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Hilfe von sagenhaften Vorvätern erhalten Lohengrin (Eric Laporte, 2. v. re.) und Telramund (Sangmin Lee). Regisseur David Hermann lässt auch Wodan (li.) und Parzival als stumme Stücklenker auftreten.

PREMIERENKRITIK

„Lohengrin“ in Nürnberg: Papas ante Portas

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Sieht aus wie „Game of Thrones“, ist aber viel mehr als nur Fantasy-Spektakel: Nürnbergs „Lohengrin“, bestechend dirigiert von Joana Mallwitz.

Nürnberg - Papa muss es richten. Sohnemann Lohengrin hätte Widersacher Telramund ja schon gegen Ende von Akt eins erstochen. Eine väterliche Kurzintervention verhindert dies. Und auch in Akt drei, nachdem Telramund per Genickbruch zu den Ahnen befördert wurde, lässt Parzival das Argument Notwehr nicht gelten: Telramund wird von den Toten erweckt. Denn meucheln, nein, nein, das tut ein Gralsritter nicht. Aber strafmildernd für Lohengrin ist: Er ist ja das erste Mal außer Haus. In der Gralsburg mit Kelch-Enthüllung und allerlei heiligem Zeug sozialisiert, muss er nun raus in die Realität und Jungfrau Elsa retten. Dass er dabei in politischen Zwist verwickelt wird und von der Dame auch noch seinen ersten Kuss erhält – wer will da Synapsen-Kurzschlüsse verhindern?

Klingt alles nach Persiflage, nach Monty-Python-Variante von Deutschlands schönster Schwanensaga, ist aber nur stellenweise so gemeint. David Hermann folgt da am Nürnberger Opernhaus einer alten Regie-Tradition: dem Pathos-Drama per Ironie die Luft herauszulassen. Mit Jo Schramm (Bühne, Licht, Video) und der wunderbaren Kostümbildnerin Katharina Tasch bedient er sich bei der TV-Serie „Game of Thrones“ und sonstigem Fantasy-Kram. Das funktioniert, weil Richard Wagner ohnehin eine Art Wunsch-Mittelalter beschwor. Und weil Hermann eben nicht im bloßen Ausstattungswitzeln stecken bleibt.

Parzival und Wodan als stumme Handlungslenker

Eine kurzweilige, intelligente Aufführung ist den Nürnbergern da geglückt. Die nimmt Fantasy auch als Folie für eine zutiefst menschelnde Geschichte. Es treten dabei als stumme Figuren auf: Christenkönig Parzival und der gern saufende, eine Sau verspeisende Heidengott Wodan. Als Rivalen und als gern in die Handlung eingreifende, sagenhafte Lenker. Nicht alles ist schlüssig und theatral auf gleicher Höhe. Doch mindestens so gut wie im illustrativen Großformat ist Hermanns Inszenierung in den kleinen Momenten.

Die Verunsicherung Lohengrins beim ersten Kuss (eine Situation, die einst Vater Parzival dank Kundry welthellsichtig werden ließ), die animalisch knisternde Beziehung zwischen Telramund und Ortrud, die dank einer namenlosen Dienerin zum flotten Dreier erweitert wird, vor allem aber das Brautgemach: Die innewohnende, oft aus Versehen entstehende Komik der befangenen Lohengrin-Elsa-Szene wird hier benutzt und ausgespielt. Der Zuschauer schmunzelt, lacht – und versteht.

Die Aufführung arbeitet mit wenigen, dafür umso wuchtigeren Zeichen. Alles spielt sich ab im hängenden Wald aus weißen Stangen, der sich ordnet, sobald der Gralsritter erscheint. Eine so einfache wie famose (und technisch komplizierte) Idee. Innen-/Außenwirkungen werden damit erzielt, Beobachtungen durchs Gitter sind möglich, mal formt sich alles zum Münster, mal wird Lohengrin vom Rest ausgesperrt. Und wenn sich alles wie im Wind bewegt, taugt das perfekt als Schwanenwunder.

Joana Mallwitz zeigt bestechende Kapellmeisterkunst

Dass der Abend so originell und geistreich ist, dafür sorgt auch Joana Mallwitz. Es ist einer der schnellsten „Lohengrine“. Doch nie wirkt das gehetzt oder überstürzt (abgesehen vom explosionsartig losplatzenden dritten Akt). Nürnbergs neue Generalmusikdirektorin zeigt, wie sich Tiefe, Detailfülle und Dichte verbinden lassen mit einem enormen Zug, der das Drama über die Ziellinie und in den Abgrund treibt.

Zu bestaunen gibt es vieles: ein immenses Wissen um die Zutaten der Partitur, um ihr richtiges Mischungsverhältnis, auch um vokale und akustische Möglichkeiten. Gerade der „Lohengrin“ könnte das Haus leicht überfordern. Joana Mallwitz sorgt dennoch für eine Rundung des Klangs, für eine nahezu perfekte Balance von Mikro-Finesse und Makro-Aufriss. Wie sie kleine Straucheleinheiten abfängt, etwa im ersten Finale, das ist bestechende Kapellmeisterkunst. Und wie Staatsphilharmonie und Chor bei alledem mitgehen, das ist ein klingender Liebesbeweis an die Chefin.

Jeder Solist bekommt seine Wohlfühl-Nische: Eric Laporte als Lohengrin mit hellem, lyrisch grundiertem, gut fokussiertem Tenor. Emily Newton mit (etwas mattem) Charaktersopran als wie ein Tier gehaltene, sehr zupackende Elsa. Karl-Heinz Lehner, der den König Heinrich mit grauem Raufaser-Bass wuchtet. Vor allem aber Martina Dike als vokal risikolustiges Ortrud-Biest und Sangmin Lee, der nicht die Flucht nach vorn ins Deklamieren und Forcieren antritt. Endlich ein Bariton, der den Telramund singt, seine Stimme nicht überreizt, sogar ungewohnte Zwischentöne findet. Dass dieser Mongolen-Fürst, vor Kraft und Hormonen strotzend, auf einen Wink Parzivals wiederaufersteht, stückwidrig als Herzog ausgerufen wird und damit Brabant in die Macho-Steinzeit zurückgeworfen wird, passt also. Bei der nächsten Jungfrauen-Rettung wird Lohengrin schon alles richtig machen.

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