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Eine bizarrhumorige Revue , die wie ein Gastspiel der Komischen Oper wirkt. 

FESTSPIEL-KRITIK

Offenbachs „Orpheus“ in Salzburg: Charmelosigkeiten

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Eine solche Operetten-Regie kriegt nur Barrie Kosky hin. Trotzdem bleibt sein Salzburger Offenbach hochtourig und kalt. Die Premierenkritik.

Salzburg - Den nehmen wir jetzt immer her. Für die „Zauberflöte“, für den „Freischütz“, erst recht („Wie kalt ist es in diesem Gewölbe“ – „Das ist natürlich, es ist ja sehr tief“) für „Fidelio“. Alle drei Opern und noch viele mehr siechen ja an Unheilbarem, an ihren Dialogen. Operetten, nicht zuletzt Übertragungen ins Deutsche wie im Falle Jacques Offenbach, sind sogar besonders krankheitsanfällig. Und mal ehrlich: Welcher Sänger kann schon freihändig geradeaus monologisieren?

Max Hopp kann alles. Hoch und tief sprechen, nölig und näselnd, rabaukig und pikiert. Und gern macht er wie beim Stummfilm die Geräusche, das Tippeln von Euridice, das gravitätische Schlurfen von Jupiter, das Schlürfen am Cocktail und, na klar, eine knarzende Tür. Der Mann ist Schauspieler, ein grandioser, und folglich das bejubelte Zentralgestirn dieser Salzburger Festspiel-Premiere. Alle Dialoge übernimmt Hopp, während die Sänger die Lippen bewegen. Das ist so großartig einstudiert, dass manchmal der Blick von Hopp wegschweift zu den Solisten und die Illusion perfekt ist: Wer spricht da eigentlich gerade?

Eine Aufführung auf Speed bis zum Kolbenfresser

Einmal darf er auch singen, ein zartes, schönes Couplet über seine Zeit als „Prinz von Arkadien“–- Max Hopp ist nämlich auch der immerwährend präsente John Styx der Aufführung. Die lippensynchrone Kuriosität, es ist der beste Einfall dieser Produktion. Nach langer Zeit wieder Offenbach-Operette an der Salzach, da wollte das Festival auf Nummer sicher gehen. „Orphée aux enfers“, der ständig gespielte Spaß mit dem in die Unterwelt reisenden Orpheus, weiter wagte sich Salzburg zum 200. Komponisten-Geburtstag nicht vor aufs weite Offenbach-Feld.

Regisseur Barrie Kosky ist der zuverlässig knatternde Golf Turbo der leichten Muse. Koproduziert ist alles mit seiner Komischen Oper Berlin, und so sieht der Zweieinhalbstünder auch aus. Eine fiese, hintergründige Salzburg-Satire hätte die Aufführung werden können, Kosky, sein Bühnenbildner Rufus Didwiszus und Victoria Behr (Kostüme) belassen es beim angeranzten Varieté-Theater.

Was nicht heißt, dass es museal wird: Eine Extra-Dosis Amphetamine muss das Personal, instrumentale Fraktion inklusive, eingeworfen haben. „Orpheus“ auf Speed, überdreht bis zum Kolbenfresser, sogar die Wiener Philharmoniker unter Enrique Mazzola werden Grenzerfahrungen ausgesetzt. Kathryn Lewek gibt als Eurydice die durchgeknallte Dralle mit Stratosphären-Tönen, Marcel Beekman die ölige Pluto-Tunte. Martin Winkler treibt seinen Jupiter mit aufgerissenen Augen und Baritonwucht in den Karikaturen-Irrsinn. Anne Sofie von Otter ist als Öffentliche Meinung spießige Pfarrerstochter, augenzwinkert die Auftrittsnummer in der Muttersprache Schwedisch und später eine eingeschobene Offenbach-Barcarole im farbexplodierten Wallekleid. Joel Prieto als Titelheld ist, ob singend oder sonst, ganz Tenorschönling, scheint aber manchmal selbst nicht zu wissen, wie er überhaupt in das Spektakel geraten ist.

Die Musiknummern rumpeln ins Flüchtige

Gern schlabbern Zungen am Gegenüber oder wippen die Gold-Penisse. Und zum Can-Can, Ehrensache bei Kosky, lassen juchzende Männer die Rockschöße fliegen. Das alles flutscht hochvirtuos mit den fugenlos eingepassten Choreografien von Otto Pichler, als laufe die Aufführung schon seit einem Monat. Kosky drückt so hemmungslos wie versiert drauf, eine bizarrhumorige Revue zwischen Gaga, Slapstick, Monty Python und krampfiger Frivolität. Wo es hyperskurril wird, gerade in den Dialogen mit Max Hopp, entfaltet dies tatsächlich eine besondere Komik. Doch gleichzeitig wird nur ein Ausschnitt aus Offenbachs Kunst serviert: Die Eleganz, der Charme, die Poesie, all das entgeht nicht nur Kosky.

Auch Mazzola kommt nicht mehr vom Vollgas. Man nehme als Beispiel das Finale des Olymp-Bilds, das sich vom Ruhepuls-Swing allmählich steigern sollte: Fast alle Musiknummern sind zu schnell und rumpeln ins Flüchtige. Nicht nur, dass es unsauber wird und wackelt – wo Offenbach eigentlich Feinstes aus dem Delikatessenladen offeriert, gibt es bei Kosky/Mazzola Fast Food. Das sättigt, macht Spaß, ist durchaus kurzweilig, aber bald nach dem Schlusston stellt sich erneut das Hungergefühl ein. Als habe sich Salzburg bloß ein Gastspiel der Komischen Oper gegönnt und dabei das Zeitmanagement fast vermasselt: Offenbar musste die Belegschaft die letzte Maschine nach Berlin erreichen.

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