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Dionysus (Sean Panikkar, re.) beschert Pentheus (Russell Brown, li.) sein emotionales Outing - mit tödlichen Folgen.

PREMIERENKRITIK

Henzes „The Bassarids“ in Salzburg: Der Theben-Clan

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Ein wuchtiges Antiken-Drama auf eine rätselhafte, erotikfreie TV-Soap verkleinert: Henzes „The Bassarids“ in der Felsenreitschule

Salzburg - Nachdem der Vorhang sich schloss, war nur Verstörung. Weniger beim Salzburger Publikum. Das kriegte sich – angestachelt vom Dionysischen auf der Bühne – vor Jubel gar nicht mehr ein. Nein, der Komponist haderte mit sich: Ob da womöglich etwas falsch gelaufen war? „Was ist Freiheit, was Unfreiheit. Was ist Repression, was ist Revolte?“ Um Wahrheit sei es ihm gegangen, ließ Hans Werner Henze wissen, und die sei „ernst, schwierig und grausam – und nicht kulinarisch“. 1966 bei der Uraufführung seiner Oper nach den „Bakchen“ des Euripides fielen diese Worte. Und all das muss man sich ins Gedächtnis rufen, weil 52 Jahre später Ähnliches passiert ist.

Henzes „Bassariden“, die bei dieser letzten diesjährigen Salzburger Opernpremiere in der Originalfassung als „The Bassarids“ gegeben werden, sind nichts weniger als das Stück der Stunde. Nicht um Saufen und Huren in Gefolgschaft von Gott Dionysus geht es, sondern um den Einbruch des Irrationalen, Nicht-mehr-Beherrschbaren, unreflektiert Zerstörerischen in eine Welt der Ratio, des Geordneten, der Sicherheit. Nun verlangt keiner von Regisseur Krzysztof Warlikowski, dass er in der Felsenreitschule „Tagesschau“ spielen lässt. Aber ein wenig mehr vom Potenzial dieses Zweieinhalbstünders (der hier durch eine überflüssige Pause unterbrochen wird), von seiner Klarsicht und Aussagekraft hätte man schon gern gesehen.

Unterwäsche-Feinripp und ekstatisch zuckende Statisterie

„The Bassarids“ ist ja unkomplizierter, eindeutiger, als Warlikowski glauben macht. Wieder sieht man eine durchlässige Raum-Reihung, die Simultanhandlungen erlaubt. Ein Kniff von Ausstatterin Malgorzata Szczesniak, um das Cinemascope-Format in Griff zu bekommen – und ein Einfall, man bedenke viele ähnliche Salzburger Bühnenlösungen aus vergangener Zeit, der langsam nach einem Baustopp schreit. Warlikowski lässt die verschärfte, verrätselte Fassung einer Soap spielen. Sein Theben-Clan baut auf bekannte Versatzstücke: den mächtigen Paten (Cadmus), den schwächelnden, ödipal veranlagten Enkel als Sippenführer, der im Frauenkleid sein emotionales Outing erlebt (Pentheus), dazu das Mutter-Biest (Agave) und diesen seltsamen Freigeist (Dionysus), der die bröckelnde Familie ins Verderben stürzt, womöglich sogar ein heimkehrender verlorener Sohn ist.

Dazu gibt es viel Unterwäsche-Feinripp, ekstatisch zuckende Statisterie, einen meist eingefrorenen Chor (er ist bei Henze immerhin einer der Protagonisten) und ein vollkommen humorfreies Intermezzo – das allegorische Spiel um den Streit von Venus und Proserpine hatte Henze selbst zur Streichung empfohlen. Manchmal taumelt eine BH-lose Frau durch die Arkaden, am Ende sitzt Agave an einer Art Metzgertheke mit Cadmus und Schwester Autonoe vor dem Kopf ihres Sohnes nebst plastikverpackter Gliedmaßen: Darf’s ein bisserl mehr sein?

Die weit auseinandergezogene Szenerie hat auch ihren Preis. Wer zu weit auf einer Seite sitzt, bekommt von der anderen nichts mit. Schwarz-Weiß-Projektionen von den Parallelhandlungen sind mutmaßlich als Abhilfe gedacht. Dass alles nicht lippensynchron ist, irritiert allerdings. Was sich Warlikowski als Einladung zur Assoziation denkt, fällt auf ihn zurück: Mit seiner Zeichenhaftigkeit steht er sich ziemlich schnell selbst im Weg. Nicht nur das Zerkrümeln eines stringenten, kraftvollen Stücks ist hier zu verfolgen, auch eine Verkleinerung, eine Ausdünnung. Noch dazu ist diese Aufführung dionysisch gesehen unterversorgt: Wenn halbnackte Jung-Kerle am Hundehalsband geführt werden und der Bewegungschor Erotikgymnastik vollführt, kann man den Abend getrost ab sechs Jahren freigeben.

Kent Nagano hat dem wenig entgegenzusetzen. Die Riesenpartitur, das sei ihm zugute gehalten, verlangt vor aller Interpretation zunächst einmal Koordination. Die Schlagwerk-Batterie sitzt auf einer Seitenempore, der Chor wird vom Ko-Dirigenten Huw Rhys James gelotst. Wenn Nagano dirigiert, dann sieht das immer aus, als werde die Musik gelichtet, geordnet, kühl strukturiert. Doch einen echten Kontakt zum Orchester spürt man kaum, das Potenzial der Wiener Philharmoniker wird nur in Ansätzen genutzt. Henzes Zitat-Technik, mit der er teilweise sogar auf Bach zurückgreift, ist kaum auszumachen. Ebenso die so deutlich voneinander geschiedenen Pentheus- und Dionysus-Welten. Man hört eine Autopilot-Sinnlichkeit, eine Orgiastik nach Vorschrift und manchmal auch viel Lässigkeiten. Nicht nur für die Musiker ist das mitunter gefährlich, auch für die Sänger.

Immerhin Sänger auf Festspielniveau

Immerhin mit der Besetzung erreicht der Abend Festspielniveau. Der schlankstimmige Russell Braun kann das Herrische von Pentheus genauso zu Klang werden lassen wie seine unterdrückte, verkniffene Emotionalität. Sean Panikkar (Dionysus) ist mit scharf umrissenem Tenor und der bohrenden, biegsamen Intensität dazu der perfekte Kontrast. Tanja Ariane Baumgartner (Agave) ist von der hochdramatischen Fraktion fürs vokal Dionysische zuständig, dicht gefolgt von Vera-Lotte Böcker (Autonoe). Willard White gibt den zwar brüchigen, aber noch immer raumgreifenden Cadmus-Fels. Nikolai Schukoff, vor zehn  Jahren in München noch Dionysus, macht als emphatischer, heldischer Tiresias dem aktuellen Salzburger Gott Konkurrenz. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor kommt mit der oft widrigen Bühnensituation gut zurecht – auch hier sind ja abgebrühte Routiniers am Werk.

Ein laues Finale also des Salzburger Opernreigens, dies ausgerechnet bei einem Operntrumm, das sich auf „Elektra“- und „Salome“-Ebene bewegt. Gerade mit Letzterer muss sich Warlikowskis Produktion messen lassen, der größte Festspiel-Erfolg anno 2018 ereignete sich ebenfalls in der Felsenreitschule. Sehnsüchtige Gedanken daran verbieten sich an diesem Abend: Romeo Castellucci kann ja nicht alles inszenieren.

Die Handlung:
Pentheus, König von Theben, hat den Kult um Dionysus abgeschafft. Der Gott, der zunächst unerkannt erscheint, nimmt Rache. Er lockt Pentheus‘ Mutter Agave und deren Schwester Autonoe in die verbotene Horde der Bassariden. Auch Pentheus kommt auf den Berg Kytheron und wird dort von der wahnerfüllten Agave zerrissen. Theben geht in einem Feuersturm unter.

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