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Showdown an der Tankstelle, und keiner hindert Médée (Elena Stikhina) an ihrer Tat.

PREMIERENKRITIK

„Médée“ bei den Salzburger Festspielen: In der Realismusfalle

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Dann lieber Servus TV: Regisseur Simon Stone versucht sich an einer heutigen, realistischen Nacherzählung von „Médée“ und stellt sich selbst ein Bein.

Salzburg - Irgendjemand hätte den wackeren Polizisten ja einen Tipp geben können. Den tobenden Jason festhalten? Warum nicht einfach zur brennenden Luxus-Limousine stürzen, um Médée nebst Kinder herauszuzerren? Oder schon zuvor die aufsehenerregende Wiedereinreise der Titelheldin am Flughafen: Warum sollte das ein Sender, wir sehen’s auf einem Bildschirm, minutenlang, ungeschnitten, kammerazitternd und ohne Moderator live übertragen? Oder wieder einige Szenen vorher: Wie um alles in der Welt kann Médée die Telefonnummer jenes Hotelzimmers herausbekommen haben, in dem Jason mit der Nächsten im Bett liegt?

Man kann sich gut vorstellen, wie ein TV-Redakteur dem Drehbuchschreiber das Skript über den Tisch schiebt: Schön, nett, aber da müssen sie noch mal ran. In Salzburg kommt so etwas auf die Bühne. Als zweite Opernpremiere der Festspiele, wo sich Simon Stone bei Luigi Cherubinis „Médée“ hemmungs- und rettungslos in seinen (auch noch fehlerhaften) Hyperrealismus verrannt hat. Vielleicht auch, weil er, der häufig Gebuchte (unter anderem am Residenztheater und bald mit Korngolds „Die tote Stadt“ an der Bayerischen Staatsoper) mangels Reflexionszeit keinen Ausweg mehr gefunden hat.

Mit dem Aschenputtel im Salzkammergut

Schicki aus dem Salzkammergut lacht sich Osteuropäerin an, der Prinz und sein Aschenputtel im noblen Domizil am Wolfgangsee, kinotauglich gecastet und per Schwarz-Weiß-Video als Vorgeschichte erzählt. Live setzt Stone im Großen Festspielhaus mit seiner Erzählung ein, als die Scheidung vollzogen ist und Dircé, Jasons Neue, ihr Hochzeitskleid aussucht. So geht das weiter, in immer neuen, enervierend detaillierten, oft nur für Minuten verwendeten und oft geteilten Szenerien von Bühnenbildner Bob Cousin.

Wir sehen Créon, eine Art Salzburger Pate, im Rotlichtclub, die verbannte Medée in einem georgischen Internetcafé, das nochmalige Treffen der baldigen Kindsmörderin mit Jason an einer Bushaltestelle, auch seine Hochzeit mit Dircé, während Médée nebenan in der Toilette ein Serviermädchen unschädlich macht, um sich mit deren Uniform in die Feier zu schleichen. Sekunden später wird das entkleidete Hascherl von Männern entdeckt – ja was nun: Damen- oder Herrenklo?

Die Verbürgerlichung einer archaischen, im Doppelsinn kaum zu fassenden Geschichte, eine Entschärfung, das ist schon vielen anderen vor Simon Stone passiert. Klein denkend und groß bebildernd hangelt er sich an den Szenen entlang. Stone sucht den Horror im Heute und liefert doch nur die Story aus dem Hochglanz-Magazin, die nach einer Woche vergessen ist. Was man aber so vielleicht noch nicht gesehen hat: Stone stellt sich mit seinem Hyperrealismus selbst ein Bein; alles driftet in den zahnlosen, unplausiblen Dienstagabend-Krimi.

Warum regen sich die Philharmoniker so auf?

Salzburg spielt die französische Urfassung von Luigi Cherubinis einstigem Reißer, streicht aber die Dialoge. Stattdessen gibt es während der Zwischenvorhänge Medées Vorwürfe auf Jasons Anrufbeantworter zu hören. Einmal kündigt sie an, es reiche ihr, und sie droht mit Schlimmem. Es ist etwas Unheilbares und Unheilvolles in dieser Frau vorgegangen, man spürt es. Allein: Man hätte es gern gesehen.

Gleichzeitig ist im Graben Thomas Hengelbrock damit beschäftigt, den Wiener Philharmonikern historisch Informiertes zu entlocken. Was man hört: einen effektvollen Furor, viel Adrenalin, eine hochtourige Dauer-Dramatik, die bis an die Spielbargrenze geht. Hengelbrock macht nachvollziehbar, warum Cherubini einst von Kollegen bis hin zu Beethoven so verehrt wurde. Und er führt vor, dass dieser Komponist tatsächlich ein Rezept für einen der abgründigsten antiken Mythen fand. Doch dann schweift der Blick auf die Bühne, und man fragt sich: Warum regen sich die Wiener Philharmoniker unten eigentlich so auf?

Dabei hat Elena Stikhina fast alles, was Medée braucht. Einen scharf umrissenen, manchmal ätzenden Sopran, eine Vokaldramatik, die die Stimme bei den kleinen Noten dennoch nicht aus der Kurve trägt, auch einen Klang für das Verzagte, Innerliche, Verzweifelte. Selten darf sie die Bühne dominieren, auch weil sich Stones Wimmel-Regie nur schlecht fokussiert. Pavel Černoch hat als Jason Hollywood-Charme, kann das aber singend kaum einlösen. Sein Tenor klingt, gedeckt, schmal, auch überreizt. Vitalij Kowaljow, ein Basso cantante par excellence, hätte in anderen Inszenierungen ein einschüchternder Créon sein können. Rosa Feola (Dircé) behauptet sich als lyrischere Version der Titelheldin. Am Ende ist alles leergeräumt. Showdown an der Tankstelle, Médée bespritzt alles mit Benzin, übergießt sich auch selbst. Nicht nur Peter Konwitschny, wir kennen es aus dem „Fliegenden Holländer“ in München, hätte alles in die Luft gejagt. Bei Simon Stone wabert roter Rauch im Pkw-Inneren. Unwillkürlich fingert man nach der Fernbedienung. Vielleicht läuft bei Servus TV Besseres.

Weitere Aufführungen
am 4., 7., 10., 16. und 19. August; Telefon 0043/662/8045-500.

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