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Rettung in letzter Sekunde: Minnie (Anja Kampe) bewahrt Dick Johnson (Brandon Jovanovich, re.) vor dem Strang - zum Leidwesen von Sheriff Jack Rance (John Lundgren).

PREMIERENKRITIK

Bayerische Staatsoper zeigt „La fanciulla del west“: Showdown im Zwielicht

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Gespielt wird Puccinis Western-Oper kaum - zu Unrecht, wie diese Münchner Premiere zeigt. Regisseur Andreas Dresen hat dabei vieles richtig gemacht.

München - Rom, 17. Juni 1800 zum Beispiel. Oder „zur Zeit Maria Theresias“. Ein Horror können diese Angaben sein für Regisseure in Verfremdungs- und Aktualisierungslaune. Oder sogar Segen, vertraut man einfach auf Puccinis dezidierte „Tosca“-Vorschrift im ersten Fall und die des Strauss’schen „Rosenkavaliers“ im zweiten. Sich dem Historismus hingeben, ihn nicht als Realismus-Falle begreifen, aus der Spiel-Zeit des Stücks Konfliktlinien entwickeln, fast revolutionär wäre das mit Blick auf die Opernszene heute. Puccinis „La fanciulla del West“ (Cloudy Mountains, 1849) ist auch eine solche Kandidatin, eine sehr gefährliche allerdings: Der Schritt zum Cowboy-Groschenheft ist klein, der New Yorker Met ist das unlängst passiert.

Von daher gesehen hat Andreas Dresen bei seiner Premiere an der Bayerischen Staatsoper vieles richtig gemacht. Einzig Puccinis Goldrausch denkt er sich anders – geschürft wird nicht nach gelben, sondern nach schwarzen Schätzen, nach Kohle. Keine Zeit verschwendet er also ans liebevolle Auspuzzeln von Saloon-Atmosphäre. In karger Düsternis hängt der malerisch beleuchtete Dunst. Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau darf anfangs noch mit Metallträgern, Stacheldraht und Riesenplattform operieren, im zweiten Akt reicht ein Wellblechwinkel als Mini-Zimmer vor Video-Schneetreiben, im dritten gibt’s gar nichts mehr außer einen Mast zu Hinrichtungszwecken. Ein Feuer im Fass oder Lichtkegel aus Taschenlampen, da ist Dresen ganz Theaterpurist, machen schließlich oft mehr Effekt als die heißlaufende Maschinerie.

Anja Kampe mit glühender Präsenz

Ein klassisches Arrangement also für Psycho-Realismus. Doch auch hier überlässt sich Dresen den Kräften des Stücks – was, siehe die dramaturgisch eng verwandte „Tosca“, nicht das Schlechteste ist. Ohnehin ist auch die „Fanciulla“ mit starken Solisten fast ein Selbstläufer. Man spürt, wie Dresen seinen Sängern für viele Szenen ein freundliches „Macht mal“ zugerufen haben muss. Anja Kampe nutzt das als Minnie für eine US-Version ihrer Beethoven-Leonore: eine herbe Herbergsmutter, eine Kerlin inmitten von Machos, die doch so gerne Inniges, Sinnliches zulassen würde. Wie Anja Kampe Minnies Unbeholfenheit verdeutlicht, ihr allmähliches Aufweichen im Angesicht der alt-neuen Männerflamme, das ist intensiv gespielt, vor allem auch gesungen.

In der warmen, fülligen Mittellage, die das Thermometer im Nationaltheater gleich um einige Eichstriche steigen lässt, überzeugt Münchens Publikumsliebling am meisten. Sonst ist vieles mit glühender Präsenz auch ertrotzt. Was kein Nachteil sein muss: Puccinis drei Protagonisten bleibt, bedingt durch die musikalische Kürzelsprache, kaum Raum für Belcanto-Posen. Drei Charaktersänger haben sich da gefunden. Brandon Jovanovich als Dick Johnson, ein Typ aus dem Musterbuch der Lässigkeit, scheint einer Rockband entsprungen. Anfangs singt er beherzt und kontrolliert, später geht er auf tenoralen Eroberungsfeldzug. John Lundgren ist merklich darauf aus, keinen nur schwarzen Sheriff abzuliefern. Sein gegerbter Bariton, den er klug durch Extremlagen manövriert, bietet dafür gute Voraussetzungen, seine uneitle Präsenz erst recht.

Es gibt mächtig was auf die Ohren

Dass Dresen nicht immer zu den Tiefenschichten der Figuren vordringt, merkt man gerade bei Jack. Nach dem zweiten Thriller-Akt ist Lundgren irgendwie vergessen und abgestellt worden. Dafür kommt dieser Solist mit dem Mann im Graben im Vergleich zu den Kollegen besser zurecht. James Gaffigan, man hört es, hat sich in die Western-Partitur verknallt. Für die vielen Tempo- und klanglichen Kulissenwechsel interessiert er sich mit dem wieselwendigen Bayerischen Staatsorchester, für Puccinis überreiche Stoffsammlung, die bei anderen Komponisten für drei Opern gereicht hätte. Das Ergebnis ist eine farbsatte „Fanciulla“-Symphonie mit Vokalbeilage.

Zwei Stunden lang gibt es mächtig etwas auf die Ohren – und auf die Stimmbänder. Anja Kampe und Brandon Jovanovich kämpfen da zuweilen auf ungehörtem Posten. Schade ist das auch, weil die Staatsoper sogar für jede der sogenannten Nebenrollen, angeführt von Kevin Conners als Nick, hyperpräsente Besetzungen aufbietet. Während Gaffigan also mit Puccinis Pathos das Haus sturmflutet, wählt Dresen die Gegenposition: Er ignoriert es weitgehend. Beim (von Puccini herbeigezwungenen) Happy End finden sich Minnie und Dick allein vor dem Vorhang wieder. Auf ihren unschlüssigen Gesichtsausdruck muss Dresen beim Blick in den Spiegel gekommen sein.

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