FRÜHJAHRSFESTIVAL

Tschaikowsky-Coup von Serge Dorny in Lyon: Fragt nicht nach dem Warum

Ein Regie-Kandidat für die Bayerische Staatsoper ist Andriy Zholdak, der für die „Zauberin“ eine surreale Theatersprache entwickelt hat.

Alles, was Serge Dorny an seinem Noch-Opernhaus Lyon bietet, steht unter München-Verdacht. Auch dieser Regie-Coup mit einer unbekannten Tschaikowsky-Oper.

Lyon/ München - Irre oder Hexe, im Macho-Kosmos Oper bleiben den Frauen kaum mehr als diese beiden Etiketten. Zerbrechen sie an der Männerwelt, müssen sie sich wie Lucia di Lammermoor in ihr Innerstes zurückziehen. Begehren sie dagegen auf oder werden sie gar dominant, ist gleich – auch gönnerhaft – von Luder oder Magierin die Rede. Alcina heißen sie dann, Carmen oder Nastasia, genannt Kuma. Letztere hat’s schwer gegen ihre Schwestern im Geiste, obgleich doch Tschaikowsky ihre Geschichte für seine beste Oper hielt. „Charodeika“ (Die Zauberin), 1887 in St. Petersburg uraufgeführt, kennt fast keiner. Und sehr viel spricht dafür, dass sich das ab sofort ändert.

Operncoup, das sagt sich so schnell. An der Oper Lyon, deren Intendant Serge Dorny mitten in den Planungen für seinen nächsten Arbeitsort Bayerische Staatsoper steckt, hat sich solches ereignet. Schauplatz ist das Frühjahrsfestival, für das Dorny traditionell drei Produktionen bündelt. Heuer ist das Purcells „Dido and Aeneas“, von Regisseur David Marton unter Mithilfe des E-Gitarristen Kalle Kalima und Diseuse Erika Stucky zur abendfüllenden, auf einer Ausgrabungsstätte spielenden Wirrnis aufgebläht. Dazu das Gastspiel von Monteverdis „Ulisse“ in der Version von William Kentridge samt Handspring Puppet Company. Plus eben besagter Tschaikowsky.

Das muss man gehört und gesehen haben

Dorny vertraut dazu auf den Ukrainer Andriy Zholdak. Der ist mittlerweile Wahl-Berliner und fühlt sich Frank Castorf verbunden. Das sieht man, wobei Zholdak einen dritten Weg wählt zwischen den simultan spielenden, oft mit Live-Videos gezeigten Spielebenen Castorfs und der sinnlichen Assoziationswut eines Stefan Herheim. Und da gerade jede Lyon-Tat Dornys auf mögliche Münchner Folgen ab September 2021 abgeklopft wird: Gewiss ist nach dem Erfolg Zholdak ein Regie-Kandidat für die Isar. Wobei Dorny diesbezügliche Fragen weglächelt – solch aufwendige Produktionen ließen sich doch fast nur im Stagione-System wie in Lyon oder im Festivalrahmen verwirklichen, gibt er zu bedenken.

Tschaikowskys Heldin führt ein Trink- und Erotik-Etablissement. Ihr Angebeteter ist Prinz Juri, verehrt wird sie auch von dessen Vater Fürst Nikita. Die Fürstin findet das weniger gut und vergiftet die Nebenbuhlerin. Zu allem Überfluss tötet der Fürst seinen Sohn, um am Ende wahnsinnig zu werden. Die Kurzfassung suggeriert Dauer-Hysterie aus Absurdistan. Tschaikowsky glückt aber mit einer Partitur zwischen Farbexplosion und herzangreifenden, weiträumigen Lyrismen ein dreieinhalbstündiges, fein ausgehörtes Familien- und Gesellschaftsporträt.

Man muss das gehört haben und auch gesehen. Keine Märchenwelt zeigt Zholdak, sondern die St. Petersburger Upperclass von heute. Aber auch keine lineare Erzählung gibt es. Auf Bühnenwagen zwischen gotischer Kirche, Schicki-Salon, Mädchenzimmer und Kaschemme, stets verschoben und neu gruppiert, werden Bilder aus dem Unbewussten oder aus den Tiefen einer zweiten bis dritten Bedeutungsebene emporgespült. Inmitten Fürstenratgeber Mamirow (Piotr Micinski), der als Priester durchs Geschehen teufelt und gern 3-D-Brille trägt: Diese Welt ist seine Imagination, das Werk seiner Begierden und Lüste.

München bekommt einen „Rigoletto“ von Axel Ranisch

Dass manchmal die Grenze zur Konfusion überschritten wird, ist Programm – und mit überwältigender Präzision durchgeführt. Ein surreales Theater der Scheinheiligkeit, ein Kaleidoskop der Einsamkeit, der uneingestandenen und (scheinbar) krankhaft ausgelebten Emotionen. Man muss sich dem hingeben, sich mitspülen lassen: Erkenntnis ist hier nicht das Ergebnis simpler Fragen nach dem Warum und Wie. Dazu dirigiert Danielle Rustioni einen Tschaikowsky al secco. Klar, auf Kante, mit entschlackter Emotionalität und heißlaufenden Folklorismen. Dramatisch glühende, sich entäußernde Sänger erfordert „Charodeika“, Lyon hat sie alle – ob Evez Abdulla (Fürst Nikita), Migran Agadzhanyan (Prinz Juri) oder die grandiose Elena Guseva (Kuma).

Wieder, wie zum Beispiel beim letztjährigen Festival-Verdi mit „Don Carlos“ in der Regie von Autor und Filmemacher Christophe Honoré (und nicht zuletzt beim jungen Chefdirigenten Rustioni), vertraut Intendant Serge Dorny also auf einen Künstler im beginnenden Steigflug. Riskant ist das und oft anders als in München, wo man viel auf etablierte Ambition setzt. Wobei in der kommenden Saison einige Bekannte nach Lyon reisen. Tobias Kratzer, Bayreuths diesjähriger „Tannhäuser“-Regisseur, macht Rossinis „Wilhelm Tell“. Beim Festival im kommenden Frühjahr zeigt David Bösch, an der Isar für die Oper entdeckt, Schrekers „Irrelohe“. Das Festival eröffnet übrigens ein „Rigoletto“ in der Regie von Axel Ranisch – eine Koproduktion mit München.

Damit wäre zumindest eine Staatsopern-Tat von Dorny bekannt. Die erste und zweite Münchner Saison hat er bereits im Kasten, sagt er. Mittlerweile kennt der 57-Jährige alle derzeitigen Produktionen und hat sich so seine Gedanken gemacht. Entlocken lässt er sich darüber hinaus nichts Zitierbares. Einen neuen „Ring“ strebt Dorny vorerst nicht an. Im Standardrepertoire, diese Zeichen lassen sich lesen, gibt es wohl ästhetische Neubewertungen. Oder, ganz simpel ausgedrückt: Der – auch notwendige – Umbruch naht.

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