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Gefangen in einer Klinik und in den eigenen Traumata: Gerda (Barbara Hannigan) und Kay (Thomas Gräßle, hinten).

PREMIERENKRITIK

„The Snow Queen“ an der Bayerischen Staatsoper: Puccini on the Rocks

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Kühle Kulinarik, mehr Illustration als doppelter Boden: Das ist „The Snow Queen“ von Hans Abrahamsen. Die Produktion an der Bayerischen Staatsoper ist anfechtbar. Hier die Premierenkritik.

„Tock – Tock – Tock“, singt Opa ganz langsam. Rechts sitzt er weinend am Bühnenrand, die mitgebrachten Blumen sind seiner Hand entglitten. Ein totes Kind betrauert er. „Tock, tock, tock“, immer wieder, während die Musik flächiger, breiter wird und ein letztes Mal auszuatmen scheint. Was etwas in die Irre führt – in dieser Partitur tickt und tockt es schließlich ständig und überall, nur bekommt man das als Erstkonsument kaum mit. „The Snow Queen“ von Hans Abrahamsen, das ist nicht nur die Veroperung eines Märchens von Hans Christian Andersen, sondern groß angelegter Hörbetrug im besten Sinne.

Mitte Oktober kam Abrahamsens 100-Minüter in Kopenhagen heraus und wurde teilweise mit gemischten Gefühlen aufgenommen (Handlung siehe unten). Die Premiere der englischen Fassung an der Bayerischen Staatsoper bestätigt dies nun. Was dem Dänen geglückt ist: eine extrem elaborierte Partitur, die sich aus der Farbpalette eines Riesenorchesters bedient. Es ist ein Fest für Analyse-Nerds. Abrahamsen arbeitet beim Komponieren mit Stoppuhr. Und er fügt so spitzfindig wie behutsam Miniaturereignisse, sich wandelnde Motiv-Bausteine, Dreiklang-Prozesse und Untersuchungen des Reibungswiderstands von verschiedenen Klangmomenten zum hochkomplexen Ganzen zusammen.

Hans Abrahamsen liebt die menschliche Stimme

Was wir dabei hören: eine oszillierende Flächigkeit, Wiederholungspassagen, in denen die Minimal Art eines Philip Glass widerhallt, ein soghaftes, schillerndes, glitzerndes Etwas, an dem sich der Hörer verkühlen kann – Abrahamsen macht tatsächlich Kälte hörbar. Vieles ist tonal, lehnt sich an ans Intervall der Quinte. Und gleichzeitig ist alles sehr kantabel: Der Däne liebt die menschliche Stimme so sehr, dass er ihr kaum Extremlagen zumutet. Dafür bettet er sie ein in harmonische Zusammenhänge oder lässt sie sogar von einem Instrument colla parte stützen. „The Snow Queen“, das ist Puccini on the Rocks.

Verstörend ist dies keinesfalls und damit kompatibel für ein Haus der Kulinarik wie das Münchner. Trotzdem erschöpft sich diese Partitur auch in ihren Mitteln. Es gibt zwar Riesen-Crescendi am Ende des ersten Akts und im dritten, in dem sich das Geschehen aufbäumt und verdichtet, auch Burleskes, mit dem Abrahamsen von Zeitlupe auf schnellen Vorlauf schaltet. Doch hat seine feinsinnige Trance-Kunst ein Problem: Sie bietet kaum Fallhöhen und kreist um sich selbst.

Anders als bei Abrahamsen ist bei Andreas Kriegenburg schon nach 30 Sekunden klar, worauf der (seltsamerweise von einer Pause unterbrochene) Abend hinauswill. Für Andersens rätselhaftes Märchen übers Erwachsenwerden, über Identitätsfindung und auch Erotisches greifen der Regisseur und Bühnenbildner Harald B. Thor in die Mottenkiste: Alles spielt in einer Klinik. Kay ist gleich verrückt, diese Rechnung war beiden dann doch zu simpel, also gibt es surreale Brechungen, dazu Figurenverdoppelungen, die sich Kriegenburg von der Psycho-Couch des Kollegen Claus Guth abgeschaut hat. Doch die Dreifachbödigkeit ist über weite Strecken nur behauptet, die Konkretisierung tut Stück und Inhalt nicht gut.

Eine Oper für Barbara Hannigan

Kay fristet hier in Gestalt des Schauspielers Thomas Gräßle ein Dasein als stummer Patient, den Gerda aus einem Trauma ins Leben zurückschütteln will. Barbara Hannigan, für die „The Snow Queen“ auch geschrieben wurde, spielt das mit einer solchen Intensität, dass es fast keinen Gesang gebraucht hätte. Oft lässt Abrahamsen sie in tiefen Regionen deklamieren, was dem Sopran der Hannigan ungenügend Raum verschafft. Besser wird es, wenn die Kanadierin ab der oberen Mittellage agieren darf und ihre delikat-virtuose, passend kühle Kunst entfaltet.

Wunderbar kontrastiert dazu der warme, reiche Mezzo von Rachael Wilson als singender Kay. Die Schneekönigin ist bei Abrahamsen ein Mann: Peter Rose gibt mit textprägnantem Bass sowohl diesen bösen Onkel im Smoking als auch das aufgekratzte Rentier und den Sekunden zählenden Großvater am Schluss. Sie alle inklusive Chor können sich auf den Mann am Pult verlassen. Cornelius Meister, der Stuttgarter Generalmusikdirektor, muss eine gewaltige Hirn-Anstrengung hinter sich haben. Weite Teile der Riesenpartitur dirigiert er fast auswendig, ist mit Blicken und Einsätzen bei Sängern und Musikern. Weniger Lotse ist Meister (was bei Abrahamsens Werk schon Arbeit genug wäre), sondern ein freundlicher, die Klänge kundig abschmeckender Animateur.

Er und das Bayerische Staatsorchester sorgen dafür, dass viele Details nicht nur Fest für Partiturenleser, sondern sinnlich erfahrbar sind. Die Plastizität des Klangs ist das eigentliche Ereignis dieser Aufführung, die Kriegenburg in der Pathologie enden lässt und in einem munteren Krankenbesuch zwischen rollenden Betten. Happy End oder Totentanz, das wird offengelassen. Abrahamsens Musik hat alles glücklicherweise überlebt.

Die Handlung:
Der Zerrspiegel des Teufels ist zerbrochen. Wer einen Splitter ins Auge oder ins Herz bekommt, sieht das Schlechte und fühlt die Kälte. Kay wird von Splittern getroffen, er verhöhnt seine Freundin Gerda. Die Schneekönigin nimmt Kay mit in den Eispalast. Dort vergisst er, woher er stammt. Gerda sucht ihn und begegnet geheimnisvollen Wesen, unter anderem der Krähe. Die bringt Gerda ins Schloss von Prinzessin und Prinz, Letzterer ist nicht wie vermutet Kay. Später erzählt die Finnenfrau Gerda alles über Kay. Gerda findet ihn, beide weinen. Durch die Tränen wird Kay von den Splittern befreit. Als sie nach Hause zurückkehren, sind sie erwachsen geworden.

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