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Aussteiger-Paar: Tannhäuser (Stephen Gould) und Venus (Elena Zhidkova) wollen der verknöcherten Theaterwelt entfliehen.

FESTSPIEL-PREMIERE

Bayreuths neuer „Tannhäuser“: Im Land des Lächelns und Weinens

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Dies ist die neue Bayreuther Kult-Aufführung: Regisseur Tobias Kratzer erzählt eine urkomische, bewegende Aussteigergeschichte, während Valery Gergiev enttäuscht.

Bayreuth - Irgendwann hilft nur noch der Anruf des Inspizienten bei der Chefin. Ein Notfall. Drag-Queen, Pussy-Riot-Girl und Kleinwüchsiger entern per Leiter das Festspielhaus, bringen ein Transparent an, stören mit Regenbogenfahne eine „Tannhäuser“-Aufführung, wo ihr Aussteiger-Kumpel wieder aktiv ist und die nach Wolfgang-Wagner-Muff aussieht – da verständigt Katharina Wagner die Polizei. Per Riesen-Video ist das zu sehen, Minuten später stürmen leibhaftige Beamte die Bühne des Festspielhauses. Tannhäuser wird abgeführt, nicht „nach Rom“, wie er zynisch ruft, sondern ins Präsidium.

Als ob sich dieser Zwiespalt wirklich lösen ließe: ein reifer Kerl, der das hehre Hügel-Leben satt hat und in seinem (auch egoistischen) Aussteigerwahn zwei Frauen auf dem Gewissen hat: Elisabeth, deren zweiter Suizid-Versuch am Ende „erfolgreich“ ist. Und Venus, die sich im abgewrackten Citroën-Bus von den Trümmern ihrer Existenz umgeben sieht. Wie schmal der Grat ist zwischen Lebenswunsch und Lebenslüge, auch das sieht man in diesem Bayreuther „Tannhäuser“. Der ist, heftig gefeiert vom durchschwitzten Premierenpublikum, ein Wurf.

Nur vordergründig schildert Regisseur Tobias Kratzer eine Theater-im-Theater-Geschichte. Man verfolgt einen Tenor, der sich drei Sonderlingen anschließt, um im Clowns-Kostüm in die Welt hinaus zu fliehen. Doch was als Roadmovie beginnt, erzählt auch über die wunderbaren Videos von Manuel Braun, der einen tuckernden Bus durch Thüringens Wälder schickt, das wendet sich bald an den Tannhäuser in uns allen. Abhauen, alle Brücken abbrechen, Lösungsvermeidung statt -suche, all dies ist nicht nur Midlife-Krise eines Sängers. Selbstverwirklichung, da wird Kratzer fast moralisch, passiert nur zu leicht auf Kosten anderer.

Selten so gelacht im Festspielhaus

„Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen“, die Parole des jungen Richard Wagners, die immer wieder auf Transparenten durch diese Aufführung geistert, mag gegen verknöcherte Strukturen stinkefingern. Doch die drei Freiheiten zeigen nur eine Richtung, nicht das Ziel. Auch deshalb muss dieser Abend im Nihilistischen enden. Mit einer toten Elisabeth, die sich zuvor eine verkrampfte Sex-Szene mit dem ebensolchen Wolfram gönnte, quasi als letzter Versuch. Mit einer frustrierten Venus. Und mit einem heruntergerockten Helden, der frei ist – aber ohne Ausweg.

Bevor man aber so bewegt wird vom dritten Akt, gibt es viel zu lachen. Tobias Kratzer ist ja im Verbund mit Ausstatter Rainer Sellmaier mehreres: Moralist, Poet, hinterlistiger Komiker und gern auch Showmaster. Die Vorgänger-Inszenierung wird in einer Video-Szene gedisst („Biogas-Anlage mangels Nachfrage geschlossen“), in einem Gang des Festspielhauses, wo Konterfeis der Dirigenten hängen, halten die hinzuerfundenen Figuren jäh inne. Drag-Queen Le Gateau Chocolat verzückt vor Thielemanns Bild, der kleinwüchsige Oskar (Manni Laudenbach) irritiert bei James Levine. In der ersten Pause herrscht zum Amüsement der Besucher Blumenkinder-Atmo am Teich unterhalb des Festspielhauses. Le Gateau Chocolat bittet in immer neuen Fummeln zur Show und röhrt einmal Elisabeths Hallen-Arie.

Kratzers grandiose Aufführung beweist auch: Sogar Stars machen da mit, wenn man ihnen intelligent begegnet. Stephen Gould, der schon über 100 Tannhäuser durch seine nimmermüde Kehle schickte, war wohl noch nie so gut. Den aufgekratzten Aussteiger nimmt man ihm ab, den bockigen Rückkehrer und den verzweifelten Penner – nicht nur darstellerisch, sondern auch vokal. Für jede dieser Tannhäuser-Momente findet Gould einen eigenen Klang. Und man weiß nicht, was mehr imponiert, die Trotztöne des zweiten Akts oder die in Fahlfarben gesungene Rom-Erzählung des dritten.

Im Frust verbunden sind Elisabeth (Lise Davidsen) und Oskar (Manni Laudenbach).

Lise Davidsen, Hoffnungsträgerin bei Wagner und Strauss, macht den Niedergang Elisabeths nur darstellerisch plausibel. Ihr Sopran ist eine Wucht, aber auch nicht mehr. Was (noch) fehlt, ist die genaue Text- und Nuancenbehandlung, dazu das Empfinden, wie man aus diesen schier unerschöpflichen Mitteln das Passende destillieren kann. Einspringerin Elena Zhidkova hat sich als Venus schnell in Kratzers Konzept eingefühlt. Dass sich das Flippige, Überdrehte widerspiegelt in ihrer Stimme, könnte man als Charakterporträt durchgehen lassen. Stephen Milling singt den Landgrafen mit Ebenholz-Timbre, Markus Eiche ist ein wohltuend unsentimentaler Wolfram – der in Akt drei hörbar aufs Tempo drückt.

Gergiev dirigiert den Sängern hinterher

Unten ist nämlich Valery Gergiev mit dem Zelebrieren von Wagners Lyrismen beschäftigt. So schön findet der Hügel-Neuling manche Stellen, dass die Deutung rettungslos erschlafft. Gergiev hangelt sich von Episode zu Episode, ist im dramatischen (manchmal brutalen) Aufrauschen gut, dirigiert aber nie aus der Draufsicht. Das Gefühl für die Tempo-Architektur und die Aggregatszustände dieses so disparaten Wagner-Stücks entgehen ihm. Schmisse gibt es nicht, wohl aber fehlenden Kontakt zu den Sängern, denen Gergiev im zweiten und dritten Akt hinterherdirigiert.

Gewollt oder Zufall: Tobias Kratzers „Tannhäuser“ reiht sich ein in eine Bayreuther Dramaturgie. Ob Stefan Herheims „Parsifal“, Katharina Wagners „Meistersinger“ oder Barrie Koskys „Meistersinger“ – immer geht es auch um die Selbstbespiegelung dieses seltsamen oberfränkischen Kraftfelds. Kratzers Meisterstück aus dem Land des Lächelns und Weinens bildet dazu das Scherzo: weil es das Politische, Gesellschaftskritische nicht als Großentwurf vor sich herträgt, sondern alles im (scheinbar) Kleinen, in berührenden Figuren findet. Von einer einzigen Idee wird diese Inszenierung getragen, die Kratzer stringent und virtuos entwickelt. Woran dieser Regisseur während der kommenden Jahre in der „Werkstatt Bayreuth“ schrauben will? Vielleicht am Video mit Katharina Wagner. Am besten, sie ruft im Dirigenten-Notfall gleich bei Thielemann an.

Informationen:
Alle Aufführungen sind ausverkauft; den Video-Mitschnitt gibt es online auf www.br-klassik.de; 3sat zeigt am 27. Juli, 20.15 Uhr, die Aufzeichnung der Premiere.

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