verkappten Opern – weil es hier identifizierbare, quasi handelnde Personen gibt. Im „Messias“ wird dagegen ständig über etwas gesungen, es wird kommentiert, in Parabeln und Gleichnissen gedeutet, gefeiert. Das Duo Fischer/Schreiner erfindet dazu einiges, als Zusatzebene funktioniert es allenfalls auf dem Papier.

Was im Graben passiert, ist das Ereignis des Abends

Gleichwohl wurde eine Menge Arbeit investiert, man sieht und hört es. Zweiter und dritter Teil sind gekürzt, manche Arie ist auf zwei Sänger verteilt. Chefdirigent Anthony Bramall hat das Gärtnerplatz-Orchester in Sachen Barockpflege weit gebracht. Da wird, meist vibratolos, atmend und plastisch phrasiert. Die Tempi sind straff, Details werden dennoch en masse geliefert. Was im Graben passiert, ist das Ereignis des Abends. Oben wird einem robusten, überholten Händel-Ideal gefrönt. Einige packen die Sache großstimmig an, was sie nicht müssten, doch es gibt stilistische Ausnahmen. Sopranistin Jennifer O’Loughlin zum Beispiel kann Farbenreichtum mit Flexibilität verbinden. Timos Sirlantzis agiert ähnlich und führt seinen virilen, substanzreichen Bass durch Händels schmal gesteckten Slalom.

Als singender Einspringer im Graben für den nur spielenden Alexandros Tsilogiannis wurde Caspar Singh vom Opernstudio der Staatsoper geholt. Sein schon über den Barock hinausweisender, erstaunlich durchgebildeter Tenor zeigt, welcher Fang der großen Schwester vom Max-Joseph-Platz geglückt ist. Der Chor hat in schnellen Nummern gutes Timing. Vieles tönt allerdings uneben, im Klang zu wenig konzentriert und gerichtet. Eine Stufe weniger, und die Sache würde nicht nur schöner, auch genauer ausfallen. Ein Experiment, gewiss. Was man daraus mitnimmt: sich unbedingt den Roman „Marias Testament“ vornehmen. Und sich dringend wieder den „Messias“ gönnen, ob auf CD oder konzertant.

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