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Ernst, echt und existenziell wird es in dieser Aufführung, hier eine Szene mit Elsa Dreisig (Fiordiligi, li.), Johannes Martin Kränzle (Don Alfonso) und Marianne Crebassa (Dorabella).

FESTSPIEL-KRITIK

„Così fan tutte“ in Salzburg: Das schönste Geschenk

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Aus der Not geboren und eine der besten Salzburger Mozart-Produktionen seit vielen Jahren: Zur Premiere von „Così fan tutte“.

Salzburg - „Schöner Tag.“ Pause. „Ziemlich warm.“ Mehr Pause. „Nette Bäumchen.“ Pause, langer Blick. „Klar, und sie haben mehr Blätter als Früchte.“ Was soll man auch reden, die Hormone stören gerade die Wortfindung. Es ist der Moment, vielsagend nichtig, in dem sich jede noch so durchschnittliche Aufführung des Stücks zur Schauspielqualität bequemt. Alles auf Messers Schneide, ein letzter Halt im Unschlüssigen, bevor sich die „falschen Paare“ in den Armen liegen. In Salzburg, im gleißenden Licht vor der provozierend reduzierten Kulissenwand mit den zwei Türen, ist das nur einer von vielen solchen Momenten. Zwei Frauen und zwei Männer stehen nebeneinander aufgereiht. Es wird gestottert, doch die Sache ist längst entschieden. Mehr noch: Es ist letztlich egal, wer mit wem, sagt die Aufführung. Zuneigung, Liebe, Geborgenheit – der Adressat dafür kann sich minütlich ändern. Und: Es kann sogar richtig sein.

Gezeigt wird das alles nicht mit dem Holzhammer, dazu ist Christof Loy der Falsche. 2008 hat er „Così fan tutte“ schon einmal in Frankfurt inszeniert, die Produktion wurde legendär. Ähnliches kann mit dieser Salzburger Festspiel-Aufführung passieren, die weit entfernt ist von einer Wiederauflage und aus der (Ausstattungs-)Reduktion Kraft gewinnt. Es liegt an den anderen Umständen: Um den Dreistünder auf pausenlose Corona-Länge zu bringen, mussten 45 Minuten raus. Die Probenzeit war knapp, Loy war zum 100. Festival-Geburtstag eigentlich für „Boris Godunow“ gebucht, Dirigentin Joana Mallwitz für eine Wiederaufnahme der „Zauberflöte“. Ergebnis ist kein Kompromiss, sondern die beste Salzburger Mozart-Inszenierung seit Langem, vielleicht seit rund zwei Jahrzehnten.

Kleine Zeichen enthüllen große Hintergründe

Mit seinem wunderbaren Ensemble, aus dem keiner herausragt und in dem keiner zurückfällt, nimmt Loy den Frauentausch als bare Münze. Ob das logisch ist, fragt hier keiner. Es passiert einfach. Und plötzlich wird „Così fan tutte“ alle Verkrampftheit einer Plausibilitätsprüfung genommen. Der Abend speist sich aus einem liebenden Verständnis für die Figuren. Loy ist als Filigranmechaniker bekannt. Entscheidender ist aber: Er muss einen inhaltlichen Rahmen, eine Atmosphäre geschaffen haben, in dem sich die Solisten wie selbstverständlich und mit Eigeninitiative bewegen.

Kleine Zeichen enthüllen große Hintergründe: wie Fiordiligi in der „Felsenarie“ Standhaftigkeit behauptet, während ihr künftiger Lover Ferrando ins Wanken gerät. Wie im verdrucksten Zwiegespräch der beiden Schwestern Dorabella ihre Lust auf einen Neuen nur mühevoll tarnt. Wie sie später zwischen beiden Männern wortwörtlich eingezwängt wird. Und wie sich Dienerin Despina ein heimliches Streicheln Guglielmos gestattet, das er abwehrt. Unendlich viele dieser Szenen gibt es. Auch, weil oft alle Figuren auf der Bühne sind, Querverbindungen und sich verlagernde Kraftfelder schnell augenfällig werden.

Sehr körperhaft ist der Abend. Nähe, Berührungen, all das wird zugelassen, offenbar abgesichert durch Corona-Tests. Was ist vorgespielt? Was wirklich empfunden? Ernst, echt und existenziell wird es, so wie es Mozarts modernster Oper gebührt. Komik entsteht aus Verzweiflung und wie aus Versehen: Beinahe lädt Fiordiligi den „richtigen“ Mann zum Seitensprung ein.

Szene und Musik durchdringen sich modellhaft

Modellhaft durchdringen sich dabei Szene und Musik. Schon in der Ouvertüre, bevor Joana Mallwitz den Wiener Philharmonikern Rasantes abverlangt, gibt es Verzögerungen, dunkle Vorahnungen. Bei ihrem Salzburger und philharmonischen Debüt vertraut sie auf die Wiener Tradition – und nimmt sie doch als Ausgangspunkt für Eigenes. Man hört viele Hervorhebungen, instrumentale Kommentare, Subtexte, doch nichts wird ausgestellt oder forciert. Wärme des Klangs ja, aber keine Kulinarik. Durchlüftung, rhetorische Phrasenbildungen ja, aber keine historisierende Kratzbürstigkeit. Die Tempo-Architektur besticht. Die Rezitative sind genau gearbeitet. Und erstaunlich ist, wie die Philharmoniker, die „ihren“ Mozart zu gern pachten, mitmachen. Noch erstaunlicher ist jedoch, wie die Kürzungen funktionieren. Viele Rezitative fallen weg, manches wurde aus Arien herausoperiert, im zweiten Akt fehlen manche Nummern ganz. Alles bekommt Zug und Zielrichtung. Mozart selbst müsste, sollte er aus irgendeinem Olymp herabblicken, ins Grübeln kommen.

Und dann dieses Sextett: Marianne Crebassa, eine Dorabella zwischen Durchtriebenheit, Jungmädchen und dunkler Erotik. Elsa Dreisig, eine Fiordiligi, von unbedingter (passagenweise auch etwas fester) Intensität. Johannes Martin Kränzle, der als Don Alfonso nicht nur souveräner Spielmacher ist, sondern das Treiben der Paare mit Skepsis, zunehmender Verzweiflung und Derangierung beobachtet – und all dies mit einer Überfülle von vokalen Nuancierungen begleitet. Bogdan Volkovs klug geführter, biegsamer Ferrando-Tenor und Lea Desandres feinlyrische, nie biestige Despina gehören ebenso zu diesem Idealensemble wie Andrè Schuen, dessen virilstimmiger Guglielmo zwischen ungläubigem Erleben und Trotz schwankt. Dass sie alle die 130 Minuten so wahrhaftig vermitteln, als geschehe das Stück zum ersten Mal, ist das Wunder dieser Aufführung. Ein schöneres Geschenk konnte sich Salzburg zum 100. nicht machen.

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