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Intensive Zweiermomente, hier etwa mit Idomeneo (Russell Thomas) und Idamante (Paula Murrihy), stehen neben Ritualhaftem und choreografiertem Pathos.

PREMIERENKRITIK

„Idomeneo“ bei den Salzburger Festspielen: Mozart-Aufguss

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Vor zwei Jahren bescherten Peter Sellars und Teodor Currentzis eine aufsehenerregende Produktion von Mozarts „Tito“. Der diesjährige „Idomeneo“ fällt weit dahinter zurück.

Salzburg - Plastik, überall. Auf den Seiten 61 bis 64, schlimmer noch als Meeresteppich oder Strandgut zwischen Seite 72 und 74. Das Programmheft ist voll davon, Ekelbilder, man kennt sie. Und man versteht ja den Regisseur: Wie es wohl wäre, eine Oper, die vom Meer als Naturgewalt und Seelenraum durchdrungen wird, zu überblenden mit einem zentralen ökologischen Problem unserer Zeit? Stunden vor seiner Premiere von Mozarts „Idomeneo“ hat Peter Sellars in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele gewettert gegen die Katastrophe. Ein Aufruf zur Umkehr, sekundiert von Österreichs Bundespräsidenten Alexander van der Bellen.

Abends in der Felsenreitschule gibt’s dazu das szenische Äquivalent. Riesige durchsichtige Plastikgebilde, mal  Qualle,  mal  Flasche, mal Giga-Kondom. Das meiste hat Bühnenbildner George Tsypin auf dem Breitwandboden platziert, anderes hängt malerisch herab. Und all der ökologische Furor fällt sekundenschnell in sich zusammen. Die Deko erinnert an Goliaths Kinderzimmer oder an einen schicken Mega-Club, eine Ästhetisierung des Problems, die den Zynismus streift: Müll bei den Festspielen? Aber schön ausschau’n muss er schon.

Verliebt ins Ritual und ins Esoterische

Von „großer Erwartung“ wird gern geraunt, hier trifft es zu. Vor zwei Jahren, zu Beginn der Intendantenzeit von Markus Hinterhäuser, hatten Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis das Festival mit Mozarts „La clemenza di Tito“ in die Debattenhitze gestürzt. Von heftiger Ablehnung bis messianischer Verehrung reichte das, Salzburg hatte – endlich – einen Aufreger. Beim zweiten Streich bleibt sich das Duo treu, was zum Problem wird: Dieser „Idomeneo“ ist keine Wiederholung, keine Fortschreibung, keine Weiterentwicklung des Wurfs von 2017, dieser Abend ist ein lauer „Tito“-Aufguss.

Auf eine merkwürdige Weise sind Sellars und Currentzis stehen geblieben. Ersterer in seiner Verliebtheit ins Ritualhafte, in ein (auch naives) Eso-Pathos, in die Sakralisierung der Regie-Sprache. Und der Dirigent, der Interpretation immer als Extremismus, als heftige Energieentladung, als Vorführen von Affekten bis hin zum Manierismus versteht. Der letzte Schrei ist das alles nicht: Sellars’ Regie ist ein Gruß aus vergangener Salzburger Ambition unter Intendant Gerard Mortier. Und das fulminante Freiburger Barockorchester hat man so ähnlich schon unter Dauer-Gast René Jacobs gehört – da allerdings konziser, begründeter in Tempo-Relationen und in interpretatorischen Details. Dennoch ist die Deutung von Currentzis schlüssiger als der fast auseinanderbrechende „Tito“ mit seinem eigenen Orchester aus Perm – womöglich waren die Freiburger heilsames Korrektiv.

Zwei Aggregatzustände kennt Sellars’ Regie. Immer wieder müssen Chor und Solisten mit Gesten- und Schreit-Choreografie das Musikalische kommentieren. Andererseits gibt es intensive Einzelmomente, in denen der Arien-Solist auch Zwiesprache hält mit einem stummen Partner, am eindrücklichsten mit Nettuno (Jonathan Lemalu), der den ganzen Abend als väterlicher Lenker präsent ist.

Weniger Eingriffe in die Partitur

Sellars und Tsypin leben das Recycling sogar vor: Die rot- und blaufunkelnden Stelen, die aus dem Boden fahren, sind dieselben wie beim „Tito“.  Schauwerte gibt das zuhauf, die Magie ist aber meist behauptet. Gefährlich und bezeichnend wird es, wenn ausgerechnet zwei Implantate für die stärksten Momente sorgen: Eine Chornummer aus Mozarts „Thamos“ (nicht nur hier unterstreicht der MusicAeterna-Chor seine weltweite Pole Position) und die Konzert-Arie „Ch’io  mi  scordi  di te“, die für eine „Idomeneo“-Version gedacht war. Paula Murrihy führt hier mit fein gestufter Mezzo-Kultur die Zerrissenheit  Idamantes  vor, muss sich aber in Sachen Intensität den Kolleginnen geschlagen geben: Nicole Chevalier zeigt eine Elettra, deren Seelenqualen und unerwiderte Liebeswünsche in der Final-Arie explodieren. Die Ilia von Ying Fang durchlebt Ähnliches, allerdings als subtile, vokal bestechende Innenschau. Russell Thomas in der Titelrolle, vor zwei Jahren als Tito aktiv, gestaltet mit splissigem Tenor; das „Fuor del mar“ darf er in der entschärften Zweitfassung singen.

Sellars und Currentzis greifen dieses Mal weitaus weniger in die Partitur ein. Auf der einen Seite gibt es die beiden Extras, auf der anderen werden fast alle Cembalo-Rezitative eliminiert, seltsamerweise auch der Schlusschor und die so wichtige, stückentscheidende Szene mit dem zum Tod entschlossenen Idamante. Dafür dirigiert Currenzis die komplette Ballettmusik. Brittne Mahealani Fuimaono und Arikitau Tentau zeigen dazu einen samoanischen Tanz, eine Feier der Lebensfreude und der Liebe, wie das Programmheft aufklärt. Und die Sache mit dem Plastik?

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