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Nur eingefrorene Oratorienästhetik bietet diese Produktion, hier eine Szene mit (v.li.) Alex Esposito (Assur), Joyce DiDonato (Semiramide) und Daniela Barcellona (Arsace).

Premierenkritik

„Semiramide“ im Nationaltheater: Nachts im Museum

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München - Regisseur David Alden kehrt nach elf Jahren mit Rossinis „Semiramide“ an die Bayerische Staatsoper zurück. Die Inszenierung bleibt hohles Imponiergehabe, dafür gibt es die beste Sängerbesetzung seit Langem zu bestaunen.

Ein Krokodil, nur so als Hinweis an die Bayreuther Festspiele mit ihrem aktuellen „Ring“, hatten die Münchner längst vorher. 1994 war das, ein kieferklapperndes Riesending, das sich zur „Tannhäuser“-Ouvertüre in die Szene schob. Die erste, heftig befehdete Regietat David Aldens an der Bayerischen Staatsoper war das. Was für ein Auftakt zu einer schrägen, schrillen Serie, die Oper – ob Händel, Verdi oder Wagner – vor allem als eines begriff: als bilderflutende, intelligent unterfütterte bis freche Unterhaltung. In Rekordtaktung schüttelte Alden Produktionen aus dem Ärmel, so lange, bis da kaum mehr was war. Und jetzt, elf Jahre nach seiner letzten hiesigen Aufgabe, ist er zurück und schüttelt wieder. Doch wie misslich – da kommt immer noch nichts.

Zugegeben: Gioachino Rossinis „Semiramide“ ist eine heikle Sache. Sagenhafte Staatsaktion trifft auf verknäultes Beziehungsgeflecht. Und die einzigen beiden Liebesduette, terzenselig und herzerwärmend, sind reif für den Ödipus-Komplex: Sie werden von Mutter und Sohn intoniert. Alden ist mit seinem gewohnten Team zu dieser Comeback-Premiere angetreten. Bühnenbildner Paul Steinberg, Kostümbildnerin Buki Shiff, sogar Beate Vollack, die für wenige Minuten verzichtbare Pantomime im Programmheft unter „Choreographie“ geführt wird. Rossinis „Melodramma tragico“ verlegen sie ins flexible Riesenzimmer eines Schurkenstaats. Bräunlicher Furnierschick und Heldenverehrung, ob mit Führer-Denkmal oder Diktatorenfamilien-Fotos vor blumiger Landschaft, schmecken dabei schwer nach Asia-Kost.

Zahmes Nordkorea-Grusical

Alden & Co. denken sich „Semiramide“ als Nordkorea-Grusical. Als teils surreal erzählte Geschichte, in der sich Zeitlupenaktion wie schleichendes Gift übers Geschehen legt. Und sie haben im Grunde Recht. Die Rituale solcher Staaten, das Pathos, die Propaganda, all das birgt Elemente der Lächerlichkeit, der Parodie. Doch Alden, das offenbart der überlange Abend immer mehr, ist nicht nur zahm, sondern auch leer geworden. Die Giga-Bühne bleibt hohles Imponiergehabe, das Politisierte Behauptung. Wer nicht auf eigene Ausstrahlung bauen kann, ist verloren: Das Personal starrt mangels Beschäftigung ins Auditorium, und von dort wird, in Erwartung einer Aussage, zurückgestarrt. Manchmal freut man sich sogar über Kleinigkeiten, etwa darüber, dass Assur die Führerstatuette seines Schreibtischs mit dem Schneuztuch poliert. Und als die Figuren einmal im historischen Gewand posieren, wirkt das nicht wie Beschwörung alter Größe, sondern wie nachts im Museum.

Aber vielleicht hatte das Haus ja anderes im Sinn. Wer eine solche Besetzung engagiert, darf ihren Hauptjob nicht stören. Zu bestaunen gibt es im vokal besten Staatsopern-Team seit Langem die hohe Kunst des dramatisch motivierten Ziergesangs. Kein einziger dieser Spitzenligasolisten stellt irgendetwas aus oder begreift den Abend als Einladung zum Narzissmus. Der Bogen spannt sich von Lawrence Brownlee (Idreno) mit seinem feinen, exquisit geführten, lehrbuchhaft ausgeglichenen Tenor bis zum veristisch gelaunten Alex Esposito (Assur). Dessen Stimme hat einige Gran Erz gewonnen, bleibt aber geschmeidig und konturiert. Esposito, in München meist mit Leporello oder Papageno abgespeist, dringt damit auf eine andere Ebene vor – dorthin, wo große Fachvorgänger wie Samuel Ramey oder Ruggero Raimondi ihre Erfolge feierten.

Die Titelrollen-Diva muss sich behaupten

Überhaupt kommt es in dieser Aufführung zum höchst wünschenswerten Effekt. Die Titelrollen-Diva überstrahlt nicht den Rest, sondern muss sich sogar behaupten. Joyce DiDonato gestaltet bei ihrem Rollendebüt – und mutmaßlich in Eigeninitiative – eine Semiramide, deren Hoheit nur Panzerung ist und einen zerrissenen Charakter tarnt. Rossinis Zierrat lädt sie mit Dramatik und Bedeutung auf, eine Vertreterin lieblichen Schöngesangs war die US-Amerikanerin ohnehin nie. Dass sich schon herbstliche Verhärtungen in ihrem Mezzo abzeichnen, stört kaum, sollte aber kleines Warnzeichen sein – nicht jeden Spitzenton braucht es tatsächlich. Daniela Barcellona, glaubhaft als abgekämpfter Riesenkerl ausstaffiert, bietet mit ihrer weicheren, nicht minder flexiblen und nuancenreichen Stimme den Gegenentwurf zu DiDonato: Wer ein solches Paar auf der Bühne hat, der hat schon die Dreiviertelmiete.

Elsa Benoit (Azema) wurde bedauerlicherweise die Arie gekürzt, Simone Alberghini muss als hohlwangig singender Oroe bedeutungsvolle Gesten ausführen, der Staatsopernchor gefriert gleich ganz zu Oratorienmasse. Immerhin gibt es dafür Hochpräzises zu hören – und ungewohnt Vielschichtiges: Dirigent Michele Mariotti, als Sohn des langjährigen Intendanten im italienischen Pesaro mit Rossini genetisch geprägt, hinterfragt die Motorik dieser Musik. Schon in der Ouvertüre, gern als Wunschkonzertkracher missbraucht, gibt es Überraschungsmomente: weiche, kantable Bögen, viele klug hervorgehobene Details – und das setzt sich fort.

Nichts ist in Mariottis Interpretation mit dem reaktionsstarken, klanglich noblen Bayerischen Staatsorchester nur beiläufig, nichts rattert einfach durch. Während oben das Geschehen vereist, beweist der 37-Jährige, wie sehr sich Rossini mit seiner letzten für Italien geschriebenen Oper musikdramatischen Dimensionen nähert. Das Orchester ist wissender, als es manch anderer Taktgeber glaubt: Auch im Belcanto, obwohl das die Alte Musik für sich reklamiert, ist also Klangrede möglich. Andernorts hat Mariotti schon mit Verdi, Meyerbeer oder Mozart reüssiert, München müsste jetzt zugreifen. Repertoire-Dirigenten, von denen man sich trennen kann, gibt es schließlich genug.

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