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Das Schiff als Metapher gesellschaftlicher Zustände: Während Heizer Yank (Edmund Telgenkämper) unten malocht und den Kahn am Laufen hält, macht sich auf dem Oberdeck Offizier Esposito (Marc Benjamin) über ihn lustig.

Premieren-Kritik: Theaterschiff Kammerspiele

München - Johan Simons hat die Spielzeit mit seiner kurzweiligen und durchdachten Inszenierung „E la nave va“ nach Federico Fellinis Film eröffnet. Lesen Sie hier die Kritik:

Es ist – trotz allem, was in diesen gut drei Stunden geschieht – ein Abend der Liebe. Der Liebe zu den Menschen und der Liebe zur Kunst. Und das, obwohl erstere manchmal platt ausgewalzt wird und letztere hie und da zur Karikatur verkommt. Doch zum Auftakt seiner zweiten Spielzeit an den Münchner Kammerspielen zeigt sich Intendant Johan Simons (einmal mehr) zutiefst interessiert an sozialen Verhältnissen. Er blickt auf das Mit- und Gegeneinander von Oben und Unten, Arm und Reich, Dritter und Erster Welt.

Seine Inszenierung „E la nave va“ nach Federico Fellinis gleichnamigem Film, die am Donnerstag im Schauspielhaus an der Maximilianstraße Premiere feierte, ist getragen von tiefem Humanismus und befeuert von heftiger Theaterleidenschaft. So ist dieser Abend einer jener Glücksfälle, die unterhalten und dabei die entscheidenden (wenn auch bekannten) Fragen stellen – ohne jedoch Antworten geben zu wollen oder zu können. Das braucht’s auch gar nicht.

Für seine Analyse der Verhältnisse hat Simons Fellinis Film aus dem Jahr 1983 für die Bühne adaptiert und diesen verschnitten mit Szenen aus dem Einakter „Der haarige Affe“ von Eugene O’Neill (uraufgeführt 1922). In diesem Schauspiel wird dem Schiffsheizer Yank durch das Treffen mit einer Millionärstochter bewusst, dass er ein Außenseiter ist, ein von der Gesellschaft verachteter „haariger Affe“.

Diese Figur haben Simons und sein Dramaturg Matthias Günther nun in den Bauch des Luxusdampfers „Gloria N.“ gesteckt – und zudem aus dem Nashorn, das dort im Fellini-Film als Frachtstück dahinvegetiert, einen Gorilla gemacht. Mit dem stattlichen Schiff bricht eine feine Gesellschaft aus Künstlern, Adeligen und Politikern auf, um die Asche einer Operndiva vor deren Geburtsinsel dem Meer zu übergeben.

Fellini ließ sich zu seinem Drehbuch auch von jener Zeremonie inspirieren, bei der im Jahr 1979 die Asche von Maria Callas nach Griechenland überführt und in der Ägäis verstreut wurde. Der italienische Filmemacher (1920–1993) erzählt in seinem „Schiff der Träume“ vom Einbruch der politischen Realität in die Kunstwelt und

vom untergehenden 19. Jahrhundert, das durch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs endgültig hinweggefegt wurde. Auch bei Fellini kommt es zum Zusammentreffen von Arbeitern, die unter Deck den Dampfer am Laufen halten, und den feinen Herrschaften vom Oberdeck.

In seiner Theaterfassung, die – welch Glück! – absolut unabhängig von der Film-Vorlage funktioniert, spitzt Johan Simons diesen Konflikt mit Hilfe von O’Neills Text weiter zu. Schade nur, dass der großartige Edmund Telgenkämper als Yank oft nicht mehr sein darf als das Abziehbild eines proletarischen Proleten. Etwas differenzierter hätte Simons hier schon arbeiten dürfen. Es ist – neben dem leider unnötig hinausgezögerten Ende – einer der wenigen Schwachpunkte seiner Inszenierung.

Bert Neumann hat für diese ein wunderbares Bühnenbild gebaut, das den Raum in der Horizontalen in Ober- und Unterdeck trennt. Während im Bauch des Schiffs alle den Kopf einziehen müssen, ist der Boden oben schräg, sodass die feine Gesellschaft permanent gegen die Schwerkraft kämpfen muss, was zu teils herrlichen Slapstick-Nummern führt. Neumanns Arbeit wurde bei der Premiere spontan beklatscht, als sich der Vorhang hob und ein zweiter, von hinten beleuchteter sichtbar wurde, der ein stattliches Schiff zeigt. Eindrucksvoll!

Alle Schauspieler tragen Masken mit einem verzerrten Gesichtsausdruck – so entstellt wie letztlich die Weltsicht der Figuren. Sie alle agieren wunderbar stimmig und derart gleichberechtigt, dass es wirklich schwerfällt, einzelne herauszuheben. Der Abend lebt enorm von dieser Ensembleleistung – und von einigem mehr.

Denn Johan Simons erzählt in „E la nave va“ nicht nur von Ober- und Unterschicht, nicht nur vom Konflikt zwischen Dritter und Erster Welt (seine Serben tragen braune Strumpfmasken und erinnern nicht zufällig an jene „Boat People“, die in Nussschalen aus Afrika übers Meer fliehen und – wenn sie Glück haben – an die Küsten Europas gespült werden). Johan Simons erzählt auch vom Theaterbetrieb selbst, der letztlich gleich einem Schiff nur funktioniert, weil im Hintergrund viele Unbekannte arbeiten. Daher hat er den Chor der Heizer, der Verdis „Requiem“ singt, mit Menschen aus allen Gewerken seines Hauses besetzt: Schöne Utopie einer echten Theater-Familie? Wer weiß das schon.

Nächste Vorstellungen am 2., 7., 8. und 23. Oktober; Telefon 089 / 233 966 00.

Michael Schleicher 

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