Räumung am Hauptbahnhof - das war der Grund

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Ein hochinteressanter Schauspieler: Sabin Tambrea als Homburg.

Premiere von „Prinz Friedrich von Homburg“ in Berlin

Peymanns letzte Regie-Tat als Chef

Berlin - Die Inszenierung von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ ist Claus Peymanns letzte Regiearbeit als Intendant des Berliner Ensembles. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

„In Staub mit allen Feinden Brandenburgs.“ Das könnte im übertragenen Sinne Claus Peymanns Fluch sein, ausgerufen gegen die Berliner Kulturadministration, die den alten Theaterkracher nach 18-jähriger Intendanz am Berliner Ensemble zum Ende dieser Spielzeit ausmustert. Aber nicht nur ihn. Der andere Alte, der im Sommer gehen muss, ist Frank Castorf von der Volksbühne. Während der dann 66-Jährige sich mit Goethes „Faust“ verabschieden wird (Premiere im März), schlug Peymann, der fast 80-Jährige, schon jetzt auf. Am Freitag hatte im Berliner Ensemble „Prinz Friedrich von Homburg“ Premiere.

18 Jahre war Peymann Intendant des BE

Heinrich von Kleists kurz vor seinem Freitod 1811 verfasste Stück wurde Peymanns letzte Inszenierung, jedenfalls als Intendant an diesem Haus. 18 Jahre war er das, mit wechselhaftem Erfolg. Davor lagen in gleicher Position 13 Jahre Wiener Burgtheater, sieben Jahre Schauspielhaus Bochum, fünf Jahre Staatstheater Stuttgart. Überall Spektakel, immer „Mord und Totschlag“ (das ist der Titel des jüngst im Alexander Verlag erschienenen, so hervorragenden wie amüsanten Peymann-Lebensbuchs), stets viel Ruhm und wenig Ehr’.

Dennoch: Großer Bahnhof bei der „Homburg“-Premiere. Da rauschte an, was Rang und Namen hat in der Hauptstadt. Verbinden sich denn nicht mit dem Etikett Peymann die großen Regie-Meilensteine der Kleist-Dramen „Das Käthchen von Heilbronn“ und „Die Hermannsschlacht“? Freilich in der Erinnerung, denn es ist ja schon so lange her, im vorigen Jahrhundert. Nun würde vielleicht auch der „Homburg“ noch einmal ein Zeichen Peymann’scher Größe werden. Das jedenfalls hoffte man, leider vergebens. So gut wie in seinen unterhaltsamen, schonungslosen und gescheiten öffentlichen Bekundungen, Beschimpfungen und Bekenntnissen zu Politik, Kunst und Gesellschaft ist er als Regisseur schon lange nicht mehr.

Sabin Tambrea spielt die Titelrolle

Claus Peymann

Geblieben aber sind dem noch immer jugendlich wirkenden Betagten die Leidenschaft für neue Texte – Peter Handke, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek sind ohne Peymann kaum denkbar – und die Liebe zu den ganz großen Werken des Welttheaters. Kleists „Homburg“ steht dabei an vorderster Front. Aber was macht Peymann mit diesem Soldatenstück? Er hat einen hochinteresssanten Schauspieler in seinem Ensemble, Sabin Tambrea, dem er die Titelrolle anvertraut: diesen jungen, schlafwandlerisch träumenden General der preußischen Reiterei, der in der Schlacht bei Fehrbellin gegen die Schweden wider den Befehl des Kurfürsten handelt und verfrüht das Signal zum Angriff gibt. Diese Ignoranz bringt ihm den Sieg – und soll ihn doch laut Kriegsgericht das Leben kosten.

Es ist die Dialektik von Gehorsam und freiem Handeln, von Staatsraison und individuellem Tun, von Macht und Gefühl, von Traum und Wirklichkeit, die den Kleist so interessant machen. Weniger geht es hier um den preußischen Militarismus. Dennoch verlegt Peymann den letzten Satz des Stücks, „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“, ängstlich in die Mitte des Dramas und lässt stattdessen das Finale in einer Traumsequenz spielen, in der alle Darsteller in ihrer hässlichen schwarzen und weiß abgesetzten Einheitskluft als gefallene Soldaten, denen das Blut leuchtend rot aus dem Mund quillt, die schräge, ebenfalls schwarze Spielscheibe hinabgleiten (Ausstattung Achim Freyer). Schwarz-weiß-rot – das mag symbolisch deuten, wer will, es wirkt hier nur aufgesetzt. Aber vorher noch schickt Peymann, wie zu Beginn der Aufführung, seinen Protagonisten traumwandlerisch und kunstvoll balancierend auf das mit einem Laserstrahl erleuchtete, von der Bühne über die Zuschauer hinweg bis in den ersten Rang gespannte Hochseil. Und das zum eingespielten Cat-Stevens-Song „If you want to sing out, sing out“.

Solche Dinger mit der Musik, will der Regisseur uns hier wohl sagen, womit die jüngeren Kollegen mit Vorliebe ihre Inszenierungen bestreiten, die beherrsche er schon allemal; so einfach sei es, Stimmung zu erzeugen. Da hat er Recht, der alte Meister. Aber schwer tut er sich dennoch, Kleist pur auf die Bühne zu bringen. Das größte Manko ist der Umgang mit der Sprache. Scheinbar ganz natürlich reden die Schauspieler den Text so weg, anstatt aus seinen komplizierten Satzgebilden den sprachlichen Gestus und damit ihren Inhalt aufzuzeigen. Kurz, sie alle sind der Kleist’schen Künstlichkeit nicht gewachsen, sie können daraus keine Wahrheit schöpfen. Sie können nicht klar machen, worin Größe und Aktualität des „Homburg“ liegen.

Am Ende: respektvoller Beifall

Selbst dem Protagonisten Sabin Tambrea gelingt das nicht, er hat scheinbar keine Zeit, er hat keinen Raum um sich, und Peymann konnte ihm offenbar auch nicht dazu verhelfen. Das gilt ebenso für Antonia Bill als Natalie. Der Einzige, der die Sprache darstellerisch beherrscht, der seine Figur überzeugend und scheinbar mühelos behauptet, ist Roman Kaminski, der den Kurfürsten spielt. Dass Peymann die Rolle des volkstümlichen Obrist Kottwitz mit Carmen Maja Antoni besetzt hat, ist eher als eine Huldigung an diese gestandene, äußerst beliebte Schauspielerin zu werten, als dass es szenisch von Vorteil wäre. Ein Gag, was sonst? Zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Wollen und Können, Mut und Scheitern – so ließe sich diese Regie-Tat umschreiben. Und wenn sich Claus Peymann nicht schon im höheren Alter befände: Ein bisschen Prinz von Homburg war und ist er immer selbst doch auch. Respektvoller Beifall.

Sabine Dultz

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