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Glühende Leidenschaft auf Eisschollen: Bibiana Beglau als verzweifelt liebende Phädra und Nils Strunk als Hippolyt.

Premierenkritik

„Phädras Nacht“ am Residenztheater: Schauerkulisse mit Neonazis

München - Ein antiker Mythos bekommt dank Gegenwartsdramatiker Albert Ostermaier einen brandaktuellen Anstrich. „Phädras Nacht“, die neue Produktion des Residenztheaters, dreht sich auch um die Themen Flüchtlinge, Afghanistan und Rechtsextremismus. Hier die Premierenkritik:

Da haben sich ja die zwei Richtigen gefunden: der bekennende Großpathetiker Albert Ostermaier als Autor und der vitale Untergangsromantiker Martin Kušej als Regisseur dieser Uraufführung. Der Münchner Dichter und der Intendant entrollten in dessen Residenztheater „Phädras Nacht“ als düsteren Mythen-Prospekt mit brandaktuellen Gegenwartsbezügen. Die sozusagen zündende Idee besteht darin, den antiken, vielfach dramatisierten Sagenstoff um Phädra mit dem Themenkomplex Flüchtlinge, Afghanistan und Rechtsextremismus kurzzuschließen, dass es nur so schnalzt.

Bei Ostermaier ist Griechenheld Theseus (Aurel Manthei als Tötungshandwerker mit posttraumatischer Störung) ein drogensüchtiger deutscher Offizier im Afghanistan-Einsatz. Den nutzt er auch für seine Tätigkeit als Heroingroßhändler, und außerdem fungiert er als „Führer“ der Neonazi-Horden. Sie haben die Macht auf der Straße in Deutschland übernommen, wo es folglich verwüstete Stadtviertel und No-go-Areas gibt.

Ein Flüchtling wird vom Nazi-Pöbel ermordet

Seiner in der Heimat vereinsamten Gattin Phädra schickt Theseus den Afghanen Hippolyt, seinen Übersetzer, der ihm das Leben gerettet hat und den er daraufhin „adoptierte“. Prompt verliebt sich Phädra in diesen Flüchtling, der aber seinerseits ihre Tochter Aricia liebt. Angestachelt von ihrem Psychiater Asklepios, der auf sie scharf ist, beschuldigt die verschmähte Phädra den Afghanen fälschlich, sie vergewaltigt zu haben, woraufhin der vom tobenden Nazi-Pöbel ermordet wird.

Das ist sehr dick aufgetragen, aber es kommt noch dicker, weil diese Sagenversion fürs Blockbuster-Zeitalter in Bilder von betörender Monumentalität gegossen wird, deren postapokalyptischer Magie man sich nicht entziehen kann und will. Gleich die erste Szene ist der Hammer: Dreckverschmiert, mit goldenen Cowboystiefeln und sonst splitternackt, tritt Bibiana Beglau auf. Die Phädra, die sie quasi konvulsivisch auf die Bühne zuckt, ist eine suchtkranke Psychotikerin mit schweren Wahnvorstellungen. Als tief verletzte, wie aus sich selbst herausgestülpte Rasende fügt diese flackernde Megäre sich passgenau ins Endzeit-Ambiente. Annette Murschetz’ kongeniales Bühnenbild  beschwört, wie Ostermaiers  Dithyramben, die Cyberpunk-Ästhetik der Achtziger, jenes leicht frivole Spiel mit den Reizen von Verfall und Untergang.

Schmelzende Eisschollen auf der Bühne

Da sieht man einen grauen, schrägen Flur mit leeren Türrahmen, und der gesamte Boden dieser Industrieruine ist bedeckt mit dicken, langsam vor sich hin schmelzenden Eisschollen, auf denen die Akteure wackelnd herumstaksen wie in Geröllhalden. Den Gegenpol zu dieser grellsymbolischen Kühlkammer der Gefühle bildet die Feuer-Metaphorik, die den Text durchzieht. Und gelegentlich werden  auch brandgefährlich wirkende Benzinkanister angeschleppt, mal von Phädra, der notorischen Selbstmordkandidatin, die dann als Einzige überlebt, mal von glatzköpfigen Neonazis.

Der Eindruck, dass auch dieses gesamte „Projekt“, das eigentlich ein waschechtes Theaterstück ist, waghalsig zündelt, will sich indes nicht ganz verflüchtigen. Sind die klangvoll hallenden Verse, die erschreckend faszinierenden Bilder, die von der Fremdenhatz erzählen, nicht eine Mythisierung, ja Ästhetisierung von Gewalt und Hass, auch wenn sie inhaltlich ganz deutlich Position beziehen gegen die im Text als „Mob“ auftretenden Rassisten, deren Hass den Flüchtlingen entgegenschlägt? Werden die aktuellen politischen Motive hier nicht nur als effektvolle Schauerkulisse und dramaturgischer Turbolader benutzt? Vielleicht. Aber gleichzeitig wirkt diese Räuberpistole um Intrigen, Mord und Eifersucht, die so unglaublich furios erzählt und gespielt ist, angenehm normalisierend. Dass die Aufreger vom Tage da plötzlich als „griechisch’ Trauerspiel“ daherkommen – dieser auftrumpfend archaisierende Gestus öffnet, gerade weil er letztlich „unpolitisch“ bleibt, überraschend neue Blickwinkel. – Langer Jubel.

Von Alexander Altmann

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