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Premieren-Gespräch: Wir haben alle blaue Flecken

München - Sie ist der Star der Münchner Kammerspiele: Brigitte Hobmeier. Ihre nächste Premiere im Schauspielhaus an diesem Freitag: "Hass" ­ nach dem gleichnamigen Film von Mathieu Kassovitz.

Das hätte sie ja nun nicht gedacht, bei dieser Uraufführung mit dabei zu sein. Denn eigentlich sollte Wiebke Puls in "Hass" mitspielen. Doch die musste wegen Krankheit aus der Produktion aussteigen. Und an einem gemütlichen Tag mitten im Advent ­ Brigitte Hobmeier hatte sich gerade so richtig gefreut, ein bisschen mehr Zeit für ihren kleinen, zweieinhalbjährigen August zu haben ­ da ereilte sie der Anruf des Theaters: Ab morgen habe sie Probe. Und nun ausgerechnet das. Nicht mal ein richtiges Stück. Nicht einmal ein Textbuch, aus dem sie ihre Rolle lernen könnte.

Brigitte Hobmeier stieg also mitten in der Probenzeit von "Hass" ein: "Die ersten zwei Wochen brauchte ich nur für mich, um herauszufinden, was die ,Idee dieses Projekts ist. Für mich ist Projektarbeit völlig neu. Bisher habe ich immer das Glück gehabt, richtige Stücke zu spielen."

Dass ihre Uraufführung, dass "Hass" so aktuell sein würde, das haben die Münchner Kammerspiele bei ihrer Planung nicht ahnen können. Aber die Schläger aus der U-Bahn und die daraus entstandene politische Debatte schleudern unversehens das Theater in die vorderste Front der Diskutanten. Verantwortlich für die Bühnenadaption sind Chefdramaturgin Julia Lochte und Regisseur Sebastian Nübling.

Stehen in dem Film drei gewaltbereite Migrantenjungs in den Banlieues von Paris im Mittelpunkt, sind es auf der Theaterbühne drei junge Frauen; neben Brigitte Hobmeier Katja Bürkle und Katharina Schubert. Die Idee, so Brigitte Hobmeier, "ist ein Verfremdungseffekt". In der naturalistisch nachinszenierten Getto-Realität könne die Bühne sowieso nicht mit dem Film konkurrieren. Also keifen und keilen sich hier drei junge Frauen, was das Zeug hält. Hobmeier: "Wir spielen weder Mädchen noch Jungen. Vom Kostüm her sind wir eher Witzfiguren, Kinderfiguren wie Heidi, Pinocchio oder ein Clown."

Und auch das Bühnenbild sieht, so Hobmeier, eher symbolisch als realistisch aus. "Eine Tonne alter Kartons wird auf die Bühne geschüttet. Die drei Figuren ­ sie sind wie weggeschmissenes Spielzeug und in den Augen der anderen der Abschaum der Gesellschaft; der gehört auf die Müllhalde." Die Aggression, die die drei Jungs im Film ausleben, die spüren die Bühnen-Schauspielerinnen auch. "Da besteht durchaus eine Spannung zwischen uns dreien, und man gerät an seine eigenen Extreme. Manchmal gelange ich bei den Proben selber an den Punkt, wo ich das Gefühl habe: Hier hau' ich jetzt alles zusammen." Bis jetzt aber Hobmeiers einziges und wirkliches Problem bei dieser Arbeit: "Die Sprache. Es fällt mir schwer, so etwas über meine Lippen zu bringen. Die Sprache der Vorstadtjugend ist immens schrecklich. Aber sie transportiert nun mal die Wut, den Hass."

Und das bekommen die Schauspielerinnen auch selbst zu spüren. Psychische Qual wird umgesetzt in physische Qual: "Da müssen wir jeden Tag neun Stunden durch. Und es geht wild zu. Wir haben alle blaue Flecken."

Es ist die dritte Spielzeit, die Brigitte Hobmeier, vom Volkstheater kommend, an den Kammerspielen ist. Fühlt sie sich beruflich angekommen? "Na ja, dadurch, dass die Zeit von Baumbauer endet (der Intendant verlässt 2009 das Haus, Anm. d.Red.), kann von dem Gefühl, angekommen zu sein, nicht die Rede sein. Ich frage mich: Wo will ich danach hin, wo könnte ich hin, schaffe ich es, Film, Theater und Familie unter einen Hut zu bringen? Es ist jedenfalls alles wieder offen."

Ja, sie könnte viel mehr drehen. Und manchmal sei es schon schade abzusagen. "Aber gerade hatte ich das große Glück, mit Marcus H. Rosenmüller zu drehen, den ,Räuber Kneißl, zusammen mit Maximilian Brückner. Das war wunderschön. Mit so viel Freude habe ich noch nie so viel Geld verdient." Allerdings nur noch filmen? Hobmeier: "Ich weiß nicht.Wenn man nicht mehr Theater spielt, fällt, denke ich, die Erdung weg. Das wirkliche Austesten des ganzen Körpers, das geht doch nur am Theater mit seinen wochenlangen Proben."

Diese bedingungslose Bereitschaft macht Hobmeiers Figuren zu etwas Besonderem. Das erkannte auch die Jury des "Faust"-Preises, die sie im November als beste Schauspielerin auszeichnete. Hobmeier: "Das war ein ganz tolles Gefühl. Ich meine, in München kennt man mich. Ich gehöre zu der Stadt. Aber von den anderen Theatern ausgewählt zu werden, das hat mich schon zittern lassen." Dennoch, sie vergisst nicht, wo sie herkommt. Geht sie manchmal noch in Christian Stückls Volkstheater, wo ihre Karriere eigentlich begann? Brigitte Hobmeier: "Nicht so oft, ich habe zu wenig Zeit. Aber den ,Brandner Kaspar habe ich mir dreimal hintereinander angesehen."

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