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Beobachtet von den Geistern der Vergangenheit: Die Achrossimowa (Martina Dike, li.) weist Natascha (Eleonore Marguerre) zurecht

OPERNPREMIERE

„Krieg und Frieden“ in Nürnberg: Mütterchen Russlands neue Kleider

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Ein Orchester, das wie ausgewechselt klingt. Eine Prokofjew-Inszenierung, die rundum überzeugt: Nürnberg startet in eine neue Zeit.

Nürnberg - Auf den Fernsehschirmen läuft ein Magazin. „Tagesthemen“ auf Russisch oder so. Ein Moderator, Bilder von Kämpfen, auch ein Mann mit Dreispitz wird interviewt – Napoleon live zugeschaltet? Man sieht es nicht genau, allerhöchstens bis zu Parkettreihe fünf, und muss es vielleicht auch nicht. Weil das im Grunde ganz symptomatisch ist für diesen Abend, an dem das große, geschundene Mütterchen Russland beschworen wird, das über die Jahrhunderte hinweg ständig in neue Kleider schlüpft, aber doch immer dasselbe Wesen bleibt. Wozu also Aktualisierung mit dem Zaunpfahl? Uns schwant auch so Übles genug.

Schon Sergej Prokofjew waren, als er sich Leo Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ zur Veroperung vornahm, die Parallelen zu seiner Jetztzeit sehr bewusst. Zum Wohlgefallen Stalins nutzte er das auch. Der Überfall Napoleons, komponiert bei der Invasion von Hitlers Truppen, gebar ein heute irritierendes Pathos. Und natürlich hört und liest man all die Autokraten, die Kontinuitäten der Upperclass, die heute aus Oligarchen besteht, mit bei diesem Riesendrama. Kein Putin, kein Medwedew, und doch sind sie alle präsent in dieser Aufführung, mit der das Staatstheater Nürnberg in eine neue Zeit startet.

Politische Produktion ohne Konzeptdruck

Ein Kunststück also, das Jens-Daniel Herzog, dem neuen Intendanten, da geglückt ist. Eine immense Motivationsarbeit für ein wie frisch erwachtes Haus muss dahinterstecken. Und dies für eine zutiefst politische Produktion, die ohne jeglichen Konzeptdruck auskommt. Dass sich die verdorbene, um sich kreisende, sinnsuchende Adelsgesellschaft zu Zeiten Tolstois von den überdrehten Tussendisko-Bewohnern von heute wenig unterscheidet, ahnt schließlich auch der Opernnormalbesucher.

Herzog zeigt Kontinuitäten, ohne sie auszustellen. Behutsam und klug gekürzt wurde dafür vor allem im zweiten (Kriegs-)Teil. Das Riesenopus präsentiert sich nun in dreieinhalb Stunden mit Pause. Eine Produktion zudem, die Charaktere bis in die Minipartien plastisch macht. Nicht nur der an Leben und der Liebe verzweifelnde Fürst Andrej, seine angebetete Natascha, ihre Freier Pierre und Anatol, auch Kurzzeitrollen haben Tiefenschärfe. Souveränes Handwerk kann man da in Nürnberg bestaunen auf der rohen, immer wieder neue Räume eröffnenden, mit simplen Elementen auskommenden Einheitsbühne von Mathis Neidhardt. Eine dicht inszenierte, defätistische schwarze Revue. Der Krieg, von dem sich diese entleerten Gestalten (Kostüme: Sibylle Gädeke) die Lösung erhoffen, ereignet sich als schmucklose Groteske ohne Ausweg, einmal detonieren Bomben im Takt der Musik.

Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz als neue Zentralgestalt

Die Natascha von Eleonore Marguerre ragt als emphatisches Lichtwesen aus dieser Welt heraus. Und wie Zurab Zurabishvili das Gebrochene von Pierre hör- und erfahrbar macht, wie Tadeusz Szlenkier seinen Anatol als schmieriges, (zu) spätes Kind gibt, wie Jochen Kupfer seinen Andrej singt und spielt als einen Fremdkörper, der mühevoll um Haltung ringt, all das ist mehr als eindrücklich. Dazu noch Sangmin Lee (Napoleon), Nicolai Karnolsky (unter anderem als russischer Oberbefehlshaber Kutusow), Katrin Heles (Sonja) und die vielen anderen Ensemblemitglieder – unmöglich, all diese punktgenauen Miniaturen zu würdigen.

Der Einbruch der Masse, ob Volk oder Soldateska, ereignet sich wie eine Naturgewalt. Der Chor singt das nicht nur so, auch im Spiel sind die Sänger stark gefordert und bleiben bemerkenswert präzise. Bedanken dürfen sich dafür alle bei einer Zentralgestalt, der neuen Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz. Es scheint, als habe Nürnberg mal eben seine Musiker ausgetauscht. Die Staatsphilharmonie spielt wie ausgewechselt. Die Gegensätze in Prokofjews Partitur, das Fratzenhafte, die ätherische Utopie, der vieldeutige, immer wiederkehrende Walzer, auch die Süffigkeit à la Puccini, der Brachialmoment, all das wird von Joana Mallwitz nicht nur herausgearbeitet, sondern souverän verbunden. Man staunt über die Flexibilität und die Reaktionsstärke aller Mitstreiter, und das bei dieser wuchernden Partitur. Selten hat man einem Haus den Neustart so deutlich angehört.

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