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Kartenspiel mit tödlichem Ausgang: Hermann (Brandon Jovanovich, re.) wird die Pik-Dame gezeigt, auf die er versehentlich gesetzt hatte.

Festspiel-Premiere

Salzburger „Pique Dame“:  Seelenschau in der Todeszone

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Klischeefreies Dirigat und eine penible, mehrfach gebrochene Stückbefragung: Mariss Jansons und Hans Neuenfels bringen „Pique Dame“ in Salzburg heraus.

Salzburg - Eine Liebesszene gibt es tatsächlich. Ein Ertasten ist das zunächst, ein immer intensiveres Fühlen, Schmiegen, Klammern. Größer wird dieses Begehren, was keinen wundert: Es ist wohl der letzte Mann, den die alte Gräfin umgarnt – was für Hermann, dem offenbar selten solche Nähe zuteilwird, die Sache umso irritierender macht. Überhaupt die Kerle. Beziehungsgestört trifft es nur unzureichend, was hier gezeigt wird. Entweder sie suhlen sich wie Hermann in ihrer Larmoyanz, wälzen sich kindlich-selbstmitleidig am Boden. Oder sie imaginieren wie Fürst Jelezki ihr künftiges Großfamilienglück mit der Gebärmaschine an ihrer Seite.

Beide Male geht es um Lisa. Eine Ausgebootete, Unverstandene, Missbrauchte. Auch eine Angebetete, Unberührbare, obwohl sie sich doch so sehr nach Nähe sehnt. Bei Alexander Puschkins literarischer Vorlage ist das schon so, erst recht in Peter Tschaikowskys „Pique Dame“. Und wie Hans Neuenfels das im Großen Festspielhaus zeigt, in einer diffizilen, hintergründigen Choreografie, das kann man schon mit „altmeisterlich“ umschreiben. Nur: Das trifft die Sache sehr unzureichend.

Die einzige echte Liebesszene spielt sich zwischen der Gräfin (Hanna Schwarz) und Hermann (Brandon Jovanovich) ab.

Tatsächlich ist dies der Mann, der den Salzburger Festspielen vor 17 Jahren einen prolligen „Fledermaus“-Skandal bescherte. Jetzt ist er zurück – und wird fast ausnahmslos gefeiert. Das Symbolhafte, die lustvolle Brechung von Opernpathos ist geblieben. Doch das Krawallige, grenzwertig Überzeichnete ist weg, ersetzt durch eine Genauigkeit, durch ein penibles Durchführen der Ideen. Der Regisseur trifft sich da mit dem fast gleichaltrigen Dirigenten: Hans Neuenfels und Mariss Jansons, da haben zwei Könner sehr spät zueinander gefunden.

Für Jansons ist es einer der raren Einsätze im so geliebten Operngenre. Er dirigiert seine dritte „Pique Dame“ nach konzertanten Abenden in München und einer szenischen Produktion in Amsterdam. Ein Verfeinerungsprozess ist zu verfolgen, ein Wegbewegen vom Tschaikowsky-Klischee. Wo alle Welt immer von „russischer Sääle“ raunt, führt Jansons vor: Damit ist nicht die saftige Geste gemeint. Mit den wachsweich folgenden Wiener Philharmonikern glückt dem Dosierungskünstler eine „Pique Dame“ der Verinnerlichung, der zarten Brechungen, der behutsam ausgebreiteten Detailfülle. Keine Überwältigungsmusik ist das, sondern klug erfühltes, souverän disponiertes Seelendrama.

Mariss Jansons öffnet die Ohren für Zwischenfarben

Natürlich gibt es große Momente. Doch auch da: keine Überzeichnung, keine Überspitzung, dafür ein abgetöntes Klangbild, zugleich eine Trennschärfe, die Ohren öffnet für die Zwischenfarben Tschaikowskys, wo andere nur auf Neontöne aus sind. Das passt umso mehr, weil oben keine vokalen Großkaliber stehen. Zum Beispiel Evgenia Muraveva, der man die lyrische Vergangenheit deutlich anmerkt, die aber ihren Sopran auf Tschaikowsky-Dimension weiten und stabilisieren kann. Igor Golovatenko ist als Jelezki pure, raumgreifende Noblesse, Vladislav Sulimsky tut es ihm als Tomski nach, dies sogar eine Umdrehung viriler.

Eine der heikelsten Tenoraufgaben ist Hermann. Brandon Jovanovich macht auch hörbar, was diesen Antihelden zerreißt. Das Auffahrende, die Zerknirschung, das Sich-im-Weg-Stehen nimmt man ihm ab, auch das Dramatische, das nur Behauptung und Kurzzeitausbruch ist. Und alles ist immer kontrolliert, eingebunden in die Gesangslinie – ein Stilist mit erheblichen Reserven. Die größte Ovation heimst freilich Hanna Schwarz als Gräfin ein. Ihrer Langzeitkarriere ist das geschuldet und auch, dass Neuenfels sie für sich als Muse entdeckte. Eine braucht er ja immer, Gattin Elisabeth Trissenaar ließ sich hier beim besten Willen nicht einbauen.

Bestechendes Handwerk von Hans Neuenfels

Die Schwarz zeigt die Gräfin als zu spätes Girlie. Eine grelle Mischung aus Mireille Mathieu und Katja Ebstein mit der Alterswürde der allwissenden Verführerin. Den Herztod nach gescheiterter Hermann-Bezirzung erleidet sie im Krankenzimmer, wo sie ihre Perücke mit der Pagenfrisur abgelegt hat, sich gleichsam schutzlos preis- und hingibt. Wenn sie sich Hermanns Pistole in den Mund führt, wird das zum erotischen Moment. Es ist die einzige Szene, für die Neuenfels und Bühnenbildner Christian Schmidt das Einheitsbild eines abweisend graublauen Riesenkabinetts verlassen. „Pique Dame“ wird von Neuenfels heruntergekühlt auf eine schmucklose, stilisierte Morbidezza, aus der Hermann in der Uniform eines Zirkusdirektors nur umso stärker heraussticht.

Der Tod ist allgegenwärtig. Ob in den bleichen Gesichtern der Solisten, den düsteren Kostümen des Chores (Reinhard von der Thannen) oder beim Auftritt der Zarin, hier ein fetischhaft verehrtes Skelett. Nicht um Sonderling Hermann kreist diese Geschichte (auch wenn er das so sieht), sondern um Lisa. Bei Neuenfels ist sie der einzige Normalo mit echten Gefühlen in einem Figurenzirkel, der das Karikaturenhafte streift. Genau dies ist ein Coup des Regisseurs: Die zotteligen, animalisch-sibirischen Pelzmäntel von Hermanns falschen Freunden, die nuttige Polina, die oft revuehaft geführten Chöre, all das ist nur ein Stück weit ins Zerrbild getrieben.

Neuenfels führt, im Grunde ein Paradox, Typen mit Tiefenschärfe vor. Der Abend tänzelt zwischen Psycho-Realismus und einem distanzierenden Als-ob. Umso schärfer, stringenter wird der Gehalt des Stücks herausmodelliert. Und das mit bestechendem Handwerk: Jeder Auftritt, jedes per Laufband hereingefahrene Detail, jede Interaktion, jede szenische Balance stimmt. Selbst wer das Konzept ablehnt, muss sich vor dieser Regie-Kunst verneigen. Drei Salzburger Opernpremieren bislang, und jede wurde auf ihre Weise ein Erfolg. Was für ein Festspielsommer.

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