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Wie ein Untoter des Punk geistert Karl V. (Bo Skovhus) durch die bildgewaltige Aufführung.

PREMIERENKRITIK

Ernst Krenek an der Bayerischen Staatsoper: Rette Karl wer kann

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Als gigantische Rettungsaktion fürs Stück präsentiert sich die Neuproduktion von Ernst Kreneks „Karl V.“ an der Bayerischen Staatsoper. Ein Spektakel von der Stange.

München - In der Diagnose sind sich alle einig. Ob 1558 im Todesjahr des Kaisers, 1938 bei der Uraufführung seines Opernporträts oder jetzt, einige Wochen vor der Europawahl. Nur dass es der Herrscher in der Version von Komponist und Textdichter Ernst Krenek eine Spur verschraubter ausdrückt, wenn er „Einerleiheit“ fordert statt dem „Vielsinn der Menschen“. Nationalismus würden wir das heute nennen, Egoismus, Regionalismus, vertreten durch entsprechend gepolte Parteien. Und auch ohne „Karl V.“, die erste abendfüllende Zwölftonoper der Geschichte, jemals genossen zu haben, versteht jeder: Die ist brennend aktuell.

Alles das spricht also für den Totaleinsatz der Bayerischen Staatsoper. Für die aufwendige Herrichtung eines „Bühnenwerks“, wie es Krenek nannte, das es nie leicht hatte. An der einstigen Brandmarkung als „entartet“ liegt das, aber auch am Stück selbst. Gute zwei Stunden Rückschau und Rechtfertigung eines gichtigen Herrschers an der Seite des Beichtvaters, dazu die Geschehnisse der Vergangenheit, die er ein letztes Mal halluziniert, ein Drama im Verlautbarungs- und Erklärmodus: Bewusst oder unbewusst verzichtet Krenek da, ähnlich wie Paul Hindemith in „Mathis der Maler“, auf publikumswirksame Theaterzutaten.

Technisch perfekt und unendlich kühl

In München steht dem Kaiser das Wasser fast bis zum Knöchel. Ein weiß geschminktes Gespenst wie alle Figuren (bis auf den Beichtvater) mit abstehenden Haarzöpfen, ein Untoter des Punk. Und wer glaubt, die Regie belasse es beim Patschen der Protagonisten durch die Riesenpfütze, der kennt Carlus Padrissa nicht. Der ehemalige Berserker der katalanischen Truppe La Fura dels Baus tut, was erwartet und in der Premiere bejubelt wird. Ein Menschenmobile formiert sich zu immer neuen Figuren bis zur finalen Doppelhelix, riesige Spiegelwände mit Bildvervielfachungen, Giga-Videos, Projektionen mit Passendem aus dem Reich der bildenden Kunst, Feuerfontänen im Takt der Musik, einmal klettert die Statisterie als Heer Pizarros und „Gold!“ flüsternd durchs Parkett: Fehlt noch was auf der Checkliste?

Technisch ist das nahe der Perfektion und zugleich unendlich kühl. Eine Inszenierung in der Ausstattung von Lita Cabellut, die sich als überbordende Rettungsaktion fürs Stück geriert. Ein Spektakel von der Fura-dels-Baus-Stange, das Anspielungen und Querbezüge raunt, aber kaum etwas über „Karl V.“ erzählt. Trotz Konstruktivismus bietet Krenek ja durchaus Futter für analytische Theatermacher. Zum Beispiel das Verhältnis des Kaisers zum Beichtvater, die Rivalität mit dem so anders gestrickten (und deshalb heimlich verehrten?) französischen König Franz. Erst recht der gescheiterte Plan Karls, Einheit durch Katholizismus zu erzwingen, dazu die Hybris, mit der er sich zum Lichtbringer stilisiert und nun eine „ungeheure Nacht“ vor sich sieht. Krenek balanciert da beunruhigend auf einem Grat zwischen Zeitkritik und der Sehnsucht nach dem Messias, dem einigenden Führer.

Zwei musikalische Sieger des Abends

Es ist Bo Skovhus als Karl anzusehen und anzuhören, wie ihm an der Vermenschlichung seiner Figur liegt in einer Ästhetik, die das alles behindert. Mutmaßlich wird er die Partie nie wieder singen, umso tiefer muss man sich verneigen vor seinem Einsatz, vor der Intensität, vor der Genauigkeit, ein paar unterbelichtete Passagen fallen nicht ins Gewicht. Der zweite Sieger dieser Produktion ist Erik Nielsen. Wo andere Dirigenten mit der Nase in der Partitur Diffiziles abwickeln, agiert der Baseler Musikdirektor anders. Freier, selbstverständlicher, immens partiturbewusst, stets in Kontakt zum Bayerischen Staatsorchester und zu den Sängern.

Die Spätromantizismen zu Beginn des zweiten Akts werden ausgekostet, auch die Zartbitteratmosphäre in der einzig verdichteten „Nummer“, in Isabellas Monolog. Doch entscheidender ist, wie klar, nachvollziehbar und flexibel musiziert etwas zu Klang wird, das Krenek als Variation einer einzigen Zwölftonreihe gedacht hat, die sich am Ende zum Akkord türmt. Die übrigen Sänger, verdammt zur Karikaturenparade, können ihre Rollen nur als Vokalporträt formen. Gun-Brit Barkmin (Eleonore), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Franz I.), Michael Kraus (Luther), Scott MacAllister (Francisco Borgia) oder Anne Schwanewilms (Isabella) in der Verbindung von Textdurchdringung und klanglicher Erfüllung.

„Karl V.“ zeigt, wie ein Herrscher unter der Geschichtslast ächzt – und eine Oper unter ihrem Themenkatalog. Weil er die gesamte historische Situation abbilden will, muss Krenek oft Strecke mit Sprechpassagen machen (die in München mit Mikros verstärkt werden), Beichtvater Juan de Regla ist ganz als Schauspielrolle konzipiert: Janus Torp als Jungpriester mit „Dornenvögel“-Charme, gibt den einzigen Menschen im Schablonen-Personal. Ein Normalo, umtost vom Spuk, der nach zweieinhalb Stunden Bildexplosion verpufft. Und ein unbewältigtes Werk zurücklässt.

Die Handlung:
Karl V. hat sich ins Kloster zurückgezogen. Mit Beichtvater Juan de Regla geht er die Stationen seines Lebens durch. Alles dreht sich um die Einsicht, dass die reichssprengenden Kräfte übermächtig und gottgewollt waren. Es erscheinen Menschen der Vergangenheit: seine wahnsinnige Mutter Juana, dann Luther und Franz I. Letzterem gab Karl seine Schwester zur Frau und wurde verraten. Auch der Sieg über die Türken tritt vor Karls Augen, dann seine Rückkehr nach Madrid, wo seine Frau Isabella im Sterben liegt. Der Kaiser imaginiert vor dem Tod noch einmal, wie er nach dem Sieg der Protestanten flieht und zugunsten seines Bruder Ferdinand abdankt.

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